Geheimdienste lassen Selenskyj aufhorchen: Sorge vor Putins Frost-Offensive im Ukraine-Krieg

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Selenskyj warnt vor neuer Russland-Offensive: Millionen Ukrainer sitzen weiter im Dunkeln und Geheimdienste erwarten Angriffe mit Raketen und Drohnen.

Kiew – Ob in der Debatte um die eingefrorenen russischen Gelder die US-Kaperung russischer Schiffe der Schattenflotte: Das Argument, den Druck auf Wladimir Putin zu erhöhen, um sein Vordringen im Ukraine-Krieg einzudämmen, scheint bislang wenig erfolgreich. Stattdessen drehte der russische Machthaber zuletzt den Spieß um: Wie der Tagesspiegel berichtet, sind derzeit Bürger in den Regionen Kiew, Odessa, Dnipropetrowsk, Donezk, Tschernihiw und Saporischschja weitgehend ohne Strom – bei frostigen Temperaturen von bis zu minus 20 Grad.

Auf diesem vom ukrainischen Katastrophenschutz zur Verfügung gestellten Foto arbeiten Feuerwehrleute daran, ein Feuer nach einem russischen Angriff zu löschen. (Montage) © IMAGO / SNA / Archivbild/picture alliance/dpa/Ukrainian Emergency Service/AP/ Uncredited (montage)

Nach den schweren Angriffen auf die Energieversorgung ruft Präsident Selenskyj dazu auf, den Luftalarm ernst zu nehmen. Der Präsident warnte die Ukrainer eindringlich vor einem weiteren heftigen Angriff Russlands. Es gebe Geheimdienstinformationen, wonach Moskau den nächsten Angriff bereits vorbereite, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft. Die Gouverneure der Regionen lassen den Schrecken erahnen, den Putins Raketen in der Ukraine auslösten: Der Kremlchef machte offenbar keinen Halt vor Kindergärten, Wohnhäusern und medizinischen Einrichtungen für Kinder. Die Verschleppung ukrainischer Kinder brachte ihm bereits einen internationalen Haftbefehl ein.

Putins Raketen treffen Kiew – Selenskyj fordert internationale Hilfe

In der Nacht zu Dienstag (13. Januar) richtete Wladimir Putin mithilfe eines Großangriffs verheerende Schäden an: Gemäß der ukrainischen Luftwaffe erfolgte der Angriff durch 25 Raketen und 293 Drohnen, welche gezielt kritische Infrastruktur angriffen. Laut Selenskyj schnitt Putin „mehrere hunderttausend“ Haushalte von der Energieversorgung ab. In vielen Regionen der Ukraine fallen die Temperaturen nachts in den zweistelligen Minusbereich. Selenskyj befürchtet bereits den nächsten Angriff, welcher der Ukraine schon in wenigen Tagen drohen könnte. Konkret sprach er von Raketen und Drohnen, welche zur Ausschaltung der Flugabwehr genutzt werden könnten. Im Zuge dessen forderte der ukrainische Präsident die Menschen auf, den Luftalarm zu beachten – Russland wolle die Kälte ausnutzen.

Indes richtete der Präsident auch Worte an die internationale Gemeinschaft: Die Unterstützer der Ukraine sollten diesen „russischen Terror mit neuen Hilfspaketen für die Ukraine“ beantworten. Die russische Regierung müsse lernen, dass Kälte „nicht dabei helfen wird, den Krieg zu gewinnen“, erklärte der 47-Jährige in Online-Netzwerken. Die USA unter Präsident Donald Trump kritisierten den russischen Angriff bereits scharf. Auch aufgrund der Beteiligung der atomwaffenfähigen Oreschnik-Mittelstreckenrakete.

Ukraine-Krieg: Russische Drohnen zielen auf Feuerwehr und Rettungskräfte

Am Stadtrand von Charkiw hat der russische Angriff vier Menschen das Leben gekostet, und sechs weitere verletzt. So berichtete zuletzt der Gouverneur der Region Charkiw, Oleh Synehubow, im Onlinedienst Telegram. Ein Journalist der Nachrichtenagentur AFP sah, wie die Feuerwehr einen Brand in einem angegriffenen Postgebäude bekämpfte und Rettungskräfte bei frostigen Temperaturen Überlebende betreuten. Der Bürgermeister von Charkiw, Igor Terechow, meldete, dass bei einem Angriff eine medizinische Einrichtung für Kinder durch eine russische Langstreckendrohne getroffen wurde. Infolgedessen sei ein Feuer ausgebrochen. Bei der Attacke seien ersten Erkenntnissen zufolge niemand verletzt worden.

Doch auch die umliegenden Gebiete wurden nicht verschont: In dem Vorort von Charkiw wurde nach Angaben der regionalen Staatsanwaltschaft ein Logistikzentrum des Postunternehmens Nowa Poschta zerstört. Die Behörde warf der russischen Armee einen sogenannten Doppelschlag vor: Erst sei das Gebäude mit einer Rakete beschossen worden, wenig später hätten Drohnen auf Feuerwehrleute und Rettungskräfte gezielt.

Putin zielt auf zivile Einrichtungen im Ukraine-Krieg: Kindergarten und Wohnhäuser im Visier

Auch andere Gebiete der Ukraine wurden in der Nacht angegriffen, darunter die südliche Hafenstadt Odessa: Dort seien Wohnhäuser, ein Krankenhaus und ein Kindergarten beschädigt worden – mindestens fünf Menschen wurden dabei verletzt, erklärte Regionalgouverneur Serhij Lysak. Weiter ereigneten sich in der südöstlichen Region Saporischschja nach Angaben der Regionalregierung Explosionen infolge russischer Angriffe. 

Die russische Armee attackiert die Ukraine seit Monaten täglich mit Drohnen und Raketen. Inmitten des eisigen Winters verstärkte Moskau insbesondere seine Angriffe auf ukrainische Energieanlagen. So vermeldete auch der größte ukrainische Energieversorger DTEK, die russische Armee habe eines seiner Kraftwerke getroffen. Es handelte sich um die achte derartige russische Attacke seit Oktober. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 gab es bereits mehr als 220 Angriffe auf DTEK-Kraftwerke.

Oreschnik-Rakete sorgt für Empörung – USA verurteilen russische Eskalation

Zuletzt hatte der russische Einsatz der atomwaffenfähigen Mittelstreckenrakete Oreschnik für Empörung in den Vereinigten Staaten gesorgt: „Dies ist eine weitere gefährliche und unerklärliche Eskalation, während die Vereinigten Staaten mit Kiew, anderen Partnern und Moskau zusammenarbeiten, um den Krieg durch eine Verhandlungslösung zu beenden“, erklärte die stellvertretende US-Botschafterin der Vereinten Nationen, Tammy Bruce, am Montag in New York. Anlass war eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats zum Ukraine-Krieg.

Die US-Regierung in Washington verurteile „die anhaltenden und sich verstärkenden Angriffe Russlands auf Energieanlagen und weitere zivile Infrastruktur der Ukraine“, betonte Bruce. Das Vorgehen Moskaus drohe, „den Krieg auszuweiten und zu verschärfen“. Auch der amtierende britische Botschafter bei der UNO, James Kariuki, bezeichnete den Angriff nahe der polnischen Grenze als „rücksichtslos“. Weiter sei der Angriff eine Gefährdung für „die regionale und internationale Sicherheit“. Der Einsatz der atomwaffenfähigen Rakete berge ein „erhebliches Risiko einer Eskalation und Fehleinschätzung“.

Indes sprach Selenskyj von Fortschritten beim Austausch des ukrainischen Verhandlungsteams mit US-Vertretern: Dokumente seien größtenteils unterschriftsreif, sagte er, nannte jedoch keine Details. Selenskyj gehe davon aus, dass das Format Davos im Hinblick auf Beziehungen zu den Partnern der Ukraine und ihren Wiederaufbau nach den russischen Angriffen sehr erfolgreich werde. In Davos findet traditionell Anfang des Jahres das Weltwirtschaftsforum (WEF) statt. Eigentlich ist es das Jahrestreffen der Mitglieder, überwiegend großer Firmen. Sie sollen sich nach WEF-Vorstellungen Gedanken über ihren Beitrag zur Lösung weltweiter Krisen machen. Seit Jahren nutzen Politiker aus aller Welt das Forum für Gespräche in informellem Rahmen.

Klitschko rät zum Verlassen von Kiew: Putin zielt auf kritische Infrastruktur

Die russischen Streitkräfte hatten die Oreschnik-Rakete bei massiven Angriffen auf die Ukraine in der Nacht zum Freitag eingesetzt. Nach Angaben Moskaus traf die Hyperschallrakete eine Flugzeug-Instandsetzungsfabrik in der westukrainischen Stadt Lwiw. Die Ukraine erklärte, es sei ein „ziviles“ Ziel in der Region getroffen worden. Der Großangriff war die zweite bekannte Offensive mit einer Oreschnik-Rakete in der Ukraine. Zuletzt kam die Rakete im November 2024 zum Einsatz.

Bereits am vergangenen Donnerstag hatte Selenskyj vor einem neuen massiven Angriff Moskaus in der Nacht gewarnt. Nur einen Tag später, in der Nacht zu Freitag, attackierte Russlands Militär die Ukraine heftig. In der Hauptstadt Kiew kam es in der Folge des massiven Angriffs zu so heftigen Ausfällen von Strom-, Wasser- und Heizungsversorgung, dass Bürgermeister Vitali Klitschko zum vorübergehenden Verlassen der Stadt riet. (Quellen: dpa, AFP, Kyiv Independent, Tagesspiegel, Telegram, X frühere Berichterstattung) (kox)