Es wirkt, als sehnten sich viele Deutsche nach einer Führungsgestalt, die Ruhe, Stabilität und „Mutti-Autorität“ ausstrahlt - wie Angela Merkel. Nach einer kurzen Übergangsphase unter Olaf Scholz und dem Regierungswechsel zu Friedrich Merz macht sich nun der Eindruck breit, dass eine andere Persönlichkeit im Kabinett die Rolle der stillen Richtungsgeberin übernimmt: Bärbel Bas.
Nicht als Kanzlerin – aber als politische Figur, die zunehmend den Ton setzt und damit eine Dynamik erzeugt, die an Angela Merkels lange Schatten erinnert.
Merz hat Bas ein enorm einflussreiches Ministerium gegeben
Dass ausgerechnet Merz, der sich einst als entschiedener Gegenentwurf zu Merkel verstand, diese Konstellation möglich gemacht hat und dem ganzen auch nichts entgegenzusetzen hat, ist eine der bemerkenswertesten Ironien der neuen politischen Lage.
Mit der Übergabe zentraler Ressorts – insbesondere des Finanz- und des Arbeitsministeriums – an die SPD hat er der Partnerpartei erhebliche Gestaltungsmacht eingeräumt. Bas hat das Ministerium gekriegt, in dem am meisten Geld ausgegeben wird – und auch am meisten gespart werden könnte, wenn man denn wollte.
Merz will das offenbar nicht, sondern hätte er dort jemand anderen platziert. Oder das Ministerium gar nicht erst an die SPD gegeben.
Die Machtzentren der neuen GroKo – und ihr erstes Paradox
Die Große Koalition, die ihrem Namen kaum noch Ehre macht, hat einen strukturellen Geburtsfehler: Ein Reformkanzler Merz versucht, ein Land zu modernisieren, während zwei Schlüsselministerien in den Händen einer Partei liegen, die in zentralen Fragen eher ein "Weiter so" will.
Besonders sichtbar wird dies, wenn Bas markante Aussagen tätigt, die selbst den Kanzler herausfordern – und Merz kaum Kontra gibt.
Während Finanzminister Lars Klingbeil (der innerhalb der eigenen Partei nicht unumstritten ist) vergleichsweise leise agiert und auch deutlich sagt, dass Deutschland Reformbedarf hat, positioniert sich Bas offen, kantig, gelegentlich konfrontativ.
Sie rügt Aussagen des Kanzlers als „Bullshit“ und ihre Angriffe auf Arbeitgeberverbände sorgen für Irritation in Zeiten, in denen viele Unternehmen ohnehin entweder das Land verlassen oder gleich in Konkurs gehen.
Warum ausgerechnet Bas die Merkel-Projektionsfläche bietet
Wenn Bas keine Arbeitgeber und damit keine Unternehmen mehr als Gegner in Deutschland haben will, kann ihr dieser Wunsch schneller erfüllt werden als sie hoffen mag.
Bas’ Auftritt folgt einer Linie, die im deutschen Politikempfinden auf fruchtbaren Boden fällt: ruhig, aber bestimmt; sozialpolitisch verankert, aber machtbewusst; und in ihrer Wirkung erstaunlich eigenständig gegenüber dem Kanzleramt. Wer 16 Jahre Merkel erlebt hat, erkennt diese Mischung sofort wieder.
Deutschland ist an eine „Mutti-Figur“ gewöhnt
Dazu kommt ein psychologischer Effekt: Deutschland ist an eine „Mutti-Figur“ gewöhnt. Sie muss nicht Kanzlerin sein – sie muss sich nur so benehmen. Und genau das tut Bas innerhalb ihres Ressorts und zunehmend darüber hinaus.
Merz hingegen vermeidet bewusst den Merkel-Stil, schafft aber damit genau das Vakuum, das Bas mühelos füllt.
Bas scheint es egal zu sein, wer unter ihr Kanzler ist
So wirkt es, als ob Bas Kanzlerin sei und Merz irgendetwas zwischen halber Außenminister und Kanzleramtschef. Bismarck sagte einst, es sei ihm egal, wer unter ihm Kaiser sei. Bas scheint es auch egal zu sein, wer unter ihr Kanzler ist.
Jedes Vakuum, das predige ich in Führungsworkshops immer wieder, wird mit einer Story erfüllt. Da Merz all seine Vorhaben entweder kassieren muss oder sein Wort bricht, wird dieses Merz-Vakuum mit einer Merkel-Story gefüllt, die allerdings Bas erzählt.
Bei ihr muss keiner um Kürzungen bangen, den Deutschen wird mutti-haft erklärt, dass alles so bleiben wird, wie es ist. Genau das, was Merkel 16 Jahre lang erzählt hat.
Und genau das, was die wandlungsunwilligen Deutschen auch hören wollen. Das ist keine gute Story - aber eine schlechte Story ist oft wirksamer als gar keine.
Deutschland hat die alte „Mutti“ nicht zurückbekommen – aber offenbar eine neue gefunden.
Prof. Dr. Veit Etzold ist ein anerkannter Redner, CEO-Coach und Strategieberater mit über 20 Jahren Erfahrung in verschiedenen Branchen. Er lehrt Marketing und Neuromarketing an der Hochschule Aalen. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.