Notfallmediziner sagt, wann Sie wirklich den Notruf wählen sollten

Wann sollte ich wirklich den Notruf 112 wählen und was zählt als echter Notfall?

Die 112 ist ausschließlich für akute, lebensbedrohliche Notfälle gedacht – wenn jede Minute zählt. Dazu gehören:

  1. Starke Brustschmerzen oder Druck auf der Brust (Verdacht auf Herzinfarkt)
  2. Plötzliche Atemnot
  3. Bewusstlosigkeit oder starke Verwirrtheit
  4. Lähmungen, Sprachstörungen oder Schwindel (möglicher Schlaganfall)
  5. Schwere Verletzungen oder massiver Blutverlust
  6. Allergischer Schock, Erstickungsgefahr oder Krampfanfall

In solchen Situationen sofort 112 wählen – und den Zustand möglichst genau beschreiben. Schnelles Handeln kann Leben retten.

Dr. Christoph Nitsche ist Facharzt für Innere Medizin und Notfallmedizin. Nach klinischer Ausbildung mit Schwerpunkt Kardiologie und intensiver hausärztlicher Tätigkeit hat er sich 2024 mit der Praxis am Dorfplatz in Meckenheim-Merl niedergelassen. Als aktiver Notarzt verbindet er internistische Expertise mit einem ganzheitlichen Blick auf seine Patientinnen und Patienten. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.

Wann reicht es aus, den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117 zu kontaktieren?

Die 116 117 ist richtig, wenn Beschwerden dringend, aber nicht lebensbedrohlich sind – etwa bei hohem Fieber, starken Schmerzen oder akuten Infektionen außerhalb der Praxiszeiten.

Über diese Nummer erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst, der bei Bedarf auch Hausbesuche organisiert. Da die Bearbeitung über den ärztlichen Bereitschaftsdienst manchmal etwas Zeit in Anspruch nehmen kann, trägt die Nutzung dieser Nummer jedoch wesentlich dazu bei, den Rettungsdienst für echte Notfälle zu entlasten.

Wichtig: Die 116 117 ist kein Notruf. Bei Verdacht auf Herzinfarkt, Schlaganfall oder Unfall gilt immer: 112 wählen!

Darf ich bei einem medizinischen Problem selbst ins Krankenhaus fahren oder sollte ich auf den Rettungsdienst warten?

Ob Sie selbst ins Krankenhaus fahren können, hängt vom Zustand ab. Ist die Person wach, stabil und transportfähig, kann eine eigene Fahrt, entweder selbst oder mit Unterstützung, möglich sein.

Nie selbst fahren sollten Sie bei Herzbeschwerden, Atemnot, Lähmungen, Sprachstörungen oder Verwirrtheit – hier droht jederzeit eine Verschlechterung.

Im Zweifel gilt: Lieber 112 rufen. Der Rettungsdienst kann bereits während des Transports lebenswichtige Maßnahmen einleiten.

Was passiert, wenn ich versehentlich die 112 wähle oder einen Fehlanruf tätige?

Ein versehentlicher Anruf bei der 112 ist keine Straftat, solange er aus ehrlicher Sorge erfolgt. Problematisch wird es nur, wenn der Notruf bewusst missbraucht oder wegen Bagatellen gewählt wird – etwa bei Erkältung, Rückenschmerz oder Durchfall.

Solche Fehlalarme binden wertvolle Ressourcen: Bis zu 40 % der Rettungseinsätze gelten laut Schätzungen als vermeidbar.

Darum gilt: Die 112 nur bei echten Notfällen wählen – etwa bei Herzinfarkt, Schlaganfall oder schweren Unfällen. Wer unsicher ist, kann zuerst die 116 117 kontaktieren.

Warum sind Notaufnahmen in Krankenhäusern oft überlastet und wie können Patienten dazu beitragen, dies zu vermeiden?

Viele Menschen gehen auch bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden in die Notaufnahme – oft, weil Hausarzttermine fehlen oder Symptome schwer einzuschätzen sind. Hinzu kommt: Vielen fehlt die Gesundheitskompetenz, um den richtigen Ansprechpartner zu wählen.

Die Folge: Lange Wartezeiten und überlastetes Personal.

Wer stattdessen den Hausarzt, die 116 117 oder digitale Terminangebote nutzt, hilft mit, Notaufnahmen zu entlasten.

Tipp: Hausarztmodelle und Gesundheits-Apps können helfen, schneller die richtige Behandlung zu finden – und echte Notfälle erhalten schneller Hilfe.

Was raten Sie Patienten, die unsicher sind, ob sie den Notruf wählen sollen oder nicht?

In Situationen, in denen Sie unsicher sind, ob ein Notruf notwendig ist, gilt es zunächst, Ruhe zu bewahren und die Symptome genau zu beobachten. Achten Sie auf Veränderungen oder Verschlechterungen des Zustands. Es ist wichtig, sich über mögliche Ansprechpartner im Klaren zu sein: Ihr Hausarzt kann oft erste Einschätzungen geben, und außerhalb der regulären Sprechzeiten steht Ihnen der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117 zur Verfügung. 

Auch Apotheken bieten einen Notdienst an und können bei leichten Beschwerden beraten. Falls Sie weiterhin unsicher sind, zögern Sie nicht, telefonisch bei der 116 117 nachzufragen. Dort wird eine Ersteinschätzung vorgenommen und Ihnen wird mitgeteilt, ob ein Arztbesuch notwendig ist oder ob Sie sich an den Rettungsdienst wenden sollten. 

Bei klaren Warnzeichen wie plötzlichen Brustschmerzen, akuter Atemnot oder Lähmungserscheinungen besteht jedoch kein Zweifel: In solchen Fällen sollten Sie umgehend den Notruf 112 wählen. Schnelles Handeln kann hier lebensrettend sein. Vertrauen Sie Ihrem Gefühl – im Zweifel ist es immer besser, Hilfe in Anspruch zu nehmen.