Feuerwerk statt Krieg – Deutsche lieben Explosionen nur, wenn sie folgenlos sind

Deutschland gibt sich gern als pazifistisch, zurückhaltend und gleichzeitig moralisierend. Am deutschen Wesen genest die Welt zwar nicht mehr, da niemand im Ausland die Austrocknung des eigenen Wohlstands, wie sie Deutschland durch Energiewende, Verbrennerverbot und Wirtschafts-Drangsalierung betreibt, nachahmenswert findet. 

Dennoch wird nach wie vor der pazifistische Zeigefinger erhoben, der auch in Zeiten von Zeitenwende und durch Trump erzwungene Fünf-Prozent-Nato-Ausgaben immer noch da ist. Zu dem passen militärische Macht, Abschreckung oder gar Krieg nicht.

Explosionen, Rauch, Chaos und Verletzte

Und doch zeigt sich jedes Jahr ein erstaunlicher Widerspruch: In der Nacht zum 01. Januar verwandeln sich deutsche Städte in akustische Kampfzonen und Bürgerkriegsgebiete. 

Explosionen, Rauch, Chaos und Verletzte werden für ein paar Stunden nicht nur toleriert, sondern leidenschaftlich verteidigt. 

Die Medien berichten am 01. Januar regelmäßig über Schwerverletzte oder sogar Tote. Politiker überbieten sich, wie auch nach Terroranschlägen, in folgenlosen Betroffenheits-Beurkundungen. 

Das Unfallkrankenhaus Marzahn in Berlin postet am 01. Januar wieder eine Art „Best of Horrorshow“ der abgetrennten Gliedmaßen und Politikern fällt vorher nichts Besseres ein, als, wie in Brandenburg geschehen, fiktive Todesanzeigen für „Böllertote“ aufzugeben. 

Vielleicht „warnt“ auch unser Bundespräsident mal wieder, diesmal nicht vor Trump oder vor der AfD, sondern vor dem Feuerwerk.

Da kann man sich schon fragen, warum das Feuerwerk dann nicht verboten wird, besonders von den Grünen, die ja doch einige Jahre in der Regierung saßen und ja sehr gerne Dinge verbieten. Doch während sicherheitspolitische Debatten kaum Emotionen auslösen, wird um das Silvesterfeuerwerk mit fast religiösem Eifer gestritten, kein Politiker traut sich an ein Verbot heran

Dazu passt, dass die Deutschen in diesem Jahr, trotz des nächsten Rezensionsjahrs fast eine Viertelmilliarde Euro für Feuerwerk ausgeben. Dieses Spannungsfeld sagt viel über die deutsche Mentalität aus.

Aufrüstung: notwendig, aber unbequem

Sicherheitspolitisch erlebt Deutschland eine historische Phase. Die sogenannte Zeitenwende, milliardenschwere Sondervermögen und neue Bündnisverpflichtungen markieren eigentlich einen tiefen Einschnitt. Doch gesellschaftlich bleibt all das erstaunlich geräuschlos. 

Beschlüsse werden gefasst, Programme angekündigt – ohne breite Debatte, ohne sichtbare Begeisterung, ohne echtes Interesse an Umsetzung oder Wirkung. Mit Ausnahme davon, dass die üblichen Verdächtigen heute wie damals zum Boykott des Wehrdienstes aufrufen.

Verteidigung ist abstrakt, teuer und verlangt persönliche Konsequenzen. Fragen nach Wehrpflicht, Eigenverantwortung oder Verzicht sind politisch toxisch. Verantwortung fühlt sich schwer an, unsexy und belastend. 

Den alten Spruch von Kennedy, nicht zu fragen, was dein Land für dich tun kann, sondern zu fragen, was du selbst für dein Land tun kannst, fürchten deutsche Politiker und besonders die SPD und die noch immer im Merkel-Mehltau gefangene CDU, wie der Teufel das Weihwasser. Deshalb wird gern delegiert, verdrängt oder als fernes Expertenthema behandelt.

Böllern: laut, sichtbar, emotional

Ganz anders das Feuerwerk. Kaum ein Thema mobilisiert ähnlich starke Gefühle. Für die einen ist es Tradition, Freiheit und Lebensfreude. Für die anderen Umweltfrevel, Tierquälerei, Sicherheitsrisiko und in jedem Fall Lärmbelästigung. Doch unabhängig von der Position ist die emotionale Aufladung enorm. 

  • Veit Etzold

    Bildquelle: Veit Etzold

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Und ich gebe zu: Ich habe früher auch geböllert und kann die Faszination durchaus verstehen. Die Frage ist nur, warum gerade im ordnungswütigen Deutschland diese Bürgerkriegszustände von allen toleriert werden, warum in einem Land, das am liebsten morgen klimaneutral sein will und dafür auch die komplette Verarmung in Kauf nimmt, die Feinstaubbelastung an Silvester auf einmal kein Problem mehr darstellt und auch den Grünen völlig egal ist?

Für Sekunden entsteht ein Gefühl von Macht

Explosionen faszinieren – solange sie kontrollierbar erscheinen. Man kauft die Feuerwerkskörper selbst, nimmt sogar laut Medienberichten bis zu zwölf Stunden Schlangenstehen in der Kälte in Kauf, zündet sie selbst und bestimmt den Moment des Knalls. 

Für Sekunden entsteht ein Gefühl von Macht, von Wirkung, von Präsenz. Zerstörung und Explosionen faszinieren uns, solange sie uns nicht gefährlich werden. So funktionieren ja auch Action Filme. 

Und auch in Filmen wie Independence Day ist das Faszinierende ja nicht, dass irgendein bauernschlauer Mann aus dem Volk mit einer blöden Idee die Aliens ausschaltet, sondern wie die Aliens vorher diverse Städte, vorzugsweise immer New York, in rauchende Plasma- und Aschewüsten verwandeln.

Deutschland liebt Explosionen, solange sie nichts bedeuten

Hier liegt der Kern des Paradoxons: Deutschland liebt Explosionen, solange sie nichts bedeuten. Wir lehnen Wehrpflicht ab, aber geben jedes Jahr freiwillig Millionen für pyrotechnische „Raketen“ aus dem Baumarkt aus. 

Wir fürchten militärische Eskalation, aber nicht den Knall vor der eigenen Haustür. Wir diskutieren hitzig über Böllerverbote, während echte sicherheitspolitische Fragen kaum Resonanz erzeugen.

Das Feuerwerk wird zur symbolischen Ersatzhandlung. Es ist die Illusion von Stärke ohne Verpflichtung, von Chaos ohne Verantwortung, von Kriegsspiel ohne Ernst. Aufrüstung hingegen zwingt zur Auseinandersetzung mit Realität, Risiko und persönlichem Einsatz – und genau das macht sie unattraktiv.

Im Coaching habe ich es oft mit verschiedenen Grundmustern des Verhaltens zu tun. „Unter Wasser“ sind Menschen immer, wenn sie entweder im belehrenden „Eltern-Ich“ oder im unreifen „Kinder-Ich“ sind. 

Wir Deutschen sind in beiden Dimensionen unter Wasser: Einerseits belehren wir die ganze Welt besserwisserisch, andererseits wollen wir, wie ein Kind, Explosion und Zerstörung ohne Folgen. 

Genau so hat die Politik seit der Abwahl von Gerhard Schröder in Deutschland funktioniert: Gouvernanten-artige Belehrungen für die Welt und Lego-Baukasten-Sprech à la Merkel und Scholz für die kinderartigen Untertanen.

Fazit: Was bedeutet das für Unternehmen und Leser?

Für Unternehmen und Führungskräfte steckt in diesem Muster eine wichtige Erkenntnis: Menschen reagieren stark auf das, was sichtbar, emotional und unmittelbar erfahrbar ist – selbst wenn es objektiv nebensächlich ist. 

Komplexe, langfristige Themen verlieren ohne Übersetzung in konkrete Bilder und persönliche Relevanz schnell an Bedeutung. Eine Feuerwerksexplosion sorgt für mehr Emotionen (auch negative) als ein Papier aus dem Verteidigungsministerium. 

Verstärkt wird das Ganze noch, wenn ich die Explosion selbst herbeiführen kann, dann habe ich eine Aktion und ein Resultat, was im Gehirn Glückshormone ausschüttet.

Vielleicht ist die eigentliche Zeitenwende nicht die Frage nach Waffen oder Feuerwerk, sondern ob wir lernen, Verantwortung genauso emotional erfahrbar zu machen wie den Knall einer Explosion.

Prof. Dr. Veit Etzold ist ein anerkannter Redner, CEO-Coach und Strategieberater mit über 20 Jahren Erfahrung in verschiedenen Branchen. Er lehrt Marketing und Neuromarketing an der Hochschule Aalen. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.