„Russischer Wahnsinn“ im Ukraine-Krieg: Kiews Top-General sieht Putins Armee schwächeln

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Putins Armee verliert weiter an Stärke – Kiew sieht darin eine strategische Wende. Doch neue Personaldebatten erschüttern Selenskyjs Regierung.

Kiew – Der russische Präsident Wladimir Putin zieht gerne den Vergleich zur Sowjetunion. Dieser Vergleich passte ihm jedoch überhaupt nicht: 1941 rief Josef Stalin den „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen Nazi-Deutschland aus. Die Sowjetarmee benötigte damals 1418 Tage, um bis nach Berlin vorzustoßen und die Kapitulation Deutschlands zusammen mit den Alliierten zu erzwingen. Putins Armee hingegen steckt nach 1419 Tagen des Ukraine-Krieges – also einem Tag mehr – „seit Jahren in denselben Dörfern und Städten des Donbass fest“, wie die oppositionelle russische Website Meduza errechnete.

Wladimir Putin lässt seine russische Armee in der Ukraine weiter völkerrechtswidrig angreifen. © Montage IPPEN.MEDIA / IMAGO / ITAR-TASS / ZUMA Press

Auch wenn die Statistik in russischen Staatsmedien keine Erwähnung findet, können die Auswirkungen des Krieges kaum unbemerkt bleiben. NATO-Generalsekretär Mark Rutte erklärte bei seiner Rede im Dezember, dass es seit Februar 2022 mehr als 1,1 Millionen russische Tote und Verwundete gegeben habe. Demnach lag die Zahl der russischen Verluste im Jahr 2025 bei durchschnittlich 1200 Soldaten pro Tag. Auch wenn die ukrainischen Verluste weitaus geringer ausfallen dürften, machte ein General Selenskyjs nun erste Angaben und gab eine überraschende Prognose für den Krieg heraus.

Selenskyjs General über den Ukraine-Krieg: „Wir sind in der Lage, den Feind systematisch zu zermürben“

„Dieses Jahr hat gezeigt: Wir sind in der Lage, den Feind systematisch zu zermürben und sein Potenzial erheblich zu verringern“, erklärt der Kommandeur der ukrainischen Streitkräfte, General Oleksandr Syrskyj, am Dienstag. Wie die Kyiv Post berichtet, ist der General stolz auf die ukrainische Strategie, welche Putins Truppen in einem Zermürbungskrieg bindet und dadurch maximale Verluste bei gleichzeitig geringen Gebietsgewinnen verursacht. Doch damit nicht genug: „Dank der effektiven Kampfarbeit der Verteidigungskräfte ist es dem Feind seit Langem nicht mehr gelungen, seine Truppenstärke zu erhöhen.“

Der General stellt obendrein klar, dass die Verluste der ukrainischen Streitkräfte im Vorjahresvergleich um 13 % zurückgegangen seien. Die genauen Zahlen über getötete oder verwundete ukrainische Soldaten sind hinsichtlich der Auswirkungen auf die militärische Planung, Innenpolitik und die öffentliche Moral ein streng gehütetes Staatsgeheimnis der Ukraine. Doch auch der Vorgesetzte des Oberbefehlshabers, Präsident Wolodymyr Selenskyj, fand deutliche Worte für das Massensterben in der Ukraine.

Selenskyj empört sich über russische Verluste: „Damit bezahlt Russland“ für den Ukraine-Krieg

In Referenz zu der Meduza-Statistik erklärte Selenskyj, Moskau fahre dieselbe Strategie wie damals: „Sie haben die Misshandlung von Menschen wiederholt, den Faschismus wiederholt, fast alles wiederholt, was im 20. Jahrhundert das Schlimmste war“. Er betont: „Das sagt viel über das System aus, das Putin aufgebaut hat, und einfach über ihn persönlich.“ Die russischen Verluste betragen nach seinen Angaben mindestens 1000 Tote pro Tag. „Und damit bezahlt Russland faktisch dafür, dass der Krieg nicht endet, das ist Wahnsinn.“ Und dieser „russische Wahnsinn“ könne nur mit vereinten Kräften gestoppt werden.

Meduza relativierte indes: Der Vergleich der beiden Kriege sei nicht ganz korrekt. Ein direkter Vergleich vieler Indikatoren zeige, dass der aktuelle Krieg nur für die Ukraine einen existenziellen Charakter habe. Kiew schaffe es, den Krieg mit westlicher Hilfe fortzusetzen. Der Kreml hingegen sei nicht in der Lage oder nicht willens, sich auf einen existenziellen Kampf einzulassen, und beschränke sich darauf, seine Anstrengungen nur geringfügig zu verstärken. 

Die ukrainischen Medien vermeldeten am 1418. Kriegstag kleinere russische Geländegewinne bei Wowtschansk in der Region Charkiw sowie bei Pokrowsk im Donbass. Der militärnahe ukrainische Blog DeepState veröffentlichte dazu auf Telegram entsprechende Karten.

Putin zielt auf kritische Infrastruktur und Wohnhäuser mit Oreschnik-Rakete: „zynischer russischer Terror“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf der russischen Armee bereits nach den verheerenden Luftangriffen der letzten Woche gezielten Terror gegen die Menschen seines Landes vor. Das russische Militär habe innerhalb der vergangenen Woche rund 1100 Drohnen, 890 gelenkte Fliegerbomben und 50 Raketen und Marschflugkörper, darunter die gefürchtete Mittelstreckenrakete Oreschnik, gegen die Ukraine eingesetzt, schrieb er in sozialen Netzwerken. „Auf Ziele, die keine militärische Bedeutung haben: Energieanlagen und Wohnhäuser.“

Moskau habe extra das frostige Wetter abgewartet, um den einfachen Ukrainern das Leben so hart wie möglich zu machen. „Das ist bewusster, zynischer russischer Terror gegen die Menschen“, argumentierte Selenskyj. Seine Worte illustrierte er mit Videoausschnitten von Drohnenschäden ziviler Objekte in Kiew und Umland sowie in den Regionen Charkiw, Cherson, Dnipropetrowsk, Donezk, Odessa, Saporischschja und Tschernihiw. Bilder aus dem westukrainischen Lwiw, wo die Oreschnik-Rakete eingeschlagen ist, waren nicht zu sehen.

Der Kreml stellt die andauernde Bombardierung der Ukraine als Schläge gegen ausschließlich militärisch relevante Objekte dar, auch wenn unter der Zerstörung von Kraftwerken die Zivilbevölkerung leidet. Moskau hat zuletzt seinerseits Terrorvorwürfe gegen Kiew erhoben, weil die Ukraine angeblich eine Drohnenattacke auf eine der Residenzen von Kremlchef Wladimir Putin lanciert hat.

Nach Korruptionsvorwürfen in der Ukraine: Ernennung von zwei Ministern fällt ins Wasser

Die Auswirkungen der Stromausfälle verhinderten zuletzt auch die Ernennung von Ex-Verteidigungsminister Denys Schmyhal zum neuen Energieminister. Schmyhal fehlten 16 Stimmen für seine Bestätigung. Schmyhal war zuvor als Verteidigungsminister entlassen worden. Er stand dem Ressort damit nicht einmal sechs Monate vor. Davor war er mehr als fünf Jahre Regierungschef. Der 50-Jährige gilt als loyal gegenüber Selenskyj.

Doch auch die Ernennung des neuen Verteidigungsministers fiel ins Wasser: Das ukrainische Parlament scheiterte an der Ernennung eines neuen Verteidigungsministers. In der Obersten Rada fanden sich nicht genug Unterstützer für eine Abstimmung über die Kandidatur von Mychajlo Fedorow. Der 34-Jährige hatte zuvor das 2019 geschaffene Digitalisierungsministerium geleitet. Fedorow wäre der vierte Verteidigungsminister seit dem russischen Einmarsch vom Februar 2022 gewesen. Seine Kandidatur war gemäß Verfassung von Präsident Wolodymyr Selenskyj eingereicht worden. Erwartet wird ein neuer Versuch am Mittwoch.

Die Ukraine wehrt sich seit knapp vier Jahren mit westlicher Hilfe gegen eine russische Invasion. Nach Korruptionsvorwürfen häufen sich seit vergangenem Sommer die Personalwechsel in der Regierung und in anderen Positionen. Besonders das Verteidigungsministerium gilt als äußerst korruptionsanfällig. Der Posten des Energieministers war infolge eines Korruptionsskandals im Energiesektor nach einem Rücktritt seit November unbesetzt. Nach russischen Angriffen auf Energieanlagen müssen Millionen Ukrainer bei zweistelligen Minusgraden täglich stundenlang ohne Strom und Heizung auskommen. (Quellen: Meduza, AFP, dpa, Kyiv Post, X, Telegram, Deep State, frühere Berichterstattung) (kox)

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