„Du bist kein Opfer“: Weshalb Höllers Botschaft provoziert – und Millionen inspiriert

„Unzerstörbar. Die Kunst, niemals aufzugeben“ – unter diesem Titel erscheint jetzt die Autobiografie von Europas erfolgreichstem Motivationstrainer.

Es lohnt sich, dieses Buch gerade zum Anfang des Jahres zu lesen. Vielleicht inspiriert es zu Neujahrsvorsätzen, die nicht schon wenige Tage später aufgegeben werden, so wie das leider bei vielen Menschen der Fall ist. Das Buch ist eine Erfolgsgeschichte mit vielen Niederlagen, vor allem ist es ein ehrliches Buch.

Einer, der polarisiert

Jürgen Höller polarisiert: Er spricht vor Zehntausenden Menschen und begeistert sie, aber er ist stets auch auf viel Unverständnis und Ablehnung gestoßen – sein Lebensweg war nicht gradlinig. Er trainierte Bundesligavereine und begleitete mit seinem Mentaltraining den Skispringer Andi Goldberger zum Weltrekord. Mit 28 Jahren wurde er zu Deutschlands „Unternehmer des Jahres“ gewählt. Auf dem Höhepunkt, 1999 und 2000, wurde er von 84 der 100 größten deutschen Unternehmen gebucht. Zu seinen Kunden gehörten McDonald’s, IBM oder die Telekom. Mit 37 Jahren besaß er eine Firma, die mit mehreren Hundert Millionen bewertet war, doch dann ging er Pleite und musste sogar wegen Konkursbetrugs ins Gefängnis.

Von Minderwertigkeitsgefühlen zur Bühne

Höller schreibt von seinen Minderwertigkeitskomplexen als Jugendlicher – jemand, der in der Schule versagte, dem niemand etwas zutraute und der von anderen ausgelacht wurde. Er schreibt von seinen Enttäuschungen und davon, wie er viele Jahrzehnte vergeblich auf die Anerkennung durch seinen Vater hoffte: „Jetzt, in der Westfalenfalle, kam er mir auf dem Gang zum VIP-Bereich entgegen. Und ich war mir sicher: Jetzt ist er endlich stolz auf mich. Er kam näher, sah mich an – und sagte: ‚Ich komme gerade aus dem VIP-Bereich. Bei der Kaffeepause gab’s viel zu wenig Brötchen. Da musst du dich unbedingt drum kümmern, Sohn’ (Er nannte mich immer ‚Sohn’). Bitte? Sein Sohn hatte gerade 14.000 Menschen zu wahren Jubelstürmen gebracht. 109 Pressevertreter waren dabei… Und er saß als mein Vater in der ersten Reihe – aber kein einziges Wort des Stolzes?“

„Tausend Ausreden – aber keine hatte mit mir zu tun“

Schon mit 20 wagte er die Selbstständigkeit, kaufte ein Fitnesscenter, ein Sonnenstudio und eine Diskothek – und alles endete in fast einer Million D-Mark Schulden. „Ich hatte tausend Ausreden, warum es nicht lief – aber keine hatte mit mir zu tun.“

Doch Höller stand immer wieder auf. Seine Genialität als Motivationstrainer bestand gerade darin, dass er seine Niederlagen als wesentlichen Teil seiner Erfolgsstory integrieren konnte. Andere Motivationstrainer meinten, nach Pleite und Gefängnis könne er nie wieder erfolgreich sein. Aber er „wollte dort wieder ansetzen, wo ich aufgehört hatte – erneuert, gereift, geläutert… Ich hatte in meiner Karriere praktisch alle Fehler begangen, die man begehen kann. Dieses Wissen war kein bloßes Wissen mehr – es war Weisheit. Und Weisheit ist gelebtes Wissen. Deshalb fasste ich den Entschluss, wieder auf die Bühne zurückzukehren – als Erfolgs- und Motivationstrainer!“

Einige Jahre später stand er zusammen mit seinem Idol Arnold Schwarzenegger in München auf einer Großveranstaltung mit 10.000 Menschen. Mit Höller können sich gerade auch jene Menschen identifizieren, die aus einfachen Verhältnissen kommen, die es nicht leicht hatten und haben im Leben. Intellektuelle rümpfen die Nase über ihn, so wie sie über einen Dieter Bohlen die Nase rümpfen. Sie werfen ihm vor, nur „Kalendersprüche“ zu verbreiten. Viele der Kritiker haben aber nicht einmal zehn Prozent des Erfolgs von Höller aufzuweisen, und sie verstehen nicht, dass in so manchem Kalenderspruch mehr Weisheit enthalten ist als in hochakademischen Abhandlungen über die Wechselwirkungen zwischen Klimagerechtigkeit und Gendergerechtigkeit im Lichte der postkolonialen Theorie.

Gestalter des eigenen Schicksals

Höller hat Spaß an der Provokation. Er baute das erfolgreichste Beratungsunternehmen für Fitnessstudios auf. Als er auf einem Fitnesskongress seine erste Rede hielt, bezeichnete er die Anwesenden als doof, wenn sie nur 20 Mark Aufnahmegebühr verlangten, während er selbst 150 Mark verlangte. „Die Gesichter – einfach herrlich. Ich habe schon immer polarisiert. Die eine Hälfte liebt mich, die andere hält mich für einen Bekloppten. Nachdem ich also alle 550 als Vollidioten bezeichnet hatte, entspannte sich die Lage – die ersten 100 verließen murrend den Saal.“

Er berichtet von einem anderen Event, wo er vor 200 Pharmareferenten sprach und fast alle verließen den Saal, bevor er fertig war. Diese Ehrlichkeit macht sein Buch glaubwürdig. Ehrlich ist er auch, wenn er von der Beziehung zu seiner Frau berichtet – wie sie ihm Kraft und Halt gab und auch zu ihm hielt, als er ins Gefängnis musste. Aber er sagt auch: „Du kannst keinen Traum leben, wenn du dich nicht vollständig auf ihn konzentrierst. Die schmerzhafte Wahrheit für die Angehörigen großer Träumer lautet: Sie kommen erst an zweiter Stelle.“

Selbst Verantwortung übernehmen

Journalisten kommen in seinem Buch nicht gut weg. Viele hätten über ihn geschrieben, ohne je auf einer Veranstaltung gewesen zu sein. Es habe nur wenige Ausnahmen gegeben wie den damaligen Focus-Chefreporter, der ein komplettes Seminar von ihm besuchte und danach eine ebenso ausführliche wie faire Story veröffentlichte. 

Aber besonders linke Journalisten mögen ihn nicht, weil er den Menschen sagt, sie seien nicht Opfer der Verhältnisse, sondern hätten es selbst in der Hand, ihr Schicksal zu gestalten. Aber wer dient den Menschen mehr? Derjenige, der sagt: „Du bist ein Opfer von Kapitalismus, Rassismus, Sexismus. Versuch es erst gar nicht – im Kapitalismus hast du keine Chance, die Aufstiegsversprechen sind alles Lügen, du kannst es niemals schaffen.“ Oder derjenige, der sagt: „Du bist nicht Opfer der Gesellschaft, du kannst dich auch nicht damit rausreden, dass deine Mutter dich falsch rum auf den Topf gesetzt hat – du kannst viel mehr erreichen als du heute zu träumen wagst.“?