Starke Frau mit Horizont: Jutta Speidel beim Landsberger Frauensymposium

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Erfolgreiche Schauspielerin uns sozial hoch engagiert: Jutta Speidel (links) mit Moderatorin Sabine Gerstmaier beim Landsberger Frauensymposium im Rathausfestsaal. © Osman

Jutta Speidel ist nicht nur eine der beliebtesten deutschen Schauspielerinnen. Bekannt ist sie auch für ihr soziales Engagement. Vor fast 30 Jahren hat die Münchnerin den Verein Horizont e.V. gegründet, der obdachlosen Müttern und Kindern ein Zuhause gibt. Und sie ist im letzten Jahr erstmals mit einem Roman an die Öffentlichkeit getreten. Beim Frauensymposium gab die 71-Jährige Einblick in ihr mutiges, kraftvolles Leben.

Landsberg – Freundlich, unkompliziert, souverän, authentisch – das Bild, das man von Jutta Speidel hat, bewahrheitet sich an diesem Abend im vollbesetzten Historischen Rathausfestsaal. Ganz sicher ist sie eine Frau mit Vorbildcharakter und damit eine Idealbesetzung für die von Oberbürgermeisterin Doris Baumgartl ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe „Starke Frauen stärken“.

Jutta Speidel beim Frauensymposium in Landsberg:

Die Termine liegen normalerweise um den Weltfrauentag im März, doch dieses Mal wählte Baumgartl bewusst die zeitliche Nähe zum 25. November, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Die obdachlosen Mütter und Kinder, für die Speidels Verein Horizont gerade das dritte Haus in München fertigstellt, sind fast alle vor einer Bedrohung durch physische und psychische Gewalt geflohen.

„Ich finde es wahnsinnig erschreckend, dass die Gesellschaft und die Politik nicht schon längst etwas dagegen unternommen haben“, sagte die Schauspielerin im Gespräch mit Moderatorin Sabrina Gerstmaier. Speidel selbst hatte das Thema Obdachlosigkeit schon früh im Blick. Als junge Schauspielerin lebte sie in Schwabing, setzte sich bei Spaziergängen mit ihrem Hund zu Obdachlosen auf Parkbänke, brachte ihnen Essen mit, ratschte mit ihnen über alles mögliche. „Aber dass es auch obdachlose Kinder gibt, habe ich damals nicht gewusst.“

Das erfuhr sie eines Tages durch Zufall bei Dreharbeiten. Ein Zimmer in einer heruntergekommenen Pension wurde als Schminkraum genutzt, und Speidel stellte entsetzt fest, dass es sich um eine Obdachlosenunterkunft handelte, in der Männer, Frauen und Kinder unter miserabelsten Bedingungen lebten.

Jutta Speidels Verein „Horizont“: Damit Frauen und Kinder nicht im Zelt leben müssen

Aufgerüttelt, reiste sie zu Recherchezwecken zwei Jahre lang durch Deutschland und fand überall dasselbe vor – Notunterkünfte, in keiner Weise geeignet für ein gesundes Aufwachsen. Sie lernte Frauen und Kinder kennen, die couch-surfend mal bei diesen, mal bei jenen Bekannten gelebt hatten. Oder im Auto. Oder im Zelt im Wald.

1997 gründete Speidel den Verein Horizont. Seither sind in München ein Haus mit 24 Wohnungen und ein zweites mit 47 Wohnungen und Werkstätten entstanden. Beim dritten Haus mit weiteren 20 Wohnungen läuft gerade der Innenausbau. Hier sollen auch ein Traumatherapie- und Gesundheitszentrum sowie Bildungs- und andere Angebote für Kinder und Jugendliche integriert werden.

Besonders interessiert hörten zwei Vertreterinnen des Landsberger Initiativkreises Frauenhaus Speidels Schilderungen zu. Heidi Reiser und Margit Däubler ergänzten die Runde auf der Bühne und berichteten, das größte Hindernis auf dem Weg zum Frauenhaus sei der mangelnde politische Wille.

Speidels Rat fürs Spendensammeln: ein gutes Konzept präsentieren und dem Gegenüber das Gefühl vermitteln, es sei eine Ehre, dafür Geld zu geben. Klein anzufangen, hält sie für besser, als sich unter das Dach eines Trägers zu begeben. „Mir war es immer wichtig, unabhängig zu sein und schnell reagieren zu können.“

Unabhängig, das war die 71-Jährige schon immer, in den 1960er Jahren geradezu vogelfrei, wie sie erzählte. Aus ihrem spießigen Wohnort Gauting entfloh sie regelmäßig in die Freiheit nach München. „Es gab noch keine S-Bahn, aber einen Zug.“

50 Jahre auf die Hauptrolle im Tatort gewartet: Jutta Speidel bekam oft nur „Klischee-Rollen“

In der Filmbranche regierten – damals wie heute, so Speidel – Klischees und Schubladendenken. Am Beginn ihrer Karriere engagierte man sie vorzugsweise für Rollen in Produktionen, die sie als „Hops- und Tralala-Filme“ bezeichnet. „Ich war Klischee hoch drei – groß, blond, blauäugig, sommersprossig. Ein Fassbinder hat mich nicht besetzt.“ Auf eine Hauptrolle im „Tatort“ habe sie 50 Jahre gewartet. Als diese dann vor kurzem tatsächlich kam, „habe ich erstmal die Produzentin beglückwünscht“.

Die Rolle war eine Herausforderung. Die Handlungen ihrer Figur nachzuvollziehen, sei ihr sehr schwergefallen, so Speidel. Sie sprach mit Psychologinnen, um zu verstehen, was die Figur in ihre Situation geführt habe.

Ursachen verstehen, darum geht es auch bei der Unterstützung der Frauen, die bei Horizont Zuflucht finden. Den wichtigsten Schritt haben sie mit dem Verlassen gewalttätiger Strukturen bereits geschafft. „Wir bieten eine Atmosphäre von Respekt, Liebe und Aufgehobenheit. Dann öffnen sich die Frauen.“

Alles weitere könne sich entwickeln, der Verein hilft auf dem Weg in die Unabhängigkeit. Dann sind auch die Kinder nicht verloren. „Eine starke Mutter kann ihre Kinder stark erziehen.“ Durch die Beschäftigungsangebote in den Horizont-Häusern werden Talente gefördert, Potenziale können sich entfalten.

Ein Sinnbild für Entfaltung ist für Speidel die Amaryllis. Was als unansehnliche Knolle im Dunkeln liegt, verwandelt sich mit Licht und Wasser in eine wunderschöne Blüte. „Das ist eine Metamorphose.“ Und es ist der Titel von Speidels erstem Roman, aus dem sie zum Abschluss des Frauensymposiums Auszüge vorlas.

Auch hier richtet sie den Scheinwerfer auf ein Thema, auf das niemand wirklich schaut – die Welt der Zirkusclowns und die Tatsache, dass auch diese immer noch eine Männerdomäne ist. Die Protagonistin ertrotzt sich gegen Widerstände ihren Weg in den Beruf, steht dann aber im Schatten ihres Partners, den sie managt, dem sie die Gags schreibt und den Rücken freihält.

Jutta Speidel hatte aus dem Stoff zunächst ein Theaterstück, dann ein Drehbuch gemacht. Aber niemand war interessiert. Dafür läuft der Roman jetzt umso besser. Auf Lesereisen ist die Schauspielerin kreuz und quer im ganzen Land unterwegs. Nebenbei schreibt sie schon am nächsten Buch – „diesmal Erzählungen“, wie sie dem begeisterten Landsberger Publikum zum Abschied verriet.

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Информация на этой странице взята из источника: https://www.merkur.de/lokales/landsberg-kreisbote/frau-mit-horizont-jutta-speidel-beim-landsberger-frauensymposium-94062734.html