Weihnachten, das Fest der Liebe. So steht es in den Liedern, so schreiben es die Grußkarten, so mahnt es der Bundespräsident in seiner Ansprache. Und in der Realität? In der Realität ist Weihnachten das vielleicht größte Konfliktfestival des Jahres.
Da, wo wir uns eigentlich besinnen sollten, wird munter eskaliert. Während draußen Lichterketten leuchten, fliegen drinnen die emotionalen Handgranaten. „Fest der Liebe“ ist für viele Familien schlicht der Deckname für: Operation Tannenbaum.
Bei manchen Familien reicht ein einziger ungeklärter Streit, und Mutter und Tochter erklären einander sofort den Ausnahmezustand. Kein Gespräch, kein Versuch, kein Frieden, nur Funkstille. Wir sprechen über Weltpolitik, aber scheitern schon daran, im eigenen Wohnzimmer eine versöhnliche Waffenruhe auszuhandeln. Stattdessen wird mit zweierlei Maß gemessen, und die Lagerbildung schreitet fort, weit über die Beerdigung der guten Vorsätze im neuen Jahr hinaus.
Weihnachtskonflikte in Familien: Wenn Funkstille statt Frieden herrscht
An Weihnachten reden wir gern über Weltfrieden. Aber wer sich den Zustand vieler Familien anschaut, stellt fest: Wir würden selbst kläglich daran scheitern, wenn es ernst wird. Kommunikation? Fehlanzeige. Empathie? Kommt vielleicht als Geschenk – bestellen Sie rechtzeitig.
Mehr als ein Drittel der Weihnachtskonflikte entsteht nicht aus Ideologie, sondern aus Organisation: Ablauf, Zeitpläne, Zuständigkeiten.
Streit an Weihnachten: Wenn Organisation zum Machtkampf wird
Und dann gibt es die Trennungseltern. Ein Thema, das jeder kennt und kaum jemand offen anspricht, obwohl es viele betrifft. Manchmal wird das gemeinsame Kind zu einer Art diplomatischer Geisel. Wer es wann an Weihnachten sehen darf, wird nach komplexen Protokollen geregelt, die irgendwo zwischen Haager Konvention und Verhandlungstechnik aus dem Kalten Krieg angesiedelt sind. Organisation ist hier nur die Bühne, gespielt wird ein Machtkonflikt.
Der schlimmste Mechanismus, den ich kenne, ist der, den ich den „Papa-ist-böse“-Reflex nenne – natürlich gilt er genauso umgekehrt. Ein Freund von mir ist mittendrin. Eine Trennung tut weh, das ist menschlich. Aber manchmal wird aus Schmerz eine Strategie: Dann erklärt der eine Elternteil den anderen öffentlich, privat und gegenüber dem Kind zum Bösewicht.
„Gefährlich“, „nicht tragbar“, „gewalttätig“ – das sind große Worte, die Raum einnehmen, bevor Fakten überhaupt eine Chance haben. Die Grenze zwischen echter Sorge und reinem Ego verschwimmt. Das Narrativ ersetzt die Realität. Das Ego gewinnt.
Trennungskinder an Weihnachten: Wenn das Ego die Realität ersetzt
Aber diese Muster finden wir nicht nur in Familien. Sie finden sich überall, in Unternehmen genauso wie in der Politik. Auch am Weihnachtstisch, an dem Generationen aufeinandertreffen, wird verhandelt, gestritten, missverstanden. Gen Z und Boomer sitzen sich gegenüber wie zwei Delegationen, die aus völlig unterschiedlichen Realitäten stammen. Die Jüngeren reagieren überempfindlich, die Älteren überheblich.
Die Gen Z kompensiert ihre Unsicherheit gern mit Schadenfreude. Wenn der Chef stolpert, ist TikTok schneller als jeder Betriebsrat. Und die Boomer reagieren darauf mit einem Augenrollen, der Kurzform von Konfliktvermeidung: zu müde für Diskussion, zu überzeugt für Veränderung. Am Ende einigt man sich unausgesprochen auf die sicherste aller Lösungen: Man redet über Essen.
Während diese kleinen weihnachtlichen Konflikte vor sich hin brodeln, zeigt die Politik dieselben Muster, nur größer, lauter, professioneller verpackt. Jüngstes Beispiel: Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas. Beim Arbeitgebertag stellte sie das Rentenpaket vor und wurde ausgelacht. Unfein, aber nicht neu in einem Land, das sich für diskussionsstark hält. Doch statt danach umso deutlicher den Dialog zu suchen, sagte Bas beim Juso-Kongress, dieses Erlebnis habe ihr klargemacht, „gegen wen wir eigentlich gemeinsam kämpfen müssen“.
Generationenkonflikt und Politik: Gleiche Muster, größere Bühne
Ein einziger Satz, und schon wird aus Kritik Kampf. Aus Gesprächspartnern werden Gegner. Aus einem schwerfälligen Austausch wird ein Machtspiel. Es ist die politische Großversion des „Papa-ist-böse“-Reflexes: nicht fragen, nicht klären, nicht verstehen, sondern sortieren und bewerten. In Gut und Böse. In Wir und Die. In eigene Wahrheit und fremden Irrtum.
Das Muster ist überall gleich, egal ob am Küchentisch, im Großraumbüro oder im Bundestag: Wir machen Konflikte zu Schlachten, weil es einfacher ist als das, was wirklich nötig wäre: Konfliktfähigkeit. Sie beginnt damit, dem anderen erst einmal unvoreingenommen zuzuhören. Das bedeutet, nicht zu kämpfen, nicht zu vermeiden und auch nicht sofort in die Verteidigung zu gehen. Nicht reflexhaft ein Lager zu bilden. Nicht das Ego als Wahrheitsministerium einzusetzen, sondern die Bereitschaft, hinter Positionen die Bedürfnisse zu erkennen. Denn Konflikte lösen sich nicht über Schuld, sondern über Verständnis. Das heißt, herauszufinden, was der andere eigentlich braucht und was man selbst braucht.
Über die Kolumnistin
Susanne Nickel ist Rechtsanwältin, Wirtschaftsmediatorin und Expertin für Arbeit und Wandel. Ihre Erfahrung sammelte sie in ihrer langjährigen Tätigkeit als Managerin und Beraterin sowohl in nationalen als auch internationalen Unternehmen und Konzernen. Sie ist in fast allen DAX 30-Unternehmen viele Jahre ein- und ausgegangen. In ihrer Kolumne schreibt Susanne Nickel über gesellschaftliche Veränderungsprozesse und den Wandel in der Arbeitswelt.
Konfliktfähigkeit lernen: Warum Zuhören wichtiger ist als Recht haben
Und genau hier wird es hochaktuell: Zukunftsforscher warnen, dass wir Kommunikation und Konfliktkompetenz besser lernen müssen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Künstliche Intelligenz mag Prozesse optimieren, Daten sortieren, Entscheidungen vorbereiten, doch die wichtigsten Schnittstellen bleiben Menschen. Und Menschen scheitern nicht an Informationen, sondern an Emotionen. Wir geben Daten weiter, aber nicht Gefühle. Wir beherrschen Software, aber nicht unser Ego. Wir reden von Digitalisierung, hängen aber im analogen Machtkampf fest. Wenn wir Kommunikation nicht beherrschen, bringt uns jede KI dieser Welt wenig.
Technik ist nicht unser Engpass, sondern Beziehungskompetenz.
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Bildquelle: FOL
Das Buch von Susanne Nickel (Anzeige):
Verzogen, verweichlicht, verletzt: Wie die Generation Z die Arbeitswelt auf den Kopf stellt und uns zum Handeln zwingt
Kommunikation statt KI: Der wahre Engpass unserer Gesellschaft
Das Scheitern ist auf vielen Ebenen vorprogrammiert – privat, beruflich und politisch. Eltern, die ihre Kinder als Streitobjekt behandeln, verfolgen nicht die Position „Ich will mehr Zeit“, sondern das Bedürfnis „Ich will nicht verlieren“. Die Gen Z, die Schadenfreude zeigt, hat nicht die Position „Ich bin im Recht“, sondern das Bedürfnis „Ich möchte stabil sein“. Die Boomer, die genervt sind, haben nicht die Position „Die Jugend ist unfähig“, sondern das Bedürfnis „Meine Erfahrung zählt noch“. Und Politiker reagieren nicht aus der Position „Wir müssen kämpfen“, sondern aus dem Bedürfnis „Ich will Kontrolle behalten“.
Weihnachten macht all das sichtbar wie unter einem Brennglas. Das Fest, das uns angeblich verbinden soll, zeigt gnadenlos, wie schlecht wir im Miteinander geworden sind. Wir hören weder zu noch reden miteinander. Wir behaupten. Wir bewerten. Wir diagnostizieren. Und wundern uns dann, dass Konflikte wachsen wie Eiszapfen am Dach: still, kalt, frostig.
Weihnachten als Brennglas: Warum Konflikte jetzt eskalieren
Vielleicht ist das der wahre Weihnachtsauftrag: Nicht Weltfrieden – den schaffen wir frühestens nach Silvester. Aber Frieden im Wohnzimmer wäre ein Anfang. Eine kleine versöhnliche Waffenruhe. Ein wahrhaftiges Hinsehen und Zuhören. Eine Bewegung weg von der Position, hin zum Bedürfnis. Zumindest bis nach dem Dessert.
Und wer weiß, vielleicht ist das die Art Frieden, die wir üben müssen, bevor wir uns an die große Version wagen.