Oberdingerin lebt im Sommer in den Bergen: Auf der Alm, da gibt’s keine Hektik

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Sommererinnerungen auf dem Bildschirm: Keine Ängste vor großen Tieren hat die Bäckerin Agnes Pointner aus Oberding, die als Almerin jedes Jahr wochenlang auf 1530 Metern Höhe lebt. © . Peter Gebel

Agnes Pointner aus Oberding verbringt ihre Sommer auf der Alm und genießt dort die Entschleunigung.

Oberding – Einmal einen Sommer auf einer Alm in den Bergen verbringen – das steht bei vielen stressgeplagten Menschen auf der Wunschliste. Diesen Traum hat sich Agnes Pointner aus Oberding bereits achtmal verwirklicht. Sommer für Sommer verbringt sie mehrere Wochen auf einer Alm im Spitzinggebiet.

Bei Agnes Pointner war es nicht der Drang zu den Bergen, der sie auf die Alm führte, sondern eine Fußballkollegin, der sie während eines Almsommers einen Besuch abstattete. Und dabei hat sie sozusagen Bergfeuer gefangen. Pointner, die bis dahin eher selten in den Alpen unterwegs gewesen war, entschied sich gleich im Jahr nach dem Besuch, die Freundin für einen ganzen Sommer zu begleiten, „sozusagen als Almerer-Lehrling“, wie sie lachend erzählt.

Berührungsängste mit den Tieren hatte die gelernte Bäckerin keine, da sie in einer Landwirtschaft aufgewachsen ist. Zu kümmern hatten sich Pointner und ihre Freundin um 35 bis 40 Färsen, also weibliche Jungrinder, die noch keinen Nachwuchs zur Welt gebracht haben. Dazu kamen knapp 20 Kälber und an die 60 Schafe. „Wir haben keine Kühe oben, die gemolken werden müssen“, erklärt die Hobby-Almerin, weshalb auch keine Verarbeitung der Milch erforderlich ist.

Gut erinnern kann sie sich an ihren ersten Arbeitstag auf der Alm: „Ich war voll motiviert und wollte sofort anpacken“, berichtet Pointner, die in einer Hörlkofener Bäckerei arbeitet. Da habe sie die erfahrene Freundin gleich eingebremst und ihr erklärt, dass hier oben alles ganz langsam gehen darf. „Das war eine gewaltige Umstellung für mich“, erinnert sich die 48-jährige Oberdingerin, die normalerweise volles Programm hat mit ihrer Arbeit, dazu ehrenamtliche Tätigkeiten im Gemeinderat, in dem sie seit vier Jahren für die Ortschaftsliste sitzt. Auch für den Pfarrgemeinderat, das Kinderturnen beim TuS Oberding und die Theatergruppe „De Deanga“ braucht es Zeit.

Mittlerweile sei die Entschleunigung auf der Alm für Pointner das Schönste an ihrem Aufenthalt. Dort kann sie zur Ruhe kommen nach dem hektischen Alltag daheim, wie sie begeistert berichtet.

Trotz aller Entschleunigung gibt es genug zu tun für die Almerin, die nach mehreren Jahren als Helferin nun seit einigen Sommern die Großtiefentalalm an der Rotwand allein betreut. „Ich habe zwar schon den gesamten Almsommer von Mitte Juni bis zum ersten Schnee im September erlebt, allerdings in Etappen“, meint Pointner, deren Chef in der Bäckerei nicht monatelang auf seine Bäckerin verzichten kann.

Ihr Tag auf der Alm beginnt mit dem Herauslassen der Kälber aus dem Stall auf die Weide. Sowohl die Färsen als auch die Schafe verbringen Tag und Nacht im Freien. Dann macht sich auch die Almerin auf den Weg, immer begleitet von ihrem Treibstock, denn täglich muss sie ihre Tiere zählen und begutachten. „Das ist dann körperlich schon ganz schön anstrengend, denn es geht laufend bergauf und bergab, wo die Tiere eben gerade am Grasen sind“, gibt Pointner lachend zu.

Kommt sie anfangs noch schnell ins Schnaufen, so baut sich die Kondition doch recht schnell auf, so ihre Erfahrung. Gerne büchsen die Tiere durch ein Loch im Zaun oder ein von Wanderern offen gelassenes Gatter zu den Nachbarn aus, dann muss die Almerin ihre Tiere zurückholen. „Das kann auch einen ganzen Tag dauern“, weiß Pointner.

Zu ihren Aufgaben gehört auch die Kontrolle der Zäune. Wenn da was kaputt ist, kommen Hammer und Nägel zum Einsatz, werden neue Pfosten eingeschlagen. Im Juli wird ein umzäunter Almgarten gemäht, dann erfolgt das „Heinga“ (Heuen) wie in früherer Zeit, indem mit dem Rechen das Heu zum Trocknen zusammengerecht, ausgebreitet und wieder gewendet wird. Dieses dient dann als Futter für die Kälber.

Am Abend werden die Kälber von der Weide in den Stall gelockt, „mit Rufen und auch mit Kraftfutter“. Auch an kalten, windigen Tagen bleiben die Kälber drinnen. „Das sind ja praktisch noch Kinder“, sagt die Almerin fürsorglich. Während der Zeit auf der Alm bekommen die Schafe ihre Lämmer, wobei sie aber keine menschliche Hilfe benötigen. „Die machen das ganz allein“, sagt Pointner, die sich dann morgens bei ihrer Zählrunde oft über frischgeborene kleine Lämmer freut.

Doch auch tierische Tragödien sind möglich, wie der Absturz einer Färse im steilen Gelände oder eine schwere Verletzung. Dann kann die Almerin per Handy Hilfe anfordern. Tote Tiere werden mit dem Hubschrauber ausgeflogen. Zur Versorgung mit Lebensmitteln kommt der Bauer einmal pro Woche auf die Alm, die auf einer Höhe von 1530 Metern liegt.

Die Hütte ist eher spartanisch eingerichtet. Es gibt keinen Strom, nur eine Solarzelle fürs Licht. Zum Kochen und Heizen dient ein Holzofen, auf dem die Bäckerin auch ihr eigenes Brot backt. Einen Kühlschrank gibt es nicht. Doch Pointner vermisst nichts. „Man lernt, einfach zu leben“.

Als großen Luxus empfindet sie die Dusche im Haus, mit einem holzbeheizten Boiler. Langweilig wird ihr auch ohne Fernseher und Radio nicht. Abends sitzt sie gern auf der Bank vor dem Haus und genießt die Ruhe, die nur vom Bimmeln der Kuhglocken unterbrochen wird. „Das war anfangs anstrengend, aber nach ein paar Tagen gewöhnt man sich dran“.

Hin und wieder kommt Besuch von einer Nachbaralm vorbei auf einen Ratsch, das sei ein sehr guter Zusammenhalt dort oben. Einmal im Monat gibt es einen Almerer-Treff, bei dem Erfahrungen ausgetauscht werden.

Doch die meiste Zeit genießt sie die entschleunigte Stimmung auf ihrer Alm, bevor sie nach ein paar Wochen wieder in den hektischen Alltag zurückkehrt.

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