Brasilien sucht verlässliche Absatzmärkte in Europa. Der EU-Mercosur-Deal öffnet neue Wege, nicht nur für Kaffee und Fleisch.
Am Hafen von Santos stapeln sich Kaffeesäcke neben tiefgekühlten Hähnchen und Containern mit Orangensaft. Brasilien exportiert, was in Europa täglich auf dem Tisch landet. Doch die Weltmärkte sind unruhig geworden. Neue Zölle aus den USA, politische Drohungen und abrupte Kurswechsel haben den Handel für Brasiliens Agrarwirtschaft riskanter gemacht.
Für das größte Land Südamerikas geht es dabei nicht um abstrakte Handelspolitik. Es geht um Planungssicherheit, Arbeitsplätze und Milliardenumsätze. In dieser Lage richtet sich der Blick Brasiliens nach Europa. Wie das brasilianische Nachrichtenportal Globo berichtet, wird das Abkommen mit EU und Mercosur vor allem als Antwort auf unsichere Handelsbeziehungen mit den USA gesehen.
Der Deal sieht vor, Zölle auf rund 77 Prozent der Agrarimporte aus Südamerika schrittweise abzubauen, je nach Produkt über vier bis zehn Jahre; sensible Waren bleiben reguliert. Noch ist das Abkommen nicht in Kraft: Es muss vom Europäischen Parlament sowie von den nationalen Parlamenten der Mercosur-Staaten gebilligt werden. Beobachter rechnen damit, dass erste Teile des Abkommens frühestens 2026 oder 2027 vorläufig greifen.
Brasilien, EU und Mercosur: Warum Europa jetzt wichtiger wird
Brasilien zählt zu den größten Agrarproduzenten der Welt. 2024 exportierte das Land Agrarprodukte im Wert von rund 170 Milliarden US-Dollar. Fleisch, Kaffee, Soja, Früchte und Pflanzenöle gehen in alle Kontinente. Lange spielten die USA dabei eine zentrale Rolle. Doch dieses Gewicht hat sich spürbar verschoben.
2025 sanken Brasiliens Agrarexporte in die USA laut Handelsdaten um mehr als 20 Prozent. Auslöser waren neue US-Zölle und handelspolitische Konflikte unter Donald Trump. Zwar wurden einzelne Sonderabgaben im Herbst wieder aufgehoben. Trotzdem unterliegt weiterhin fast die Hälfte der brasilianischen Agrarlieferungen in die USA zusätzlichen Auflagen oder höheren Kosten.
Europa wirkt aus brasilianischer Sicht deutlich stabiler. Die EU ist inzwischen der zweitgrößte Abnehmer seiner Agrarprodukte – mit einem Exportvolumen von rund 45 Milliarden US-Dollar pro Jahr.
Zahlen zeigen die Verschiebung der Handelsgewichte
Die Bedeutung der EU lässt sich klar beziffern. Bei Agrarprodukten lag der europäische Markt zuletzt mit rund 26 Prozent der brasilianischen Ausfuhren auf Platz zwei der wichtigsten Abnehmer. An der Spitze steht China mit etwa 35 Prozent. Die Europäische Union liegt damit deutlich vor den USA, die zuletzt nur noch auf einen einstelligen Anteil kamen. Auch im Gesamthandel exportiert Brasilien inzwischen mehr Waren in die EU als in die USA.
Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied bei einzelnen Produkten. Beim Kaffee gingen zuletzt rund 18 Prozent der brasilianischen Ausfuhren in die EU, während die USA deutlich dahinter lagen. Ähnlich ist das Bild bei Rind- und Geflügelfleisch sowie bei Zucker. In Europa bleiben die Erlöse vergleichsweise stabil. In den USA schwanken die Absatzmengen stärker, auch wegen kurzfristiger handelspolitischer Eingriffe.
Für brasilianische Produzenten ist diese Planbarkeit entscheidend. Investitionen in Schlachthöfe, Röstereien oder Verarbeitungsbetriebe rechnen sich nur, wenn Absatzmärkte verlässlich bleiben.
Kaffee: Mehr Wertschöpfung statt reiner Rohstoffexport
Beim Kaffee zeigt sich besonders klar, was Brasilien vom Abkommen erwartet. Rohkaffee gelangt bereits heute zollfrei in die EU – vor allem nach Deutschland, das innerhalb des Binnenmarkts zu den wichtigsten Abnehmern brasilianischen Kaffees zählt. Doch bei verarbeiteten Produkten endet der Vorteil. Auf löslichen Kaffee erhebt die EU bislang neun Prozent Zoll, auf gerösteten und gemahlenen Kaffee 7,5 Prozent.
Das bremst Brasiliens Position im Wettbewerb. Denn der wichtigste Konkurrent, Vietnam, beliefert den europäischen Markt für löslichen Kaffee bereits zollfrei. Entsprechend liegt Vietnam in diesem Segment vor Brasilien, obwohl Brasilien weltweit der größte Kaffeeproduzent ist.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Wissensmagazin SMART UP NEWS
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Mit dem Abkommen sollen die Zölle auf löslichen sowie gerösteten Kaffee innerhalb von vier Jahren vollständig entfallen. Für Brasilien eröffnet das neue Spielräume. Statt fast ausschließlich Bohnen zu exportieren, kann das Land stärker auf Verarbeitung setzen. Röstereien und Fabriken im eigenen Land werden wirtschaftlich attraktiver. Höhere Erlöse bleiben im Land.
Für Europa hat das ebenfalls Folgen. Der Wettbewerb nimmt zu, besonders bei löslichem Kaffee. Verbraucher profitieren von größerer Auswahl. Gleichzeitig sinkt die Abhängigkeit von einzelnen Herkunftsländern. Preise könnten sich langfristig stabilisieren, weil Lieferketten breiter und belastbarer werden.
Fleisch: Zugang mit klaren Grenzen
Weitaus sensibler ist der Fleischhandel. Rind- und Geflügelfleisch gelten in Europa als politisch heikel. Bauernverbände warnen seit Jahren vor Konkurrenz aus Südamerika. Deshalb enthält der Deal feste Exportquoten.
Für Rindfleisch ist eine gemeinsame Quote der Mercosur-Staaten von bis zu 99.000 Tonnen pro Jahr vorgesehen. Für Geflügel sollen es bis zu 180.000 Tonnen sein, schrittweise ansteigend. Außerhalb dieser Mengen gelten weiterhin hohe Zölle.
Für Brasilien ist das kein Freifahrtschein, aber ein kalkulierbarer Zugang. Für europäische Verbraucher bedeutet es keinen plötzlichen Preisverfall, wohl aber mehr Angebot in bestimmten Segmenten.
Diese Produkte profitieren besonders vom Abkommen
Neben Kaffee und Fleisch gibt es weitere Gewinner aus brasilianischer Perspektive, vor allem Produkte, die bisher durch Zölle gebremst wurden:
- Früchte wie Mango, Papaya oder Trauben
- Fisch und Krustentiere aus Aquakultur
- Pflanzenöle und verarbeitete Agrarprodukte
Die schrittweise Zollfreiheit macht Investitionen in Kühlketten und Logistik attraktiver. Das stärkt die Versorgungssicherheit in Europa und erhöht die Wettbewerbsfähigkeit brasilianischer Anbieter.
Schutzklauseln sorgen für Misstrauen
Ganz ohne Spannungen kommt der Deal nicht aus. Die EU hat zusätzliche Schutzmechanismen beschlossen. Steigen die Importe eines sensiblen Produkts um mehr als fünf Prozent innerhalb von drei Jahren, kann Brüssel eingreifen. Untersuchungen sollen schneller abgeschlossen werden.
In Brasilien stößt das auf Skepsis. Vertreter der Agrarwirtschaft warnen vor versteckten Hürden. Besonders kritisch sehen sie neue Vorgaben, nach denen Mercosur-Länder europäische Produktionsstandards einhalten sollen. In Brasília wächst die Sorge, dass Freihandel durch interne EU-Regeln ausgebremst werden könnte.
Auch Europa verfolgt eigene Interessen
Das Abkommen ist kein Geschenk an Südamerika. Europa will im Gegenzug mehr Autos, Maschinen, Chemieprodukte sowie Käse und Wein in die Mercosur-Staaten exportieren. Zudem geht es um geopolitische Fragen. Weniger Abhängigkeit von China. Mehr Handlungsspielraum im Welthandel.
Der Konflikt mit den USA spielte dabei eine Rolle. Die handelspolitischen Spannungen der vergangenen Jahre haben in Brüssel das Interesse an neuen Partnern verstärkt. Länder wie Deutschland und Spanien trieben die Einigung voran. Frankreich blieb skeptisch.
Kurz zusammengefasst:
- Brasilien richtet seinen Agrarhandel neu aus, weil Exporte in die USA 2025 um mehr als 20 Prozent einbrachen, während die EU mit rund 45 Milliarden US-Dollar zum zweitwichtigsten Abnehmer aufstieg.
- Der EU-Mercosur-Deal baut Zölle für 77 Prozent der Agrarimporte schrittweise ab und macht Exporte planbarer – besonders bei Kaffee, Fleisch, Früchten und Pflanzenölen.
- Für Europa bedeutet das mehr Angebot und stärkeren Wettbewerb, etwa beim Kaffee gegenüber Vietnam, während feste Quoten und Schutzklauseln Preissprünge bei Fleisch begrenzen.