Rund 1500 Rettungswageneinsätze fährt allein das Bayerische Rote Kreuz (BRK) in einer durchschnittlichen Silvesternacht zwischen 18 und sechs Uhr morgens. Zwischen 23 und ein Uhr rückt alle 20 Sekunden ein BRK-Rettungswagen zu einem Notfall aus.
Das geht aus einem Bericht des "Bayerischen Rundfunks" (BR) hervor. Die Zahlen stammen vom Jahreswechsel 2022/23. In anderen Regionen Deutschlands dürfte es ähnlich aussehen.
Beispiel Berlin: Nach Silvester 2024 mussten in der Hauptstadt 363 Patienten im Krankenhaus behandelt werden, wie Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) mitteilte. Die Daten zeigen, dass Silvester nicht nur mit Partys, Sekt und Feuerwerk, sondern auch mit teils schweren Verletzungen einhergeht.
Manche Silvester-Aktionen enden tödlich
Ein 45-jähriger Mann erlebte in den ersten Stunden des Jahres 2024 einen Alptraum. Vier Böller seien noch in seiner Plastiktüte gewesen, erzählte er im Gespräch mit dem "Spiegel". "Die schmeißen wir noch und dann gehen wir hoch", soll er zu seinen Kindern gesagt haben.
Statt einen Böller zündete er versehentlich alle an, heißt es in dem Bericht. Drei explodierten in seiner linken Hand. Bis der Krankenwagen eintraf, habe es 15 Minuten gedauert. "Ich habe keinen Schmerz empfunden, aber ich hatte Angst zu verbluten", sagte der Mann dem "Spiegel".
Er musste eigenen Angaben zufolge sieben Stunden lang operiert werden und verlor drei Finger. Heute ist er im Alltag stark eingeschränkt. Der Familienvater kann zum Beispiel kaum mehr etwas hochheben, auch Schnürsenkel-Binden ist nicht mehr möglich.
Trotzdem will er dieses Jahr wieder böllern, heißt es im "Spiegel"-Bericht. Schließlich habe er schon von klein auf etwas für Feuerwerk übrig gehabt. "Die lauten Geräusche, die bunten Farben" würden ihn begeistern. Dass ihn die Pyrotechnik bereits drei Finger gekostet hat, scheint ihn nicht abzuschrecken.
Mediziner: Silvester die arbeitsreichste Schicht des Jahres
Menschen, die sich an Silvester krankenhausreif böllern, gibt es viele. Florian Dengler hat einige von ihnen behandelt. Der 37-Jährige ist leitender Oberarzt in der Notfallaufnahme des Klinikums Stuttgart. Zum Jahreswechsel herrscht dort der Ausnahmezustand. Es ist die arbeitsreichste Nacht des Jahres.
Rund 50 Prozent mehr Patienten als in einer durchschnittlichen Nacht würden eingeliefert, sagte der Mediziner der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Dengler hat zahlreiche Verletzungen durch Feuerwerk gesehen, von leichten Verbrennungen bis zu schweren Explosionsverletzungen.
Im vergangenen Jahr kostete ein Böller einen Mann zwei Finger. Ein Hund fand später einen von beiden, abgetrennt am Boden liegend. "Die meisten Menschen unterschätzen, wie arg die Sprengwirkung ist - auch bei zugelassenen Böllern", warnte Dengler. Eine junge Frau verlor durch eine Rakete vor einem Jahr sogar ein Auge.
"80 Prozent der Patienten haben Alkohol getrunken"
Laut einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) sorgen Verletzungen durch Feuerwerkskörper rund um Silvester und Neujahr für deutlich steigende Fallzahlen in den Krankenhäusern.
Im Durchschnitt gab es in den vergangenen zehn Jahren rund 530 stationäre Behandlungsfälle pro Jahreswechsel, heißt es darin. Der Grund: unsachgemäßer Gebrauch von Feuerwerkskörpern. Das sind 2,6 mal so viele wie an üblichen Wochentagen. Ambulant behandelte Pyrotechnik-Verletzungen flossen in die Analyse nicht mit ein.
Doch nicht nur Feuerwerk bringt Menschen in die Notaufnahme. Die Ärzte und Pfleger müssen auch Betrunkene versorgen, Gestürzte, Schläger und ihre Opfer. Platzwunden, blaue Augen, ausgeschlagene Zähne. "80 Prozent der Patienten haben Alkohol getrunken", sagte Dengler der dpa.
"Wir flüchten an die Ostsee"
Natürlich gibt es am Ende auch viele Menschen, die nichts von Böllern, Raketen und hausgemachtem Feuerwerk halten. Das Portal rbb24 veröffentlichte zuletzt Statements von Instagram-Usern und Mitarbeitern der eigenen Redaktion. Thema war der Umgang mit belastenden Aspekten der Silvesternacht in Berlin.
"Wir räumen unseren Balkon leer und flüchten an die Ostsee", lautete eine der Antworten. Eine andere: "Wie jedes Jahr seit 15 Jahren: abhauen." Wieder andere Befragte wollen ihren Katzen in der Wohnung Gesellschaft leisten oder raten dazu, in der Silvesternacht zwischen Mitternacht und 1 Uhr nicht nach Hause zu fahren - "schon gar nicht mit dem Fahrrad".
mit Material der dpa