Der Bio-Umsatz stieg 2025 auf ein Rekordhoch. Die deutschen Bauern können die Nachfrage nicht mehr decken. Das Mercosur-Abkommen verschärft den Druck zusätzlich.
Brüssel/München – Die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in Deutschland steigt rasant, doch die heimische Produktion kommt nicht mehr mit. Experten warnen vor Versorgungslücken bei heimischen Produkten. Laut Zahlen des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), die der Welt vorliegen, stieg der Umsatz mit Öko-Lebensmitteln 2025 um acht bis zehn Prozent auf mindestens 18,3 Milliarden Euro. „Die Verbraucher greifen stark zu Bio“, sagte die BÖLW-Vorstandsvorsitzende Tina Andres. Besonders Eigenmarken des Lebensmittelhandels und der Drogeriemarktketten trieben das Wachstum.
Bei Lieferdiensten wie Rewe, Knuspr, Wolt und Tegut liegt der durchschnittliche Bio-Anteil laut BÖLW bei 17 bis 28 Prozent – deutlich höher als im gesamten Lebensmittelmarkt mit rund 7,5 Prozent. Doch während die Nachfrage boomt, stagniert die heimische Produktion. „Die Umstellungsbereitschaft in der Landwirtschaft war 2025 erneut äußerst verhalten“, heißt es in einem Bericht des Deutschen Bauernverbandes. Rund 36.000 Betriebe bewirtschaften in Deutschland Flächen von knapp zwei Millionen Hektar nach Öko-Standards – eine Quote von nicht einmal zwölf Prozent. Das 30-Prozent-Ziel der Politik bis 2030 rückt in weite Ferne.
Importabhängigkeit wächst – Engpässe bei Fleisch, Eiern und Milchprodukten drohen
Bio-Lebensmittel müssen zu einem immer größeren Anteil aus dem Ausland importiert werden. „Wenn allerdings Bio-Produkte importiert werden, die auch hier erzeugt werden könnten und für die die Nachfrage da ist, profitiert davon nicht die Umwelt bei uns“, erklärte Andres gegenüber der Welt. Dann werde hierzulande weder das Grundwasser geschützt noch die schwindenden Wildbienenvölker, Lerchen und Kiebitze. Die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) warnt zudem vor deutlichen Rückgängen beim Selbstversorgungsgrad. Vor allem bei Fleisch, Eiern und Milchprodukten werden Engpässe bei heimischen Produkten erwartet.
Die Umstellung ist für Bauern mit erheblichen Hürden verbunden. Bis zu drei Jahre müssen Betriebe nach den neuen Standards anbauen, ohne ihre ohnehin um 30 bis 50 Prozent geringere Ernte als Bio vermarkten zu können. Das sorgt für deutliche Einkommensrückgänge. Thomas Zell vom Ackerleihof in Bruchköbel erklärte gegenüber dem Hessischen Rundfunk: „Wir haben einfach schon deutlich mehr Arbeit, schlicht und ergreifend. Also weil wir machen die gesamte Unkrautbekämpfung mechanisch, also entweder mit Maschinen, wo wir x-mal durch den Acker fahren oder auch mit der Hand, indem wir das Unkraut einfach rausreißen.“ Der Aufwand für die mechanische Bodenbearbeitung ist merklich höher und teurer.
Mercosur-Abkommen verschärft Druck – Bauernproteste gegen unfairen Wettbewerb
Zusätzlich belastet das vereinbarte EU-Mercosur-Freihandelsabkommen die deutschen Bauern. Der Deutsche Bauernverband lehnt das Abkommen mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay ab. „Als deutscher Bauernverband sind wir grundsätzlich für Handelsabkommen. Die müssen aber fair sein“, erklärte Deutscher Bauernverband e.V Präsident Joachim Rukwied. Der Agrarteil von Mercosur sei unausgewogen und gehe zulasten der europäischen Landwirtschaft. „Wir können in diesem Wettbewerb nicht standhalten.“ Im Interview mit der Augsburger Allgemeinen konkretisierte Rukwied: „Was da ausgehandelt wurde, ist schlichtweg nicht akzeptabel.“ Besonders bei Rindfleisch, Geflügelfleisch, Ethanol und Zucker erwarte die Branche zusätzlichen Druck. „In Brasilien dürfen die Landwirte Wirkstoffe nutzen, die bei uns schon längst verboten sind“, so Rukwied gegenüber der Augsburger Allgemeinen.
In vielen Regionen Deutschlands protestierten Bauern diese Woche mit Traktoren an Autobahnauffahrten gegen das Abkommen. Sie fürchten sinkende Preise und das Aus vieler Betriebe. „Wir haben sehr große Bedenken gegen dieses Abkommen“, sagte ein Bauer aus Mecklenburg-Vorpommern laut Tagesschau. Ein Landwirt aus Sachsen-Anhalt verwies auf strenge Vorschriften. „Es sind ja so viele Auflagen, die wir haben“, sagte er gegenüber der Tagesschau. In anderen Ländern seien viele Pflanzenschutzmittel erlaubt, die hier verboten sind. Das Entgegenkommen der EU-Kommission mit Schutzklauseln reicht den Bauern nicht. Rukwied nannte die Vorschläge „ein echtes Placebo“.
Politik setzt auf Markt – Branche fordert Eingreifen
Bundesminister Alois Rainer (CSU) setzt auf Marktmechanismen. „Wenn sich der Markt gut entwickelt, motiviert das mehr Betriebe, auf Bio umzustellen“, sagte er laut Welt. Das 30-Prozent-Ziel hält er für unrealistisch. „Ich will nicht sagen, dass man das nicht schaffen kann – aber beim aktuellen Wachstum ist es ambitioniert.“ BÖLW-Chefin Andres fordert dagegen politische Einflussnahme: „Die Politik darf den Run auf Bio nicht verschlafen, sondern muss die Signale auf Öko stellen.“ Sie regt an, Bio-Flächen besonders in Trinkwasserschutzgebieten auszuweiten. Knapp 1,9 Millionen Hektar werden laut Berechnungen des deutsch-französischen Forschungsunternehmens Ecozept dort noch konventionell bewirtschaftet.
Unterstützung kommt vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). „Hohe Nitratbelastungen führen bereits heute zu Mehrkosten in der Trinkwasseraufbereitung“, sagte Martin Weyand, Hauptgeschäftsführer Wasser/Abwasser beim BDEW, laut Welt. Gutachten hätten gezeigt, dass die Novellierung der Düngeverordnung 2017 bislang keine substanzielle Verbesserung der Gewässerqualität bewirkt habe. (ls)