Arzt erklärt, wann ein künstliches Gelenk auch für Jüngere sinnvoll ist

Vor einigen Jahrzehnten kam ein künstlicher Gelenkersatz fast ausschließlich für Menschen über 65 Jahre infrage, typischerweise bei fortgeschrittener Arthrose. Doch mittlerweile zeigt sich ein anderer Trend: Immer öfter lassen sich auch Patientinnen und Patienten unter 55 oder sogar unter 40 Jahren eine Hüft-TEP, Knie-TEP oder Schlittenprothese einsetzen, wenn starke Schmerzen und Bewegungseinschränkungen keine anderen Lösungen mehr zulassen. 

In einer immer aktiveren Gesellschaft, in der Berufstätigkeit, Sport und Lebensqualität eine entscheidende Rolle spielen, rückt die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für einen dauerhaften Gelenkersatz zunehmend in den Vordergrund.

Viele Personen möchten nicht jahrelang unter Schmerzen leben oder im Alltag eingeschränkt sein. Daher sind sie bereit, sich frühzeitig mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dieser Text fasst die aktuellen medizinischen Fakten zusammen und möchte Ihnen aufzeigen, wann ein Gelenkersatz auch für jüngere Patientinnen und Patienten sinnvoll sein kann.

Prof. Dr. med. Karl Philipp Kutzner, Orthopäde und Gründer des ENDOPROTHETICUM Rhein-Main, ist Spezialist für Hüft- und Knieendoprothetik. Er forscht, lehrt in Mainz und gilt als führender Experte für Kurzschaft-Endoprothetik in Deutschland. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.

Definition – Was ist ein künstliches Gelenk

Ein künstliches Gelenk, auch Endoprothese genannt, ist eine dauerhaft in den Körper eingesetzte Konstruktion, die die Funktion eines geschädigten natürlichen Gelenks übernimmt. Typischerweise bestehen diese Implantate aus Metalllegierungen, Keramik oder hochvernetztem Kunststoff (Polyethylen). Sie werden entweder zementfrei (press-fit), zementiert oder im sogenannten Hybridverfahren fest im Knochen verankert. Ziel ist stets, Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu erhalten oder wiederherzustellen und insgesamt die Lebensqualität zu verbessern.

Besonders häufig finden sich in Deutschland die Hüft-Totalendoprothese (Hüft-TEP), die Knie-Totalendoprothese (Knie-TEP) und Teilgelenkersatzformen wie die Schlittenprothese, die nur einen Teil des Kniegelenks ersetzt. Anhand einer Hüft-TEP lässt sich der Aufbau verdeutlichen: Eine Pfanne, meist aus Titan und optional mit Keramikeinsatz, wird im Becken verankert, während der Hüftschaft im Oberschenkelknochen sitzt und den Kopf trägt. 

Bei Knieprothesen unterscheidet man zwischen unikondylären Prothesen (Schlittenprothesen), bikondylären Prothesen (Knie-TEP) und selteneren patellofemoralen Prothesen, die nur das Gelenk zwischen Kniescheibe und Oberschenkelknochen betreffen.

Wer gilt als jung beim Gelenkersatz

Der Begriff „jung“ bezieht sich in der Endoprothetik nicht auf eine starre Altersgrenze, sondern wird eher relativ betrachtet. Oft gelten Personen unter 40 Jahren als sehr jung, während 40 bis 55 Jahre noch als jung und 55 bis 65 Jahre als mittleres Alter betrachtet werden. In der Regel wurde der künstliche Gelenkersatz lange Zeit vor allem bei über 65-Jährigen durchgeführt, doch diese Einschätzung beginnt sich deutlich zu verändern.

Als besonders kritisch gelten Implantationen unter 50 Jahren, da in dieser Altersgruppe das Risiko einer vorzeitigen Lockerung oder der Notwendigkeit einer Wechseloperation höher liegt. Allerdings gibt es wichtige Ausnahmen, bei denen trotz des jungen Alters ein Eingriff sinnvoll und notwendig wird – insbesondere dann, wenn die Schmerzen im Alltag unerträglich werden und alle konservativen Maßnahmen bereits ausgeschöpft sind.

Zahlen und Trends – warum immer mehr Junge ein künstliches Gelenk erhalten

Die Anzahl der Gelenkersatzoperationen wie Hüft-TEP, Knie-TEP oder Schlittenprothese nimmt in Deutschland seit Jahren kontinuierlich zu. Interessant ist dabei, wie stark sich dieser Trend gerade bei jüngeren Patientinnen und Patienten manifestiert. Einer Statistik des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) und des Endoprothesenregisters Deutschland (EPRD) zufolge werden in Deutschland pro Jahr rund 450.000 Gelenkersatzoperationen durchgeführt, wovon etwa 240.000 auf Hüft-TEPs und rund 190.000 auf Knie-TEPs entfallen.

Der Anteil an Patientinnen und Patienten unter 60 Jahren wächst dabei stetig. Bei Hüft-TEPs liegt er mittlerweile bei über 15 %, während es bei Knieprothesen sogar rund ein Drittel der Fälle unter 65 Jahren sind. Ein Blick in die USA zeigt einen ähnlichen Trend: Zwischen 2000 und 2017 nahm die Zahl der Knieprothesen bei 45- bis 64-Jährigen um 188 % und die Zahl der Hüftprothesen um 123 % zu. Als Gründe gelten die insgesamt aktivere Lebensweise, frühere Diagnostik dank moderner Bildgebung, gestiegene Erwartungen an die eigene Leistungsfähigkeit sowie die beeindruckenden Fortschritte bei Implantatmaterialien und Operationstechniken.

Wann ist ein Gelenkersatz im jungen Alter sinnvoll

Moderne orthopädische Leitlinien legen zunehmend Wert auf das tatsächliche Leidensbild und die Funktionsfähigkeit anstelle des bloßen Lebensalters. Über einen künstlichen Gelenkersatz wird dann ernsthaft nachgedacht, wenn konservative Therapien bereits ausgeschöpft sind. 

Dies schließt Physiotherapie, Schmerzmittel, Injektionen (z. B. Hyaluronsäure oder Kortison), das Tragen von Orthesen und bei Bedarf eine Gewichtsreduktion ein. Werden Alltagsaktivitäten wie Gehen, Treppensteigen oder längeres Sitzen nahezu unmöglich oder treten bereits Ruheschmerzen auf, spricht dies für eine ausgeprägte Gelenkpathologie.

Auch bildgebende Verfahren wie Röntgen oder MRT liefern Hinweise auf das Ausmaß einer Arthrose. Häufig ist das Gelenk, etwa an Hüfte oder Knie, im Stadium III–IV nach Kellgren und Lawrence sichtbar verändert. Wenn soziale, familiäre und berufliche Bereiche unter den Einschränkungen leiden, kann ein künstliches Gelenk auch in relativ jungen Jahren zum echten Gewinn werden.

Was junge Patientinnen und Patienten nach der OP beachten müssen

Der Einsatz einer Endoprothese bedeutet nicht nur eine Operation, sondern vielmehr eine neue Chance auf schmerzfreie Bewegung und mehr Lebensqualität. Gerade jüngere Menschen wollen häufig wieder leistungsfähig sein, etwa im Job, in der Familie oder beim Sport. Die Nachsorge und Rehabilitation spielen daher eine entscheidende Rolle. 

Hierzu gehören beispielsweise eine strukturierte Physiotherapie, ein individuell abgestimmtes Trainingsprogramm und eine angepasste Alltagsplanung. So lassen sich die Haltbarkeit moderner Implantate und die persönliche Zufriedenheit langfristig sichern.