Merz spricht bei der Neujahrsrede eine Sprache, die viele gar nicht verstehen

Spricht Kanzler Friedrich Merz überhaupt eine Sprache, die Normalbürger verstehen?

Formal ja – praktisch nur eingeschränkt. Die Sätze sind sauber gebaut, logisch und widerspruchsfrei. Doch Verständlichkeit im politischen Sinne heißt mehr als korrektes Deutsch. Viele zentrale Begriffe bleiben abstrakt:

  1. „Epochenbruch”,
  2. „Fundamente unserer Freiheit“ oder
  3. „geopolitische Umbrüche“ sind erklärungsbedürftig. 

Der Zuhörer versteht, dass etwas wichtig ist, aber nicht immer, was das konkret für ihn bedeutet.

Die Rede bleibt damit auf einer Metaebene. Sie beschreibt Zustände und Entwicklungen, ohne sie in alltägliche Erfahrungen zu übersetzen.

Sprache des Volkes funktioniert anders: Sie knüpft an bekannte Situationen an – Einkauf, Arbeit, Familie, Zukunft der Kinder. Genau diese Anknüpfung fehlt.

Wirkung: Sie beschreibt Zustände und Entwicklungen, ohne sie in den Alltag der Menschen zu übersetzen. Deshalb ist sie vor allem kognitiv: Man folgt der Argumentation, fühlt sich aber persönlich kaum angesprochen oder gemeint.

Welche typischen politischen Floskeln nutzt die Rede – und warum sind sie problematisch?

Die Ansprache arbeitet mit klassischen politischen Standardsätzen:

  1. „Wir haben es selbst in der Hand“,
  2. „Deutschland ist ein starkes Land“,
  3. „Unsere Hände sind nicht gebunden“.

Diese Formeln sind nicht falsch – sie sind nur verbraucht. Ihr Bedeutungsgehalt ist durch jahrelangen Gebrauch stark abgeschliffen.

Bundeskanzler Friedrich Merz bei seiner ersten Neujahrsansprache
Bundeskanzler Friedrich Merz bei seiner ersten Neujahrsansprache FOCUS online/Wochit

Wirkung: Floskeln entfalten nur dann Wirkung, wenn sie mit konkreten Beispielen verbunden werden. In der Rede stehen sie oft für sich allein. Sie signalisieren Haltung, ersetzen aber keine Erklärung. Für viele Zuhörer klingen sie vertraut, aber auch vorhersehbar. Das beruhigt kurzfristig und vermittelt staatliche Stabilität, hinterlässt jedoch kaum bleibenden Eindruck. Die Sätze rauschen durch, ohne sich festzusetzen oder weiterzuwirken.

Wo wird die Sprache besonders technokratisch – und was macht das mit den Zuhörern?

Besonders in den Passagen zu Reformen, Sicherheit und Wirtschaft dominiert Verwaltungssprache. Formulierungen wie

  1. „aus diesem Befund leitet die Bundesregierung ihren Arbeitsauftrag ab“ oder
  2. „Verbesserung der Abschreckungsfähigkeit“

sind präzise, aber sperrig. Sie verlangen Aufmerksamkeit und Vorwissen.

Wirkung Eine Neujahrsansprache wird jedoch oft beiläufig gehört – im Wohnzimmer, nebenbei. Technokratische Sprache passt nicht zu diesem Rezeptionsmodus. Sie schafft Distanz, weil sie eher wie ein interner Lagebericht wirkt als wie ein Gespräch mit Bürgern. 

Viele Zuhörer bleiben gedanklich außen vor, nicht aus Ablehnung, sondern aus Ermüdung. Man hört zu, aber man steigt innerlich aus.

Gibt es Stellen, an denen echte Volkssprache aufblitzt?

Ja, vereinzelt. Sätze wie

  1. „Wir sind kein Spielball von Großmächten“ oder
  2. „Wir wollen uns verteidigen können, damit wir uns nicht verteidigen müssen“

sind bildhaft, klar und leicht merkbar. Hier spricht der Kanzler verständlich und pointiert.

Wirkung: Diese Momente zeigen, dass einfache Sprache möglich ist, ohne populistisch zu werden. Allerdings bleiben sie isoliert. Sie werden nicht weiter ausgeführt, nicht mit Alltagssituationen verknüpft. Dadurch verpufft ihre Wirkung schneller, als sie entstehen kann.

Baut diese Rede Vertrauen in Politik auf – oder eher Distanz?

Die Rede strahlt Ordnung, Kontrolle und Verantwortungsbewusstsein aus. Das wirkt stabilisierend, gerade in unsicheren Zeiten. Vertrauen im emotionalen Sinne entsteht jedoch anders: durch das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden.

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Dieses Gefühl stellt sich hier nur begrenzt ein. Der Kanzler spricht über die Bürger, selten zu ihnen. Persönliche Unsicherheiten, Zweifel oder alltägliche Sorgen werden kaum benannt. Dadurch bleibt die Beziehung asymmetrisch: oben ordnet, unten hört zu.

Wirkung: Es fehlt das persönliche Moment. Zweifel, Unsicherheiten oder Widersprüche werden kaum angesprochen. Dadurch entsteht kein echtes Dialoggefühl. Die Politik bleibt eine Ebene über dem Alltag.

Das Vertrauen in staatliche Funktionsfähigkeit wächst, das emotionale Vertrauen in politische Nähe dagegen kaum.

Was hätte es gebraucht, um echte Nähe und Vertrauen zu schaffen?

Nicht mehr Pathos und nicht mehr Lautstärke, sondern mehr Übersetzung. Weniger abstrakte Begriffe, mehr konkrete Bilder. Etwa:

  1. Wie wirkt sich Bürokratieabbau im Betrieb aus?
  2. Was bedeutet Sozialreform für eine alleinerziehende Mutter?
  3. Wann merkt eine Familie, dass „Deutschland wieder Tritt fasst“?

Wirkung: Solche Beispiele hätten die Rede erdet. Sie hätten gezeigt, dass Politik nicht nur gesteuert, sondern auch verstanden wird. Nähe entsteht nicht durch große Linien, sondern durch kleine, nachvollziehbare Details.

Fazit: Der Kanzler spricht bedacht, sachlich, ohne Ausreißer. Das vermittelt Sicherheit. Man hat den Eindruck: Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Gleichzeitig bleibt vieles auf Abstand. Große Linien werden gezogen, doch selten bis in den Alltag verlängert.

Die Worte sind gewählt, manchmal zu gewählt. Vieles klingt vertraut, manches routiniert. Wer zuhört, versteht die Richtung, aber spürt wenig Nähe. 

Diese Rede ordnet das Land, sie erklärt die Lage – doch sie nimmt die Menschen nur begrenzt mit. Vertrauen wird gehalten. Es wächst nicht weiter.

Christoph Maria Michalski, bekannt als „Der Konfliktnavigator“, ist ein angesehener Streit- und Führungsexperte. Mit klarem Blick auf Lösungen, ordnet er gesellschaftliche, politische und persönliche Konflikte verständlich ein. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.