Gut eine Woche nach dem Millionencoup in einer Filiale der Sparkasse Gelsenkirchen fördern die Ermittlungen neue Fehler zutage. Offenbar hätte man früh den Einbruch in die Schließfächer der Zweigstelle im Stadtteil Buer stoppen können. Wie FOCUS online aus Ermittlerkreisen erfuhr, hatte ein Brandmelder gleich zwei Mal angeschlagen, als die Täter nach Weihnachten über eine benachbarte Tiefgarage in den Tresorraum mit 3250 Schließfächern eingestiegen waren.
Verdacht: Feuerwehr und Polizei schlampten nach Brandalarm
Beim ersten Mal am 27. Dezember sollen Feuerwehr und Polizei nicht alle möglichen Bereiche rund um den Tresorraum überprüft haben, obschon sie dazu Zugang hatten. Warum dies nicht geschah, müssen die weiteren Untersuchungen ergeben. „Die genauen Abläufe dieses Einsatzes sind Gegenstand der Ermittlungen, die andauern“, heißt es in einer Pressemitteilung der Gelsenkirchener Behörde.
Durch den zweiten Brandmelder-Alarm zwei Tage später kurz vor vier Uhr morgens erst wurde der Millionencoup offenbar. Da waren die Täter längst über alle Berge. Die gefälschten Kennzeichen ihrer beiden Autos hatten sie frühzeitig in einem Mülleimer entsorgt. Seither fehlt von ihnen jede Spur.
Ferner stellt sich weiterhin die Frage, warum die Alarmanlage nicht ausgelöst hatte, nachdem die Räuber mit einem Spezialbohrer die Stahl-Beton-Wand zur Bank in einer stundenlangen Prozedur aufgebohrt hatten.
Gleichfalls bleibt immer noch das Rätsel, wie die Täter in den Raum gelangen konnten, der zur Beton-Stahlwand der Depot-Kammer führte. Dieser Raum gehört bereits zur Sparkasse und kann nur durch Zugangsberechtigte betreten werden. An der Tür fanden sich keine Aufbruchsspuren. Also liegt der Verdacht nahe, dass ein Insider den Einbrechern geholfen hat.
Sonderkommission sucht über Einlogdaten nach den Tätern
Klar ist, dass die Gangster genau wussten, wo sie hinein- und wo sie den Bohrer ansetzen mussten. Ferner scheint die Bande genau im Bilde gewesen zu sein, welche großen Werte in dem Geldinstitut lagerten. Eine Sonderkommission befasst sich mit dem Fall. Im Zuge der Nachforschungen sucht man unter anderem über Einlogdaten von Handys, die sich zum Tatzeitraum in der Nähe der Sparkasse befanden, den Räubern auf die Spur zu kommen.
Erst gestern hatte die Polizei Büroräume der Sparkasse durchsucht. Ziel der Razzia sei „die Sicherstellung von Datenträgern sowie notwendigen Kundendaten“ gewesen, so ein Behördensprecher. Auf Anfrage erklärte eine Sprecherin des geschröpften Geldinstituts: „Die Sparkasse Gelsenkirchen unterstützt die Ermittlungsbehörden nach Kräften und hat alle angeforderten Daten zur Verfügung gestellt, soweit es ihr möglich war. In einem Auskunftsersuchen hatte die Staatsanwaltschaft aber beispielsweise Videoaufnahmen und Listen angefordert, deren Zusammenstellung, Sicherung und Übermittlung mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die Herausgabe war uns daher bislang nicht möglich. Uns ist wichtig zu betonen, dass wir uns in keiner Weise gegen die Herausgabe gesperrt haben.“
Betrüger versuchen Lage der Betroffenen auszunutzen
Während Hunderte geschädigte Schließfachbesitzer, gegen die es teilweise böse Verdächtigungen gibt, Verluste in teilweise siebenstelliger Höhe beklagen und bereits Anwälte eingeschaltet haben, versuchen mittlerweile Betrüger, die Lage auszunutzen. „Seit dem Einbruch kommt es im gesamten Stadtgebiet vermehrt zu Betrugsversuchen, bei denen Unbekannte sich vor allem am Telefon als Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter der betroffenen Bank oder als Polizeibeamte ausgeben, von dem Einbruch in der Bank reden und sich nach Wertgegenständen oder Bargeld informieren wollen. In einigen Fällen wird auch versucht, persönliche Daten zu bekommen“, warnt die Polizei.
Deshalb solle man wachsam sein. „Die echte Polizei, andere Mitarbeiterinnern und Mitarbeiter von Behörden oder Banken erscheinen nicht bei Ihnen Zuhause, um Bargeld oder andere Wertgegenstände an sich zu nehmen und zu überprüfen. Seien Sie bei unbekannten Personen grundsätzlich misstrauisch. Lassen Sie sich immer die Identität von allen Unbekannten bestätigen!“