„Es beginnt bei uns“: Das Demokratiebündnis Dachauer Land zeigt bei einer Podiumsdiskussion Wege aus der Radikalisierung.
Die zunehmenden extremistischen Haltungen in Politik und Gesellschaft sind besorgniserregend. Das hat nicht zuletzt auch das Abschneiden radikaler Gruppierungen bei der vergangenen Europawahl gezeigt. Hierbei haben sich vor allem Erst-und Jungwähler für Parteien am rechten Rand entschieden. Eine Podiumsdiskussion im Barocksaal des Klosters Indersdorf hat nun am Montagabend versucht, die Ursachen dieser Entwicklung aufzuzeigen und Ansätze zum Ausweg aus dieser Situation zu bieten. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Es beginnt bei uns“.
Zur Diskussion geladen hatte das „Demokratiebündnis Dachauer Land“. Vor etwa 100 Interessierten stellten sich die Gesprächsteilnehmer auf der Bühne den Fragen des Begründers und Koordinators des Bündnisses, Hubertus Schulz. Er hatte bei der Gesprächsrunde die Rolle des Moderators eingenommen. Diskussionsteilnehmer waren Pfarrer Josef Mayer, Geistlicher Direktor der Katholischen Landvolkshochschule Petersberg, Peter Heller, Sprecher des Runden Tisches gegen Rassismus, und Heidi Schaitl, Geschäftsführerin der Caritas-Zentren im Landkreis. Die Runde ergänzte der ehemalige Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler, Erzieherin Verena Hesse sowie VdK-Kreisvorsitzender Walter Wüst.
Angst und Unsicherheit, das wurde bei der Gesprächsrunde schnell klar, dürften die Hauptursachen für den aufkommenden Extremismus sein. „Vor allem die Panik vor sozialem Abstieg und Wohlstandsverlust spielt hier eine große Rolle“, unterstrich Caritas-Geschäftsführerin Schaitl. Dazu käme noch die Unsicherheit bei den derzeitigen Krisen, insbesondere bei der Sorge um das Weltklima. „Da machen sich dann schnell Populisten ans Werk, die das abstreiten. Oder gern auch einfach und schnell Sündenböcke finden“, erklärte Schaitl. „Für die sind dann rasch die Flüchtenden die Verursacher aller Probleme.“ Wie wichtig der Zuzug von Menschen aus dem Ausland tatsächlich ist, bekräftigte die Vertreterin der Caritas mit deutlichen Worten: „Wir wissen sicher, dass das Problem des Fachkräftemangels nicht alleine durch Zuwanderung zu lösen ist. Aber wir könnten hier kein einziges Pflegeheim betreiben ohne die Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund.“
VdK-Kreisvorsitzender Wüst hat ein ähnliches Bild von der Angst als Auslöser für radikale Einstellungen. „Die Problemlage derzeit mit ihren Kriegen und Krisen überfordert bedürftige Menschen oft.“ Und so hörten manche eben auf die einfachen Erklärungen der Populisten und trifteten in extreme Positionen ab. Auch Erzieherin Verena Hesse erklärt Unsicherheit aufgrund der Weltlage als Hauptauslöser für radikales Denken bei jungen Menschen. Dazu käme noch die Hetze in den sozialen Medien. Hier räche sich der Personalmangel im Bildungssystem: Zu wenig Pädagogen, die aufklären und erklären könnten träfen auf zu viele Kinder. „Die Jugendlichen fallen so zurück und werden auffälliger.“
Bei einer Frage aus dem Publikum, wie man den zunehmenden Einfluss radikaler Parteien auf Jugendliche in den sozialen Medien entgegenwirken könne, verwies Peter Heller vom Runden Tisch auf einen Arbeitskreis in seinem Verein. Gleichzeitig räumte Heller aber auch ein, dass die Lage diesbezüglich schwierig sei. „Bei digitalen Portalen wie TikTok haben die Rechten derzeit einen großen Vorsprung. Da haben die anderen Parteien einfach zu lange gezögert.“
Pfarrer Mayer und Erzieherin Hesse appellierten in diesem Zusammenhang an die Eltern, diese Problematik bei ihren Kindern zu thematisieren und Denkprozesse anzuregen. Pfarrer Mayer sieht bei der Bekämpfung von Radikalismus in der Jugendarbeit einen zentralen Ansatz. So habe sein Haus verschiedene Bildungsprojekte diesbezüglich initiiert. „Wir dürfen die 18- bis 25-Jährigen einfach nicht dem Rattenfängertum überlassen“, stellte der Geistliche klar. „Kürzungen in der Jugendsozialarbeit sind bei der Bekämpfung der Ursachen von Populismus und Extremismus ein Schlag ins Gesicht“, mahnte er eindringlich. „Was wir hier jetzt einsparen, kommt später doppelt und dreifach zurück.“
Der ehemalige Bezirksheimatpfleger Norbert Göttler betonte im Laufe des Podiumsgesprächs, wie wichtig der persönliche Austausch sei. Man müsse mit Menschen mit Radikalisierungstendenzen reden und persönliche Überzeugungsarbeit leisten. Gleichzeitig stellte er aber auch klar: „Wir sind eine wehrhafte Demokratie. Und wir müssen uns auch gegen die wehren, denen mit Wissen und guten Argumenten nicht beizukommen ist.“
Beim Kampf gegen radikale Strömungen setzt Peter Heller neben den herkömmlichen Aktionen wie Demonstrationen und Podiumsdiskussionen auch auf neue „Formate“. „Wir haben hier den Demokratie-Punkt im Dachauer Fondi-Park geschaffen. Dabei wird im Monatsrhythmus für anderthalb Stunden Platz zum Austausch über Demokratie geboten“, erläuterte Heller. Zudem warnte er davor, dass andere Parteien versuchten, radikale Gruppierungen zu kopieren. „Da denken sich Menschen schnell, dass das Original nun mal besser ist als die Kopie.“ Bei der Frage, welchen Beitrag jeder Einzelne für den Erhalt der Demokratie leisten könne, sieht Heller die eigene Zivilcourage gefragt: „Jeder muss Gesicht zeigen und sich bei Fällen von rassistischen Beleidigungen oder Angriffen einmischen.“ Menschen, die in einer solchen Situation Mut bewiesen, würde so auch andere positiv beeinflussen und zu Multiplikatoren werden. An Vereine appellierte Heller, „Gesicht zu zeigen“ und etwa das Logo des Bündnisses mit auf die Vereinsfahnen zu nehmen.
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Wir sind eine wehrhafte Demokratie. Und wir müssen uns auch gegen die wehren, denen mit Wissen und guten Argumenten nicht beizukommen ist.
Mehr sachliche Debatten statt Agitation seien hier entscheidend. Erzieherin Hesse sprach sich dafür aus, Kinder und Jugendliche mehr an Entscheidungsprozessen teilhaben zu lassen. Sie müssten lernen, dass ihre Meinung etwas bewirkt. Dies wirke sich auch auf ihr späteres Wahlverhalten aus.
Pfarrer Mayer forderte ein Mehr an Miteinander statt an Gegeneinander. Gerade junge Menschen müssten sich mehr austauschen und verschiedenste Standpunkte kennenlernen. Dabei würde er ein soziales Jahr oder einen zeitlich begrenzten Dienst bei der Bundeswehr durchaus begrüßen. „Dabei tendiere ich eher zur Pflicht. Ich sehe so etwas mehr als Chance denn als Freiheitsberaubung“, stellte der Geistliche klar. Peter Heller forderte gemeinsame Anstrengungen aller Demokraten zur Lösung der Probleme. „Wir müssen größer denken, auch abseits aller Parteipositionen!“
Begonnen hatte die Veranstaltung mit zwei Kurzfilmen über die Kundgebung des Bündnisses auf dem Indersdorfer Marktplatz im März und die Lichterkette am „Weg des Erinnerns“ im Mai. Beide Filme werden auf der Homepage des Heimatvereins, auf „Youtube“ und auf www.demokratiebuendnis-indersdorf.de veröffentlicht.
Hubertus Schulz beendete die Veranstaltung mit einem Zitat des Schriftstellers Erich Kästner: „Man darf nicht warten, bis aus einem Schneeball eine Lawine geworden ist.“