Gebannt verfolgen die Menschen in Deutschland, was sich derzeit in Venezuela abspielt. Nach dem von US-Präsident Donald Trump angeordneten Militärschlag und der filmreifen Festsetzung des sozialistischen Machthabers Nicolás Maduro fragen sich viele: Was hat das alles mit uns zu tun?
Mit Blick auf die Asyl- und Migrationspolitik lautet die Antwort: viel. Denn in den vergangenen Jahren ist die Zahl der Menschen, die aus Venezuela nach Europa und auch nach Deutschland geflüchtet sind, sprunghaft gestiegen.
73.000 Asylanträge in EU von Flüchtlingen aus Venezuela
So stellten im Jahr 2024 etwa 73.000 Staatsangehörige aus Venezuela Asylanträge in der EU, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Im ersten Halbjahr 2025 kamen bereits knapp 50.000 Menschen aus Venezuela in EU-Länder. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr, könnte die Marke von 100.000 Asylanträgen geknackt werden. Die finalen Zahlen liegen noch nicht vor.
Damit steht der südamerikanische Staat erstmals auf dem ersten Platz der Asyl-Herkunftsländer, noch vor dem lange Zeit führenden Syrien oder Afghanistan.
Trumps Knallhart-Kurs treibt Verzweifelte nach Europa
Die Entwicklung hat viel mit US-Präsident Donald Trump zu tun. Vom ersten Amtstag an betrieb er eine knallharte Anti-Migrationspolitik und machte damit die Hoffnung von Millionen Südamerikanern auf ein gutes Leben in den USA zunichte. Unter Trump verloren Flüchtlinge aus Venezuela das Recht, sich legal in den USA aufzuhalten und zu arbeiten. Viele venezolanische Staatsangehörige wurden in ihre Heimat abgeschoben.
Als Alternative blieb vielen Flüchtlingen Europa. Menschen aus Venezuela dürfen ohne Visum legal in den Schengenraum einreisen, was einen Asylantrag vereinfacht.
Deutschland ist bei Venezolanern Zielland Nummer zwei
Bevorzugtes Ziel der Flüchtlinge ist mit großem Abstand Spanien, hauptsächlich aufgrund der gemeinsamen Sprache. Gleich danach folgt Deutschland. Die meisten Zuwanderer wurden bislang Sachsen zugewiesen. Ende 2024 lebten knapp 9000 Menschen aus Venezuela im ostdeutschen Freistaat.
Nach Angaben internationaler Flüchtlingsorganisationen haben in den vergangenen zehn Jahren fast 8 Millionen Menschen ihre Heimat Venezuela verlassen, das sind mehr als 25 Prozent der gesamten venezolanischen Bevölkerung. Die Menschen flüchten vor allem aus wirtschaftlicher Not und wegen politischer Verfolgung.
Das Land an der Nordküste Südamerikas ächzt seit mehr als zehn Jahren unter einer massiven Rezession mit Hyperinflation, grassierender Arbeitslosigkeit, akutem Mangel an lebenswichtigen Gütern, einer miserablen medizinischen Versorgung und einem völlig maroden Bildungssystem.
Die "New York Times" bezeichnete Venezuelas Kollaps schon 2019 als "den schwersten seiner Art außerhalb eines Krieges in Jahrzehnten". Seitdem hat sich die Lage kaum verbessert. Hinzu kommen Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung Oppositioneller.
In Deutschland lebende Flüchtlinge: "War eine Notlage"
Wie sehr die Bevölkerung unter den Verhältnissen gelitten hat, geht aus Schilderungen von Flüchtlingen hervor, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben. So erklärte Ericka Puentes kürzlich im MDR, in Venezuela sei ihr Mann als Regimegegner verfolgt, sie selbst psychisch und emotional bedroht worden.
Der ehemalige Staatsanwalt Jahir Moreno, der seit 2022 mit seiner Familie in Sachsen lebt, berichtete, er habe wegen mehrfacher Drohungen sein Land verlassen. "Es war eine Notlage", sagte der Mann dem „Spiegel“ zu seinen Fluchtgründen. "Um Rechte zu kämpfen, ist eine Straftat in einem Land, in dem es keine Rechte gibt."
In der "Zeit" schilderte ein 43 Jahre alter Mann aus Venezuela, der mit seiner Frau und den drei Kindern in einem Ankunftszentrum nahe Nürnberg lebt, seine dramatische Geschichte. Demnach habe er 2015 in Venezuela eine Oppositionspartei unterstützt. In den Jahren danach habe er erst die Zulassung für sein Geschäft verloren, dann sei er bedroht worden. Der Mann vermutet einen politischen Racheakt, gesteuert von der Regierung.
Ob die Familie in Deutschland bleiben darf, ist ungewiss. Ihr erster Asylantrag wurde abgelehnt, so wie bei die meisten venezolanischen Geflüchteten, die nach Deutschland kommen. Die Anerkennungsquote im europäischen Durchschnitt lag 2024 bei lediglich drei Prozent.
Die Familie hat Klage gegen den negativen Asylbescheid eingereicht. Der Vater ist ratlos: "Wo sollen wir hin, wenn Deutschland uns ablehnt?"
Geht Phase von Flucht und Vertreibung aus Venezuela weiter?
Hinsichtlich der großen Fluchtbewegung aus Venezuela stellt sich nach Trumps Militärschlag die Frage: Wird die Zahl der Asylanträge aus dem bitterarmen, instabilen und tief verunsicherten Land weiter steigen? Und wie sind die Regierungen Europas vorbereitet, falls der Flüchtlingsstrom in Richtung Europa weiter zunehmen sollte?
Dass Trumps Militärschlag die lange Phase von Flucht und Vertreibung aus Venezuela schlagartig beendet, ist jedenfalls kaum zu erwarten.