Seit dem 1. Januar zahlt Bulgarien mit dem Euro. Das Land ist nun das 21. Mitglied der gemeinsamen Währung. Für die Regierung ist das ein großer Erfolg, auf den sie „seit Jahrzehnten“ hingearbeitet hat, so „AP“.
Doch die Stimmung im Land ist weit entfernt von Euphorie. Politische Krisen, Korruptionsvorwürfe und niedrige Einkommen prägen den Alltag. Viele Menschen fragen sich: Wird mit dem Euro wirklich alles besser – oder nur teurer?
Schwache Wirtschaft, instabile Politik – und jetzt der Euro
Bulgariens Ausgangslage ist schwierig. Das Land gehört zu den ärmsten Mitgliedern der EU. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei rund 17.600 Dollar. In Deutschland sind es 56.000 Dollar, in Frankreich 46.000 Dollar, so „Telegraph“ mit Verweis auf Weltbankdaten.
Dazu kommt eine extreme politische Unruhe: Seit 2020 hat Bulgarien acht Regierungschefs gehabt, wenn man Übergangsregierungen mitzählt. Korruption gilt als tief verankert. Bulgarien ist laut Transparency International das zweitkorrupteste EU-Land nach Ungarn, so „AP“.
Für Verbraucher: Doppelpreise, Umtauschfristen – und viele Sorgen
Schon vor dem Stichtag mussten Preise und Konten in beiden Währungen angezeigt werden – zu einem festen Kurs von 1 Lew = 0,51 Euro, so „AP“. Im Alltag bedeutet der Euro-Beitritt für die Menschen in Bulgarien nicht nur ein neues Symbol auf Münzen und Scheinen, sondern viele kleine Umstellungen. Schritt für Schritt sieht das so aus:
- Konten werden automatisch umgestellt
- Einen Monat lang kann noch in Lew bezahlt werden, das Wechselgeld gibt es aber schon in Euro
- Bis Ende Juni kann man den Lew kostenlos bei Banken, Postfilialen und der Notenbank tauschen, danach unbegrenzt bei der Zentralbank
Trotz aller praktischen Vorteile – etwa einfacheres Reisen oder keine Wechselgebühren mehr beim Handel mit Euroländern – überwiegt bei vielen die Sorge. Laut einer Eurobarometer-Umfrage lehnten im März 53 Prozent der Befragten den Euro-Beitritt ab, nur 45 Prozent waren dafür. Viele Menschen fürchten, dass Händler Preise heimlich aufrunden und der Euro ihren Alltag spürbar verteuert.
EZB wirbt um Vertrauen, Kritiker warnen vor neuer Eurokrise
In vielen anderen Ländern hat die Euro-Einführung ein ähnliches Muster gezeigt: Am Anfang hatten viele Menschen das Gefühl, dass „alles teurer“ wird – vor allem im Alltag, bei Restaurantbesuchen, beim Friseur oder im Café. Ökonomen sprechen dabei von einem kleinen, vorübergehenden Inflationsschub.
Die Europäische Zentralbank versucht, die Angst zu dämpfen.EZB-Chefin Christine Lagarde sagt, in früheren Fällen habe der Effekt meist nur „0,2 bis 0,4 Prozentpunkte“ betragen und sei schnell wieder abgeklungen, so die „AP“. Trotzdem bleibt bei vielen Bürgern vor allem die Erinnerung an steigende Preise hängen.
Andere sieht das deutlich kritischer. Die Eurozone sei heute „hoch verschuldet“, Deutschland und Frankreich hätten selbst massive Finanzprobleme, und die Europäische Zentralbank habe ein „undurchsichtiges“ Bilanzloch. In dieser Lage könne ein instabiles, verschuldetes Land wie Bulgarien „der Funke sein“, der eine neue Eurokrise auslöst, so „Telegraph“.