Man stelle sich vor, Claudia Roth will in einem Berliner Restaurant essen gehen, aber der Besitzer erklärt ihr, sie werde hier nicht bedient. Auf Nachfrage gibt der Gastronom ihr zu verstehen, sie sei wegen ihrer politischen Gesinnung unerwünscht.
Daraufhin postet die Präsidentin des Deutschen Bundestages, Julia Klöckner, auf X in Anspielung auf diesen Vorfall ein fröhliches Foto, wie sie in genau diesem Restaurant isst. Frei nach dem Sprichwort über Schadenfreude: „Wenn’s dem Nachbarn schlecht geht, schmeckt der Kaffee besser.“
Die Empörung über Klöckner wäre gigantisch. Keiner käme auf die Idee, den Vorgang mit Hinweis auf das Hausrecht des Gastronomen zu verteidigen. Im Gegenteil.
Jan Böhmermann riefe Alarm und forderte den sofortigen Rücktritt von Klöckner, Katrin Göring-Eckardt sähe die Demokratie in Gefahr, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier riefe zum Kampf gegen Hass und Hetze auf und mahnte zum Zusammenhalt. Omas gegen Rechts und Palästina-Aktivisten gingen gemeinsam auf die Straße, um ihren Protest zu bekunden. Auch Friedrich Merz ginge, allerdings erst einen Tag später, auf Distanz zu Klöckner und entschuldigte sich, dass er nicht eher auf Distanz gegangen sei.
Restaurant-Eklat in Weimar: Kemmerich im „Schwarzen Bär“ unerwünscht
Aber das ist nicht passiert. Ein Post auf X erregt die Gemüter – aber leider nur von einigen wenigen. Bodo Ramelow (Linke), ehemaliger Ministerpräsident von Thüringen und heute Vizepräsident des Deutschen Bundestages, postete: „Hier hat es einem ehemaligen Ministerpräsidenten wirklich gut geschmeckt und die Bedienung war sehr freundlich.“
Das Foto zeigt den Linken-Politiker in sichtlich bester Laune. Doch Freude hat er wohl weniger an dem Essen, sondern seine Freude ist die Schadenfreude darüber, dass er dort essen darf, wo es seinem Vorgänger Thomas Kemmerich (ehemals FDP, heute „Team Freiheit“) verwehrt wurde.
Was war passiert? „Sie werden hier nicht bedient“, erklärte das Restaurant „Schwarzer Bär“ in Weimar vor einigen Wochen dem Gast Thomas Kemmerich, der hier zusammen mit seinem Sohn privat essen wollte. Kemmerich fragte nach, warum er nicht bedient werde. Die Antwort: weil er Thomas Kemmerich sei.
Der Liberale Kemmerich war vor fünf Jahren zum Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt worden, auch mit Stimmen der AfD. Das war damals sofort skandalisiert worden. Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, ganz im Stil der DDR, „dass dieser Vorgang unverzeihlich ist und deshalb auch das Ergebnis wieder rückgängig gemacht werden muss". Und tatsächlich musste er zurücktreten und die CDU ermöglichte durch ihre Enthaltung, dass Ramelow zum Ministerpräsidenten gewählt wurde.
Linke provoziert: Nach dem Blumenstrauß kommt jetzt die Häme
Der Schadenfreude-Post von Ramelow reiht sich ein in die Reaktion unmittelbar nach der Wahl. Die damalige Linke-Landeschefin Susanne Hennig-Wellsow hatte Kemmerich einen Blumenstrauß vor die Füße geworfen, statt ihm zu gratulieren, wie das sonst üblich ist.
Wie hätte Ramelow reagieren können, nachdem Kemmerich der Restaurantbesuch verwehrt wurde? Er hätte sagen können: „Obwohl ich die politischen Meinungen von Thomas Kemmerich nicht teile, finde ich es inakzeptabel, dass jemandem nur deshalb der Besuch in einem Restaurant verwehrt wird, weil dem Gastronomen seine politische Meinung nicht passt.“
Ramelow ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages. In dieser Funktion werden eine Zurückhaltung bei parteipolitischen Stellungnahmen und eine respektvolle, ausgleichende Kommunikation erwartet. Das sollte in gewisser Hinsicht auch dann gelten, wenn der Vizepräsident nicht auf seinem Stuhl sitzt.
Ramelows Skandal-Historie: Erinnerungen an den Stinkefinger
Ramelow gilt gemeinhin als „gemäßigter“ Linker, ja, manche wollten in ihm einen Sozialdemokraten sehen, den man auf keinen Fall ausgrenzen dürfe. Politiker wie der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther (CDU), zeigten stets demonstrativ ihr gutes Verhältnis zu ihm.
Und Ramelow selbst? Ist der Post gegen Kemmerich ein Ausrutscher?
Es sei daran erinnert, dass Ramelow einem AfD-Abgeordneten in einer Landtagsdebatte den Mittelfinger gezeigt und ihn als "widerlichen Drecksack" bezeichnet hatte. Der AfD-Abgeordnete erstattete daraufhin Anzeige wegen Beleidigung. Ramelow musste wegen des Stinkefingers 5000 Euro zahlen und sich entschuldigen. Als Bundestagsvizepräsident galt er trotzdem als geeignet.
Fast schon komisch mutet an, was Ramelow gestern in seinem öffentlichen Tagebuch schrieb:
„Als ich den ‚Schwarzen Bären‘ bereits verlassen hatte und im Begriff war, in meinen Wagen zu steigen, rief mir ein junger Mann etwas zu. Er war zur gleichen Zeit wie ich in der Gaststätte eingekehrt und hatte mich wohl schon beim Mittagessen entdeckt. Er kam zu mir und erzählte, dass er, ein junger Schauspieler, von Berlin nach Weimar gekommen sei. Er spüre häufig schmerzlich die Unterschiede zwischen der großen weltoffenen Stadt und dem ‚kleinen‘ thüringischen Weimar.“
Rainer Zitelmann ist Historiker und Soziologe, demnächst erscheint sein neues Buch „Weltraumkapitalismus“.