Berliner Blackout: Behördenbericht warnte noch vor Chaos – jetzt ist es da

Als FOCUS online vor gut vier Wochen über den erbärmlichen Zustand des Katastrophenschutzes in Berlin berichtete, wirkte das alles ziemlich theoretisch. Viele Leser hakten das chaotische Helfersystem, in dem Stückwerk, Ahnungslosigkeit, amateurhaftes Gewurschtel und sorglose Schlampigkeit dominieren, als „typisch Berlin“ ab. 

Schneller als gedacht, zeigt sich jetzt auch im realen Leben, wie missverwaltet die deutsche Hauptstadt ist. Nach dem Terroranschlag der linksextremistischen „Vulkangruppe“, die der Berliner Sicherheitsapparat seit vielen Jahren kennt, aber nicht ansatzweise zu bändigen vermag, wurde es in Teilen der Stadt zappenduster.

"Typisch Berlin": Blackout nach Anschlag linksextremer Gruppe

Der Blackout nach dem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde betraf 45.000 Haushalte im Südwesten von Berlin, dazu Supermärkte, Schulen, Restaurants und Unternehmen. Kein Strom, kein Licht, keine Heizung, kein WLAN, nichts – ein Fiasko für die Menschen in den von politischen Gewalttätern lahmgelegten Gebieten.

Dass der Staat seine kritische Infrastruktur nicht dauerhaft und hundertprozentig gegen Angriffe schützen kann, leuchtet einigermaßen ein. Aber dass Zehntausende Menschen für Tage vom Stromnetz abgeschnitten sind, bei Schnee und eisigen Außentemperaturen frieren, Kerzen anzünden, ohne Telefon und Computer auskommen müssen, mutet im Jahr 2026 befremdlich und verstörend an. Dabei tun Polizei und Rettungskräfte ihr Möglichstes, um den Opfern zu helfen.

Bereits jetzt schlagen Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) blanke Wut entgegen, weil sie in der Krisenlage allenfalls eine mittelmäßige Figur abgeben. Ein aufgebrachter Mann beschuldigte Wegner bei einem Ortstermin, die Opfer im Stich zu lassen. „Das ist nur widerlich“, schimpfte der Mann. „Das ist doch unfassbar. Was ist los in dieser Stadt, Herr Bürgermeister?“

"Das ist doch unfassbar. Was ist los in dieser Stadt?"

Was in Berlin los ist, hat FOCUS online Anfang Dezember 2025 in einem Artikel über den Zustand des Katastrophenschutzes ausführlich beschrieben. Grundlage war der Jahresbericht des Berliner Landesrechnungshofs. Mit dem Papier wurde amtlich bestätigt, dass sich die Menschen in Extremfällen lieber nicht auf den Berliner Katastrophenschutz verlassen sollten. 

Etwa bei Pandemieausbrüchen, Terroranschlägen und Cyberangriffen auf die Infrastruktur. Oder bei einem großflächigen Ausfall von Strom-, Wasser- und Computernetzen, dem Zusammenbruch des Nahverkehrs und so weiter. 

Grund: In seinem jetzigen Zustand ist das behördliche Helfer-Netzwerk nur bedingt einsatzbereit. Das beweist ein Kernsatz im soeben veröffentlichten Rechnungshof-Bericht, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: „Von den 37 zuständigen Behörden wussten fünf nicht einmal, dass sie Teil des Katastrophenschutzes sind.“

Rechnungshof prüft Katastrophenschutz: Vernichtendes Fazit

Die Einschätzung klingt vernichtend. Und je tiefer man in die Materie eindringt, desto mehr fragt man sich: Wie konnten sich solche Zustände herausbilden? Und warum haben die Verantwortlichen der größten deutschen Stadt nichts dagegen unternommen?

Zum Verständnis: Bereits vor vier Jahren, 2021, ist das Katastrophenschutzgesetz in Berlin neu gefasst worden. Hintergrund waren mehrere Großschadenslagen: der mörderische Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt 2016, der Stromausfall über mehr als 30 Stunden im Bezirk Treptow-Köpenick mit 70.000 Betroffenen und die Anfang 2020 ausgebrochene Covid-19-Pandemie mit vielen Toten und Kranken.

Jetzt hat der Rechnungshof geprüft, wie es um die Organisation des landesweiten Katastrophenschutzes bestellt ist. Das Fazit ist erschreckend. Die eingebundenen Behörden seien „organisatorisch und personell nicht ausreichend auf Katastrophen und Großschadensereignisse vorbereitet, zentrale Vorgaben des Gesetzes werden nicht erfüllt“, steht im Bericht der Experten für das Jahr 2025.

Fünf Behörden wissen nicht, dass sie Teil des Systems sind

„Nicht ausreichend vorbereitet“, das ist eine einigermaßen freundliche Umschreibung für die eklatanten Lücken im Berliner System. Dabei ist der Katastrophenschutz eine staatliche Pflichtaufgabe. Hier einige Fakten, die der Bericht aufzählt:

  • Von den 37 zuständigen Behörden wussten fünf nicht einmal, dass sie Teil des Katastrophenschutzes sind.
  • Diese fünf Behörden nahmen zwischen 2021 und 2023 an keiner der insgesamt zwölf Sitzungen der Katastrophenschutzbeauftragten teil.
  • Die für Inneres zuständige Senatsverwaltung hatte die fünf Katastrophenschutzbehörden zwar regelmäßig zu Sitzungen eingeladen, die Abwesenheit jedoch nie hinterfragt oder aufgeklärt.
  • Einige Behörden sahen sich nicht einmal als Berliner Katastrophenschutzbehörden, weil sie aufgrund von Staatsverträgen auch für das Land Brandenburg zuständig sind und unklar blieb, ob für sie die Berliner Vorgaben gelten oder nicht.
  • Mehrere Katastrophenschutzbehörden – konkret eine Bezirksverwaltung, sieben Senatsverwaltungen und sieben nachgeordnete Behörden – hatten für das Jahr 2024 keinerlei finanzielle Mittel vorgesehen. Ähnlich war die Situation in den zwei Jahren davor.
  • Bei drei Senats- und Bezirksverwaltungen waren die Stellen des Katastrophenschutzbeauftragten unbesetzt.
  • Einen Katastrophenschutzplan, wie er im Gesetz vorgeschrieben ist, hat laut Abfrage des Rechnungshofs nicht mal ein Drittel der zuständigen Behörden, eine Gefährdungsabschätzung nur jede sechste.
  • Eine Bezirks- und drei Senatsverwaltungen sowie die Hälfte der nachgeordneten Behörden gaben an, keinen Krisenstab vorzuhalten. Krisenstäbe haben im Ernstfall die Aufgabe, Abwehrmaßnahmen zu koordinieren und relevante Lageinformationen zu verteilen.

Erschreckende Defizite gibt es auch bei sogenannten Katastrophenschutz-Leuchttürmen. Damit sind lokale Anlaufstellen für die Bevölkerung in Krisensituationen gemeint. Es soll sie in jedem Bezirk geben – mal stationär (etwa in Rathäusern), mal mobil als spezielle Fahrzeuge. Laut Rechnungshof verfügt nur ein Bezirk sowohl über einsatzbereite mobile als auch über stationäre Katastrophenschutz-Leuchttürme. Den anderen Bezirken fehlt es am Geld.

Helfer: "Mahnende Hinweise werden konsequent weggeatmet"

Insgesamt übt der Rechnungshof heftige Kritik an der Senatsinnenverwaltung, die für die Koordinierung des Katastrophenschutzes zuständig ist. Die Prüfer kommen zu dem Schluss, die politisch Verantwortlichen würden der „Bedeutung und Dringlichkeit des Themas nicht gerecht“. Sie hätten „die zahlreichen Defizite bei der Katastrophenvorsorge nicht erkannt“ und folglich auch nicht behoben.

So diplomatisch will sich ein Experte, der von den chaotischen Zuständen unmittelbar betroffen ist, nicht ausdrücken. 

„Berlin kennt seine gesetzlichen Verpflichtungen bezüglich des Katastrophenschutzes seit Jahrzehnten, erfüllt sie aber bis heute unzureichend. Strukturelle Defizite, fehlendes Fachpersonal, diffuse Koordinierung und die Fixierung auf wochenendbeschulte Universalbeamte oder die dauerüberlastete Berliner Feuerwehr verhindern, dass das staatliche Schutzversprechen erfüllt wird“, so ein ehrenamtlicher Katastrophenhelfer zu FOCUS online. 

Während die 3,9 Millionen Einwohner darauf vertrauten, dass die Berliner Verantwortlichen für den Krisenfall gut gewappnet sind und entsprechende Ressourcen vorhalten, seien die Defizite unter den Helfern seit langem bekannt. „Doch mahnende Hinweise werden konsequent weggeatmet“, klagt der erfahrene Krisenmanager.

Arbeitskreise und Projektgruppen, die am Ende nichts bringen

Schon 2001 habe der damalige Innensenator Ehrhart Körting (SPD) die Dringlichkeit eines gut funktionierenden Bevölkerungsschutzes angemahnt und festgeschrieben. „Doch die Gesetze werden praktisch nicht gelebt und seit 23 Jahren von Ablage zu Ablage verfügt“, kritisiert der Experte. „Statt endlich vorhandenes Expertenwissen in der Stadt zu bündeln und Berlin binnen weniger Monate konzeptionell auf Stand zu bringen, bleibt man im alten Trott stecken – und macht jahrelang gelebte Praxis de facto zum Gesetz.“

Wo man klare Entscheidungen und verbindliche Regelungen zum Wohl der Bürger treffen könnte, setze man seit Jahren Arbeitskreise und Projektgruppen ein, die am Ende nichts bringen, sondern nur Geld verschlingen. „Genau diese Gewohnheitsverwaltung sorgt dauerhaft für rechtliche Unklarheiten, gelebte Verantwortungsdiffusion und vermeidbare Spannungen“, moniert der Katastrophenhelfer im Gespräch mit FOCUS online. 

Sein bitteres Fazit: „Berlin ist derzeit strukturell hoch verwundbar – nicht, weil Wissen fehlt, sondern weil man es nicht nutzen will oder nicht weiß, wie.“

Innensenat lobt "Anstrengung und Leistung" der Verantwortlichen

Die Berliner Innenverwaltung hat zu den Recherchen des Rechnungshofs eine Stellungnahme verfasst. Darin heißt es, man wolle seiner Koordinierungsfunktion „künftig intensiver nachkommen“. Außerdem sei man sich darüber im Klaren, dass der Katastrophenschutz „einer weitergehenden Stärkung“ bedürfe. 

Kritik im Detail wollten die Verantwortlichen nicht gelten lassen. Stattdessen verwiesen sie auf „die Vielzahl an gemeinsam entwickelten Maßnahmen und Konzepten“ für Krisenlagen. Das belege „die Anstrengung und Leistung der jeweiligen Beschäftigten für den Katastrophenschutz im Land Berlin“.