Statt in überfüllten Flugzeugen oder unpünktlichen Zügen zu sitzen, konnten alle Daheimgebliebenen den Start in die Sommerferien ganz gemütlich auf dem Weilheimer Kirchplatz genießen. Der war beim vierten Literaturfestival mit dem schönen Namen „Lesepause“ zentraler Treffpunkt für viele begeisterte Bücherwürmer und Leseratten aller Altersklassen.
Weilheim – Zum Auftakt war eine prominente Autorin gekommen, die man eher mit Film und Fernsehen als mit Literatur in Verbindung bringt. Aber wie viele ihrer Kollegen hatte auch die in Gauting aufgewachsene Jutta Speidel die Corona-Zwangspause genutzt und ein 260 Seiten starkes Werk verfasst. Sie wurde von Sybille Fleck vom Organisationsteam auf dem Kirchplatz begrüßt, wo sich bei bestem Sommerwetter zahlreiche Fans und Neugierige drängten.
Nach einer Sitzprobe las Speidel Auszüge aus „Amaryllis“; es ist die bewegende Biografie von Valerie, die im leicht bohèmen Familienmilieu aufwächst und davon träumt, als große Artistin und weiblicher Clown in der männerdominierten Zirkuswelt berühmt zu werden. Sie lernt ihre große Liebe Lorenzo kennen und geht mit ihm an die renommierte Zirkusschule Dimitri. Beide wollen Clown werden und die Ausbildung prägt sie sehr. Er schafft den Durchbruch in den Olymp der Zirkuswelt, während sie ihm als Choreografin, Managerin und Muse immer zur Seite steht. Sie lieben und respektieren einander. Trotzdem spürt Valerie immer wieder Bedrückung und Trauer angesichts ihrer Rolle hinter dem Vorhang.
„Sie ist mit ihren 70 Jahren eine bewundernswerte Frau“, sagte nach der Lesung Ulrike Steinbacher, die aus Bernried gekommen war und sich auch für Speidels soziales Engagement interessiert. Nach diesem gelungenen Auftakt gab es in den vergangenen acht Tagen jeden Abend weitere Lesungen mit interessanten Anregungen, um sich mit einem bestimmten Thema oder Autor näher zu beschäftigen.
„Eine tolle Sache, dass der Eintritt für alles komplett frei ist!“, freute sich Jürgen Evertz aus Wielenbach, der deshalb gleich an vier Veranstaltungen teilnahm. Ebenfalls kostenlos sind die Liegestühle am Lesebrunnen vor der Stadtbücherei sowie der Lesepavillon auf dem Kirchplatz; dort kann man sich an einem Bücherschrank bedienen und jeweils ab 10 Uhr eine gemütliche Lesepause einlegen.
Vier interessante Veranstaltungen stehen dieses Wochenende noch auf dem Programm. Am Samstag, 3. August, liest Marion Hruschka um 19 Uhr aus dem Sammelband „Revolution und Reaktion – Die Anfänge der NS-Bewegung im bayerischen Oberland 1919 bis 1923“. In diesem Jahrbuch des Historischen Vereins Murnau präsentieren neun Autoren ihre Forschungsergebnisse zur lokalen und regionalen Geschichte. Am selben Abend um 20.30 Uhr schildert Robert Huber das Kriegsende in Weilheim. Selten gezeigte Originalaufnahmen über die Befreiung Weilheims durch die US-Amerikaner bereichern diese Lesung.
Am Sonntag, 4. August, um 19.15 Uhr liest der Eberfinger Autor Sascha Raubal liest aus seiner dystopischen Abenteuer-Serie „Die Abartigen“ um die beiden jungen Helden Mikail und Loris. Das ist Fantasy ohne mythische Wesen oder Magie, dafür mit einem Schuss Science Fiction in der Vorgeschichte und so manchem Bezug zu unserer Welt. Acht Bände sind bislang erschienen und alle drei Monate kommt ein weiterer dazu, bis das Dutzend voll ist.
Um unheimliche Welten und eine Reise durch unser Sonnensystem geht es dann am Sonntag um 21 Uhr bei einer Nachtlesung mit Helmut Hornung. In einer einzigartigen Bilderreise zeigt der Vortrag, was Astronomen heute über diese fremden Welten wissen.
Mit dem Kreisbote-Newsletter täglich zum Feierabend oder mit der neuen „Kreisbote“-App immer aktuell über die wichtigsten Geschichten informiert.