CSU-Chef Markus Söder fordert eine Stunde mehr Arbeit pro Woche. Ökonomen sehen darin eine Chance. Doch der Vorschlag scheitert an strukturellen Hürden.
Berlin – Deutschland kämpft mit einem dramatischen demografischen Wandel: Die geburtenstarken Jahrgänge verabschieden sich nach und nach in den Ruhestand, während immer weniger junge Menschen nachkommen. Diese Entwicklung bringt das Rentensystem an seine Grenzen und macht Reformen dringend erforderlich. Als Antwort auf diese Herausforderung schlägt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) prompt vor, dass Deutsche wöchentlich eine Stunde länger arbeiten sollen.
„Wenn wir immer mehr ältere und immer weniger jüngere Menschen haben, kann man das nur ausgleichen, indem Deutschland länger arbeitet. Und zwar generell in der Lebenszeit“, sagte er im Interview mit Bild. „Eine Stunde mehr würde uns allen helfen, das Beispiel Schweiz und andere Länder zeigen es.“ Damit bezieht er sich auf Daten des Statistischen Bundesamts, die zeigen, dass deutsche Vollzeitbeschäftigte 40,2 Stunden pro Woche arbeiten. In der Schweiz sind es 42 Stunden.
Mehr Arbeit ist gleich mehr Rente? Das sagen Ökonomen zur Forderung von Söder
Für die Rente könnte eine Stunde Mehrarbeit tatsächlich spürbare Verbesserungen bringen. Mehr Arbeitsstunden bedeuten höhere Einnahmen für die Rentenversicherung – vorausgesetzt, die Löhne steigen entsprechend mit. Grundsätzlich gilt: Wer länger arbeitet, profitiert später im Ruhestand. Für jeden Monat, den Beschäftigte über das reguläre Rentenalter hinaus arbeiten, gibt es einen Zuschlag von 0,5 Prozent auf die Rente, erklärt die Deutsche Rentenversicherung (DRV).
So viel wird in Deutschland tatsächlich gearbeitet
Deutsche Vollzeitbeschäftigte arbeiten im Schnitt etwas weniger pro Woche als der EU-Durchschnitt. Erwerbstätige im Alter von 15 bis 64 Jahren kamen 2024 hierzulande auf durchschnittlich 40,2 Wochenstunden. Damit lag Deutschland knapp unter dem EU-Wert von 40,3 Stunden, so das Statistische Bundesamt. Dabei ist die Arbeitszeit in den vergangenen zehn Jahren leicht gesunken: 2014 lag sie in Deutschland bei 41,5 Wochenstunden, EU-weit bei 41,3.
Auch Ökonomen sehen Potenzial. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm rechnet bei Bild vor: Bei 41 Arbeitswochen im Jahr – abzüglich drei Wochen Krankheit, zwei Wochen Feiertagen und sechs Wochen Urlaub – käme man auf 41 Stunden mehr pro Jahr. „Das dürfte schon einen Effekt haben“, so Grimm. „Alleine zwei Arbeitstage mehr führen zu einem Wachstumseffekt von etwa 0,3 Prozent.“ Der Ökonom Klaus Regling geht noch einen Schritt weiter: Er möchte deutsche Feiertage abschaffen.
Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, beziffert den Effekt noch konkreter. Eine Stunde Mehrarbeit pro Woche würde demnach die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden um 2,5 Prozent erhöhen. Gunther Schnabl, Direktor des Flossbach von Storch Research Institutes, meint hingegen, die Wirtschaftsleistung würde sogar „um über zwei Prozent steigen, wenn jeder Erwerbstätige eine Stunde mehr in der Woche arbeiten würde“. Die Mehreinnahmen würden die Sozialkassen entlasten.
Sozialverband kritisiert Renten-Vorstoß – „wird nicht gelingen“
Doch Söders Renten-Vorstoß sorgt nicht überall für Begeisterung. Im Gegenteil: „Ministerpräsident Markus Söder sagt nur die halbe Wahrheit“, erklärt Verena Bentele, Präsidentin vom Sozialverband VdK Deutschland, auf Anfrage von Merkur.de von Ippen.Media. „Es stimmt: Wenn wir die gesetzliche Rente in den kommenden Jahren stabil finanzieren wollen, müssen wir als Erstes brachliegende Potenziale auf dem Arbeitsmarkt mobilisieren.“ In den vergangenen zehn Jahren habe es etwa bereits Fortschritte bei der beruflichen Integration von Menschen und eine massive Zunahme der Beschäftigung von Älteren und Frauen gegeben.
„Wenn Söder ernsthaft diesen Weg weitergehen will, wird das nicht gelingen, indem er die Beschäftigten in Deutschland durch gesetzliche Regelungen zu einer längeren wöchentlichen Arbeitszeit zwingt“, so Bentele. Gerade in Bayern steige die Teilzeitquote vieler Frauen nicht aus freien Stücken, sondern weil der Ausbau der Ganztagsbetreuung nur langsam vorankomme. Ähnliche Hürden sieht sie bei Älteren, die wegen Krankheit oder der Pflege von Angehörigen oft schon vor Renteneintritt entlassen werden. Die VdK-Präsidentin fordert daher stattdessen flexible Arbeitszeitmodelle sowie Reha- und Qualifizierungsangebote.
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Söder-Vorschlag scheitert laut Expertinnen an grundlegenden strukturellen Problemen
Eine ähnliche Meinung vertritt Michaela Engelmeier, Vorstandsvorsitzende vom Sozialverband Deutschland (SoVD). „Zunächst einmal gibt es durchaus Erwerbstätige, bei denen es sich positiv auswirkt und die auch theoretisch gerne mehr arbeiten würden. Viele hängen aber etwa in Teilzeit fest, dies zumeist unfreiwillig, da sie sich noch um Kinder oder um die Pflege Angehöriger kümmern müssen“, sagt sie gegenüber Merkur.de. Damit Beschäftigte mehr arbeiten können, müssen laut Engelmeier zunächst die Rahmenbedingungen stimmen, „wie etwa ausreichend Kita-Plätze auch zu Randzeiten oder Unterstützung bei der Pflege“.
„Aber selbstverständlich bringt jede Stunde Mehrarbeit am Ende auch einen gewissen zusätzlichen Teil für die Rente.“ Wenn es aber um die Stabilisierung des Rentensystems geht, müsse auch das Rentenniveau bei 48 Prozent gehalten werden. Zudem fordert sie – wie auch der Sozialverband VdK – die Einbeziehung von Selbstständigen, Beamten sowie Abgeordneten in die Rentenkasse. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) unterbreitete bereits einen solchen Vorschlag im Mai 2025.
„Wer will und auch mehr arbeiten kann, für diejenigen ist es gut. Aber: Mehrarbeit heißt nicht in allen Unternehmen automatisch mehr Gehalt – die Mehrarbeit muss also auch bezahlt werden. Nur dann lohnt es sich am Ende auch für die Rente“, sagt die SoVD-Vorstandsvorsitzende. „Aber wir sagen auch: Wichtig ist, dass alle am Ende des Erwerbslebens ihre Rente gesund erreichen. Dazu braucht es erwiesenermaßen auch ausreichend Ruhe- und Erholungszeiten.“ Bei jährlich rund 41 Arbeitswochen in durchschnittlich 35 Jahren Erwerbstätigkeit bedeute das am Ende 1435 Stunden Mehrarbeit – zusammengerechnet fast 180 Tage.
Ob Söders Vorschlag durchsetzbar ist, bleibt fraglich. Die Gewerkschaften dürften jedenfalls Widerstand leisten, und auch die Arbeitnehmer müssten mitziehen. Unions-Kollegin Katherina Reiche (CDU) hatte bereits im Sommer 2025 längere Arbeitszeiten vorgeschlagen und stieß dabei auf Gegenwind. Fakt ist: Ohne strukturelle Reformen wird das Rentensystem langfristig nicht finanzierbar bleiben. Erst im Dezember 2025 hat die Rentenkommission der schwarz-roten Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz die Arbeit aufgenommen. (Quellen: eigene Recherche, Bild, Deutsche Rentenversicherung, Statistisches Bundesamt) (cln)