„Stolperdraht“-Illusion: Laut Planspiel hat Putin die NATO im Handstreich kaltgestellt

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Weil Europa und die USA zögern, könnte Russland das Baltikum kassieren, ohne einen einzigen Soldaten einzusetzen. Den fiktiven Krieg gewinnt Putin.

Brüssel – „Um die militärischen Ziele im Baltikum zu erreichen, muss Russland nicht in Litauen oder in Lettland oder in Estland einmarschieren. Es kann von Weißrussland und von Kaliningrad eine sogenannte Feuerkontrolle etablieren“, sagt Franz-Stefan Gady. Der österreichische Analyst ist davon überzeugt, dass Wladimir Putin nach einem Ende des Ukraine-Krieges mit lediglich 15.000 Kräften die Ostflanke der NATO überrollen könnte – darüber berichtet aktuell die Bild nach einer Simulation der Zeitung Welt in Kooperation mit dem „German Wargaming Center“ der Bundeswehr-Universität Hamburg, wie Bild-Autor Filipp Piatov schreibt. Damit nicht genug: Der fiktive Krieg könnte zeitnah losbrechen.

Ein Soldat der Panzerbrigade 45 „Litauen“ befreit ein MG5 A2 mit einem Besen vom Schnee
Prestige-Projekt von zweifelhaftem militärischen Wert? Ein Soldat befreit beim Besuch von Außenminister Wadephul bei der Panzerbrigade 45 „Litauen“ ein MG5 A2 vom Schnee. Im Mittelpunkt der eintägigen Reise im Januar standen nach Angaben eines Sprechers des Auswärtigen Amts in Berlin die Unterstützung der vor fast vier Jahren von Russland angegriffenen Ukraine sowie die enge Zusammenarbeit an der NATO-Ostflanke und im Kampf gegen hybride Bedrohungen. Die westlichen Soldaten könnten aber schneller schachmatt gesetzt worden sein, als sie ihre Waffen schussbereit hätten. © picture alliance/dpa | Christoph Soeder

„Sowohl von rechts als auch links ist heutzutage häufig zu hören, dass militärische Konflikte sich nur diplomatisch lösen lassen. Haben diese Stimmen recht?“, fragte jüngst Frank Thadeusz. Den Autor des Nachrichtenmagazins Spiegel interessiert die Verhandlungsbereitschaft des russischen Potentaten. Daran zu glauben sei „Unsinn“ antwortete Sönke Neitzel; Deutschland bekanntester Militärhistoriker erinnerte an beinahe jeden großen Konflikt der vergangenen Jahrzehnte. Ihm zufolge wurden Verhandlungen erst dann geführt, wenn die militärische Lage ausgefochten gewesen sei. Laut dem aktuellen Planspiel ist das Gegenteil der Fall nach dem Ende des Ukraine-Krieges. „Im Szenario war es so, dass es einen Waffenstillstand im Sommer 2026 gibt und Russland dann einige Monate Zeit hatte, seine Truppen (…) aufzufrischen, neu auszubilden, auch zu verschieben“, zitiert die Bild Gady.

Wegen Putins Kompromisslosigkeit: „Stolperdraht reicht im Baltikum nicht mehr aus“

Dass dieses Szenario eintritt, scheint unstrittig, wie auch eine Analyse des US-Thinktanks „Belfer Center for Science and International Affairs“ deutlich macht: Russland werde „seine andauernde Grauzonenkampagne gegen NATO-Mitgliedstaaten“ voraussichtlich innerhalb der nächsten drei Jahre eskalieren und in einen begrenzten militärischen Einmarsch in die nordöstliche Flanke der NATO münden lassen, vermuten Eric Rosenbach und seine Co-Autoren. Estland und Litauen teilen sich mit Russland eine etwas mehr als 300 Kilometer lange Grenze, Litauen trennen von Russland beziehungsweise zur Exklave Kaliningrad rund 250 Grenz-Kilometer. Estland, Lettland und Litauen gehörten rund 45 Jahre zur Sowjetunion – ein Gebiet, das Wladimir Putin wieder unter russische Kuratel stellen möchte.

„Die europäische Sicherheit hängt maßgeblich von der Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung und dem politischen Willen ab.“

Anfang 1990 erklärten sich die baltischen Staaten für unabhängig. Aber seit einigen Jahren nehmen die Spannungen mit Russland unaufhörlich zu. Die drei Länder haben Angst vor Moskaus Militär und dessen Einflussnahme – umso mehr seit dem Ukraine-Krieg. Seit 2004 gehört das Baltikum zum westlichen Verteidigungsbündnis NATO. Inzwischen ist die NATO mit gepanzerten Kräften im Baltikum präsent; als so genannter „Stolperdraht“. „Stolperdraht reicht im Baltikum nicht mehr aus“, hat die Bayerische Staatszeitung im September 2024 getitelt. Anlass war ein Informationsgespräch des Europaausschusses im bayerischen Landtag über den Fortschritt der Bundeswehr-Brigade „Litauen“.

„Die Kasernen sind nigelnagelneu, es gibt Wohnungen, Schulen und Kindergärten“, berichtete Brigadegeneral des Heeres André Abed als Bevollmächtigter der Brigade Litauen. Infrastruktur ist wichtig. Nur lässt sich Russland allein davon nicht beeindrucken, dass sich deutsche Soldaten samt Anhang muckelig eingerichtet haben. Ob für die Briten in Estland oder die Deutschen in Litauen – für die NATO-Kontingente in den baltischen Staaten gilt der gleiche Auftrag: Ziel ist die Abschreckung durch Strafe, die auf dem Fuße folgt, anders als bisher in der Ukraine gehandhabt – das verspreche eine wirksame Reaktion auf ein umfangreich feindselig auftretendes Russland, wie Anfang 2022 der US-Oberst Thomas H. Melton in seiner Dissertation am „US Army War College“ geschrieben hat.

Zögern der NATO lebensgefährlich: Putin genüge „eine sogenannte Feuerkontrolle“

Im Szenario, das die Bild beschreibt, wird die NATO aber zögern, Putin Einhalt zu gewähren. Während der eine Vorwand um die Enklave Kaliningrad dazu nutzt, Truppen in Marsch zu setzen, würde die NATO zwar ihre Truppen in Alarmbereitschaft versetzen, allerdings den Einsatz hinausschieben, so dass der russische Diktator die „Stolperdraht“-Truppen quasi handstreichartig schachmatt gesetzt haben könnte, so die Bild. Der Clou an der aktuellen Simulation: Russland benötigte für dieses Szenario „keinen einzigen Soldaten“, wie die Bild Franz-Stefan Gady zitiert. Putin genüge „eine sogenannte Feuerkontrolle“, wie er sagt: „Das heißt, dass die wichtigsten strategischen Stellungen mit Raketenwerfern, Artillerie und Drohnen unter Beschuss genommen werden und der Gegner von einer Intervention abgehalten wird“, erläutert Filipp Piatov.

Demnach verliefe ein Kriegsbeginn anders als die NATO bisher angenommen hatte: Ohne dass russische Truppen in Litauen, Lettland oder Estland einmarschierten. Die NATO Enhanced Forward Presence (Verstärkte Vorauspräsenz) des Verteidigungsbündnisses wäre also gezwungen, in ihren Kasernen zu bleiben und zur Untätigkeit verdammt. Russland hätte die westlichen Politiker damit faktisch gezwungen klein beizugeben. „Eine rasche russische Operation zur Einnahme eines symbolträchtigen Grenzgebiets könnte vollendete Tatsachen schaffen, bevor die NATO einen politischen Konsens erzielen kann“, schreiben denn auch Eric Rosenbach und seine Co-Autoren über die Möglichkeiten Putins, die den Planungen der NATO-Strategen möglicherweise zuwiderlaufen. Die Stärke, mit der die Verteidigungsallianz zu punkten gedacht habe, scheint keine Frage allein der physischen militärischen Präsenz zu sein.

Deutschland in der Verantwortung: Unter dem Aspekt, dass Russlands Lunte kürzer sein könnte als gedacht

Offenbar wiegt Entschlossenheit mehr. Die Analysten des „Belfer Center for Science and International Affairs“ setzen eher auf eine gesamtgesellschaftliche Änderung der Einstellung innerhalb der einzelnen Länder des NATO-Pakts: „Die europäische Sicherheit hängt maßgeblich von der Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung und dem politischen Willen ab“, wie sie schreiben. Vor allem unter dem Aspekt, dass Russlands Lunte kürzer sein könnte als gedacht, weil sich Putins Drang zur Russifizierung der baltischen Staaten über die realistische Einschätzung seiner Kräfte erheben könnte: „Man sollte nicht darauf zählen, dass Russland wartet, bis seine Streitkräfte vollständig wiederaufgebaut sind“, urteilen Aylin Matlé und András Rácz in einer Analyse für den Thinktank „Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP).

Die beiden Analysten gehen davon aus, dass Russland möglicherweise langfristig der NATO unterlegen sein sollte, aber wahrscheinlich willens ist, schneller Fakten zu schaffen – und den Westen allein dadurch ins Hintertreffen bringen könnte: Denn sobald ein Konflikt unmittelbar bevorsteht, könnte Russland seine in Kaliningrad stationierten Luftverteidigungs-, Artillerie- und Systeme der elektronischen Kampfführung im Rahmen seiner A2/AD-Strategie (Anti-Access/Area Denial) nutzen, um NATO-Truppen- und Materialverlegungen in die baltischen Staaten zu bedrohen“, wie sie schreiben. Eben damit hätte Russland die NATO-„Stolperdraht“-Truppen im Baltikum von der Verstärkung abgeschnitten und würde ihre militärische Potenz einfrieren. Für die Autoren zählen im Baltikum vor allem die deutsche sowie die US-amerikanische Haltung.

Im aktuell albtraumhaft skizzierten Szenario würden sich die US-Amerikaner unter Präsident Donald Trump in den ersten 48 Stunden stark zurückhalten, militärisch einzugreifen und das NATO-Territorium mit ihren Streitkräften zu verteidigen, schreibt die Bild. Und demnach sei also Deutschland gefordert, die Handlungsfähigkeit der Verteidigungsallianz an der NATO-Ostflanke zu verantworten, so Aylin Matlé und András Rácz. Das sei ein außen- wie innenpolitisch heikles Unterfangen für die deutsche Regierung, die vor allem am Geld und nahezu kompromisslosem Regierungshandeln hängt. Ihnen zufolge müsse unmissverständlich klar werden, „dass Deutschland alles Notwendige tun wird, um die nordöstliche Flanke der NATO zu verteidigen“.

Ebenso albtraumhaft wie das aktuelle Planspiel ist allerdings eine Konsequenz der beiden Analysten der DGAP: „Solange Kiew die russische Invasion bekämpft, wird es Moskau schwerfallen, die Ressourcen für einen Angriff an anderer Stelle aufzubringen.“ (Quellen: Belfer Center for Science and International Affairs, US Army War College, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Bild, Spiegel, Bayerische Staatszeitung) (hz)

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