Montag
Von Henry Kissinger stammt die giftige Bemerkung, von Europa habe er keine Telefonnummer. Diese Lücke ist immerhin technisch geschlossen. Der mächtige Donald Trump hat die E-Mail-Daten von Friedrich Merz, den er für den Häuptling der Europäer hält. Leider hat der nur Fakten zu berichten, die den Gegnern Europas gefallen.
Die EU verhandelt mit weiteren Beitrittskandidaten, was die Kosten und Komplikationen noch erhöhen wird. Schon die jetzigen 27 sind ein zerstrittener Haufen. Frankreich und Italien bringen es fertig, nach mehr als 25 Jahren Verhandlung das Freihandelsabkommen mit den großen südamerikanischen Staaten nicht zu unterzeichnen.
Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Bulgarien blockieren die Finanzierung der Ukraine.
Aus Spanien und Belgien muss man immer wieder mit Sonderaktionen rechnen. Mit einer solchen Truppe kann niemand in eine Schlacht ziehen.
Die Reden von einem mächtigen Europa zwischen USA, Russland und China sind eine Tagträumerei. Die Querulanten-Staaten können die EU lahmlegen.
Die wichtigen Nationen sollten über einen neuen Club nachdenken. Wolfgang Schäuble hat schon vor vielen Jahren ein Europa der zwei Geschwindigkeiten angeregt. Zu den schnelleren und vernünftigen gehört verblüffenderweise der britische Premier Keir Starmer, dessen Land die EU verlassen hat.
Dienstag
Während Merz in Brüssel weit bis nach Mitternacht zwischen den Partnerländern balancierte, stellten ihm daheim in Berlin Parteigegner eine Falle. Dass er hineintappte, wurde mit viel Schadenfreude kommentiert. Es ging um die Konrad-Adenauer-Stiftung, eine CDU-nahe Denkfabrik mit mehr als 200 Millionen Einnahmen jährlich und Niederlassungen in über 100 Ländern. Merz hatte als Vorsitzenden den Rechtsprofessor Günter Krings vorgeschlagen. Erstmals kam es zu einer Kampfkandidatur, weil Annegret Kramp-Karrenbauer sich gleichfalls bewarb. Sie gewann die Abstimmung mit 28 zu 21, was allgemein als Niederlage des Parteivorsitzenden gewertet wird.
Es war weniger eine Mehrheit für AKK als eine Mehrheit gegen Merz. Wie tief muss der Hass gegen den Parteichef sitzen, dass 28 Mitglieder für eine Vorsitzende votieren, die in der Geschichte der Stiftung als Leichtgewicht gelten muss. Bisher standen an der Spitze intellektuelle Koryphäen wie Bernhard Vogel und Norbert Lammert. Kramp-Karrenbauer hat nie einen Beruf ausgeübt. Sie verbrachte ihr Dasein in Posten von Partei und Politik. Im Lauf ihrer Karriere war sie Parteivorsitzende der CDU und zwei Jahre lang auch Verteidigungsministerin.
Dass sie mit Intrigen und Raffinessen im Parteikampf vertraut ist, verriet sie in dem Buch mit dem Titel „Ich kann, ich will und ich werde“. Darin ging es um ihre Eignung als Kanzlerin. Sie wird zitiert mit dem Ausspruch: „Nenne nie den Namen deiner Konkurrenten.“
Wie strikt sie diese Regel beachtet, kann im Register des Buches nachgeprüft werden.
Dort ist der Name ihrer Förderin Angela Merkel 48-mal erwähnt. Ihr Konkurrent Friedrich Merz kommt ein einziges Mal vor.
Mittwoch
Dies ist mein letztes Tagebuch in diesem Jahr. Ich bedanke mich, liebe Leserinnen und Leser, für Ihre Aufmerksamkeit und Ermunterung. Es ist für den Tagebuchschreiber eine Freude, zu erleben, wie viele von Ihnen meinen Gedanken und Beobachtung folgen.
Auch 2026 werde ich Augen und Ohren offenhalten.
FOCUS-Gründungschefredakteur Helmut Markwort war von 2018 bis 2023 FDP-Abgeordneter im Bayerischen Landtag.