Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein … oder auch: den Tennisball. Solch ein neutestamentarisches Weltbild mag erklären, warum die Christdemokraten zumindest öffentlich hinter Kai Wegner stehen.
„Fraglos ist er deutlich beschädigt und auch intern geschwächt“, schrieb ein Berliner CDU-Abgeordneter meinem Kollegen Ruben Giuliano. Ein anderer Partei-Insider hingegen verteidigte ihn mir gegenüber als „superfleißig. Finde die Kritik ziemlich wohlfeil.“ Wegner müsse jetzt „den Sturm überstehen“, dann sei es für September kein Wahlkampfthema mehr.
Zu viel verlangt?
Das kann man getrost bezweifeln. Die Wahlplakate der Konkurrenz drucken sich von selbst – schon jetzt kursieren Fotovergleiche zwischen der Berliner AfD-Chefin an der Gulaschkanone und dem „Regierenden“ mit Tennisschläger.
Mancherorts sind allerdings Kommentare zu lesen, die Deutschen hätten bei „demokratischen Politikern noch immer absurd hohe Ansprüche an richtiges Verhalten“. Nun könnte man meinen, dieses richtige Verhalten unterscheide sie von undemokratischen Politikern.
FOCUS+
-
Bildquelle: Adobe Stock
1000 Euro Zusatzeinkommen – das ist die beste Anlagestrategie für Rentner
Wie Sie sich eine gute Extra-Rente auszahlen – ohne Vermögensverlust.
Bild der Lage machen
Niemand hat im Übrigen verlangt, dass Berlins Landeschef sich aus Solidarität vier Tage lang in eine Kältekammer sperrt. Oder eigenhändig Kabel flickt. Der „absurd hohe Anspruch“ lautet, erstens, dass ein Krisenmanager sich frühzeitig selbst ein Bild der Krise macht.
Wegner entgegnet: „Für mich persönlich wäre es wahrscheinlich besser gewesen, wenn ich vor Ort gewesen wäre und ein paar Fotos gemacht hätte. Aber hätte es irgendeinem Betroffenen etwas gebracht? Ich glaube: nein.“ Ich glaube: Er hat da etwas nicht ganz verstanden.
Planänderung geboten
Der Vorwurf lautet nicht, zu spät für Fotos posiert zu haben. Kritisiert wird, dass Wegner es zu lange nicht für nötig hielt, sich in einer der schwersten Krisen seiner Stadt vor Ort zu informieren und Helfern wie Betroffenen zu signalisieren, dass der Bürgermeister sich für die Bürger interessiert.
Zweitens ist es auch kein Akt übermenschlicher Selbstkasteiung, an Tag 1 dieser Krise seine sportiven Wochenendpläne zu streichen.
Wie im Achtsamkeitsseminar...
Wer aber wegen ein paar Stunden am Telefon von sich sagt: „Ich musste abschalten. Ich musste herunterkommen.“ – als sei er gerade in einem Achtsamkeitsseminar, den darf man fragen, ob er die nötige Resilienz für das Amt mitbringt.
Vor allem aber sollte ein Bürgermeister, drittens, weder Bürger noch Mitarbeiter hinters Licht führen: „Ich war zu Hause, habe mich in meinem Büro zu Hause eingeschlossen – im wahrsten Sinne.“ Eher im unwahrsten. Man kann das „Verschweigen“ nennen oder „glatt gelogen“, jedenfalls zerstört Kai Wegner damit Vertrauen. Und überschattet so die hervorragende Arbeit, die viele Menschen nach dem Linksterror-Anschlag in Berlin geleistet haben.
Sollte Kai Wegner zurücktreten? Schreiben Sie uns: feedback@focus-magazin.de*
Die Fakten am Morgen
Das FOCUS Briefing von Tanit Koch und Thomas Tuma. Kompakt die wichtigsten Informationen aus Politik, Wirtschaft und Wissen ab jetzt werktags immer um 6 Uhr in Ihrem Postfach.