Die Idee zum Initiativkreis Frauenhaus Landsberg entsteht 2023. Im März 2024 wird zur Gründungssitzung geladen, schon im August wandelt sich der Initiativkreis zum gemeinnützigen, eingetragenen Verein. Das wurde jetzt offiziell gefeiert.
Landsberg - Der Festsaal im Historischen Rathaus ist voll. Zahlreiche Frauen und (sehr) wenige Männer sind zur Veranstaltung „Gewalt gegen Frauen beenden. Die Istanbul-Konvention als kommunale Verantwortung“ gekommen. Zur offiziellen Vereinsgründungs-Feier ist auch Manuela Schon geladen, Referentin für die Istanbul-Konvention der Landeshauptstadt Wiesbaden. Die Istanbul-Konvention (IK) steht im Mittelpunkt des Abends. Denn der Verein setzt sich für „die lückenlose Umsetzung der IK im Landkreis Landsberg“ (siehe Infokasten unten) ein.
Gemeinnütziger Verein „Frauenhaus Landsberg“: Das Thema „Gewalt gegen Frauen“ sichtbar machen
OBin Doris Baumgartl unterstützt die Initiative von Anfang an und begrüßt auch die Gäste im Festsaal. Die Verantwortlichen, darunter die 1. Vorsitzende Margit Däubler, ihre Vertreterin Heidi Reiser, aber auch Edgar Gingelmaier vom Weißen Ring, hätten „hartnäckig“ die Gründung verfolgt. „Wir setzten hier ein kraftvolles Zeichen gegen das Wegschauen, gegen Gewalt, für Schutz und Sicherheit und Solidarität.“
Mit der Roten Bank am Hauptplatz habe man eine erste Maßnahme ergriffen. Sie solle im Herzen der Stadt das Thema Gewalt gegen Frauen sichtbar machen und zeigen, dass die Stadt Landsberg „nicht wegsieht, sondern an der Seite der Betroffenen steht“. Auch solche ‚kleine‘ Maßnahmen könnten ein erster Schritt von der Angst weg zur Sicherheit sein. OBin Baumgartl nennt Spanien als Vorbild, das mit konkreten Maßnahmen bereits wirksam agiere. Wobei in Spanien der Grundsatz „Nur Ja heißt Ja“ gelte. In Deutschland ist man bisher erst beim „Nein heißt Nein“.
Der Name des Vereins verwirre teilweise, sagt Heidi Reiser. Denn wo sei denn das Frauenhaus in Landsberg? „Eigentlich müsste es seit der Ratifizierung 2018 existieren“, sagt Reiser. Seither sei die IK geltendes Gesetz. Zwar habe der Landkreis Landsberg drei Plätze im Frauenhaus Augsburg, „aber die sind belegt“. Zudem gebe es auch von Gewalt betroffene Frauen, die in Landsberg bleiben wollten – bei Arbeit, Schule, sozialem Umfeld. Eine Möglichkeit dafür gebe es im Landkreis nicht. „Das treibt uns dann an unsere Grenzen – organisatorisch, aber auch emotional.“ Ebenso emotional ist auch das Gedicht, das Monica Calla zum Thema vorträgt: „Wir müssen reden“, ist dessen prägnanter Schlusssatz.
Manuela Schon weist in ihrem Vortrag auf eine enorme Unstimmigkeit hin: Um sich gegen Gewalt zu schützen, gebe man in Deutschland den Frauen gerne Sicherheitstipps. Aber „Gewalt gegen Frauen ist ein Männerproblem. Männer müssen dafür Verantwortung übernehmen.“ Für ein Verhalten, in dessen Folge 2023 in Deutschland 360 Frauen getötet wurden – also fast jeden Tag eine. Ob erste Maßnahmen im Rahmen der IK bereits Wirkung zeigten, werde man sehen, wenn das aktuelle Monitoring beendet sei.
Die Istanbul-Konvention
Ihren ‚Spitznamen‘ hat die Istanbul-Konvention (IK) von dem Ort, an dem sie 2011 vom Europarat aufgelegt wurde. In Kraft trat sie 2014. Ihr korrekter (und etwas sperriger) Name ist „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“.
Gewalt gegen Frauen bezieht sich dabei darauf, dass sie gegen Frauen ausgeübt wird, weil sie Frauen sind und/oder dass Frauen mehrheitlich davon betroffen sind. Natürlich gebe es auch häusliche Gewalt gegen Männer, betont Referentin Manuela Schon, Referentin für die Istanbul-Konvention der Landeshauptstadt Wiesbaden. Frauen seien aber statistisch gesehen von Gewalt und häuslicher Gewalt deutlich häufiger betroffen.
In Deutschland gilt die 81 Artikel umfassende IK seit dem 1. Februar 2018 als Bundesgesetz. Dadurch wurde sie zur staatlichen Verpflichtung, für die auch finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden müssen, wie Schon betont. Davor habe man vieles „aus dem Bauch heraus gemacht“, jetzt zählten evidenzbasierte Maßnahmen. „Die Konvention ist eine Art Goldstandard im Kampf gegen Gewalt an Frauen.“
Schon nennt vier Säulen der IK: Prävention, Schutz und Unterstützung, Strafverfolgung und multidisziplinäre Interaktion zwischen Fachkräften, Polizei, Justiz etc.
Vortrag von Wiesbadener Istanbul-Konvention-Referentin: Gibt es zu wenig Plätze in den Frauenhäusern?
Auch inhaltliche Aspekte vertieft Schon. Beispielsweise die Frage, warum von häuslicher Gewalt betroffene Frauen nicht gehen: „Weil die Trennung oft die gefährlichste Situation ist.“ Sie führe oft zum sogenannten „erweiterten Suizid“ – der aber nichts anderes sei als der Mord an der Frau, wenn auch mit anschließendem Selbstmord des Mannes. Dass auch Kinder von gewalttätigen Vätern getrennt würden, liege daran, dass Gewalt gegen Frauen zugleich eine Kindeswohlgefährdung bedeute: „Aufgrund der Vorbildfunktion werden Söhne gewalttätiger Väter oft zu Tätern, Töchter zu Opfern.“
Hauptaspekt für Schon ist das Thema Frauenhaus. Wobei sie hier massiv für datenbasierte Aussagen plädiert. Denn wie viel Plätze in Frauenhäusern wirklich fehlten, könne man nicht sagen: „Es gibt eindeutig zu wenig Plätze. Aber wie viel genau, dazu gibt es keine soliden Zahlen.“ Denn die bestehenden Zahlen addiertem lediglich die Zahl der von Frauenhäusern abgewiesenen Frauen. Abweisungen könne es aber auch dann geben, wenn die Frau wegen des Jobs in der Region bleiben müsse, wenn Kinder nicht aus ihrem Umfeld gerissen werden sollen – auch wenn räumliche Distanz manchmal sinnvoll sein könne –, oder auch, wenn die Betroffene auf einen Rollstuhl angewiesen, das Frauenhaus aber nicht barrierefrei sei, oder wenn sie sich nicht von ihrem Haustier trennen wolle, Tierhaltung aber dort nicht erlaubt sei.
Es gehe deshalb auch darum, die vorhandenen Plätze korrekt zu bewirtschaften: Indem ausreichend Personal eingesetzt werde und die Suche nach Wohnraum für die Frauen nach dem Aufenthalt im Frauenhaus massiv unterstützt werde. „Manchmal kann es auch sinnvoll sein, eine ‚kleine‘ Lösung vor Ort zu finden“, sagt Schon. Um „Handlungsspielräume in Zeiten knapper Haushaltskassen zu öffnen“.
So habe man in Wiesbaden betroffenen Frauen vor der Zuteilung eines Frauenhaus-Platzes eine Woche lang in einer städtischen Einrichtung unterbringen können. Dort habe man eine Gefährdungsanalyse erstellt und einen Hilfeplan erstellt –um die Situation zu klären und Maßnahmen zu prüfen. Gebe es in Wiesbaden laut Statistik eigentlich sieben Frauenhausplätze zu wenig, habe sich durch diese Maßnahme gezeigt, dass man von den verfügbaren 23 Plätzen nur 18 gebraucht habe. „Frauenhäuser müssen für Hochrisikofälle verwendet werden.“
Vor der abschließenden Fragerunde gibt es noch erste Spenden für den Verein: Vom Inner Wheel Club Ammersee und von der Landsberger Bühne, die mit ihren Frauenmonologen über 1.000 Euro an Spenden sammelten.
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