Mit seinem Büroleiter entledigt sich Merz eines großen Kanzler-Problems

Jacob Schrot, der am Montag geschasste Kanzlerbüro-Leiter von Friedrich Merz, lässt sich ungern auf diese eine Anekdote reduzieren. Derzeit kramen sie aber viele Politiker und Medien wieder hervor: 2009 gewann Schrot als Teenager die ZDF-Show "Ich kann Kanzler", bei der politische Nachwuchstalente gesucht wurden. Der heute 35-Jährige hat danach tatsächlich eine steile Karriere hingelegt, an deren vorläufigem Ende man nun konstatieren muss: Kanzlerbüro-Leiter konnte Schrot offenbar nicht.

Die Personalie wirkt auf den ersten Blick wie eine Nebensächlichkeit. In Wirklichkeit ist sie aber viel größer: weil sie nicht nur etwas über Polit-Talent Schrot aussagt, sondern auch sehr viel über die Kanzlerschaft von Merz.

Merz' geschasster Büroleiter Schrot legte steile Karriere hin

Um das zu verstehen, muss man die Geschichte der beiden kennen: Als Merz sich 2018 entschied, für den CDU-Vorsitz zu kandidieren, war Schrot noch Berufsanfänger und arbeitete für einen Bundestagsabgeordneten. Zunächst verliefen die Karrieren weiter parallel, ohne direkte Berührungspunkte. Schrot arbeitete zwei Jahre unter Angela Merkel im Kanzleramt, dann für den damaligen Parteichef Armin Laschet. Merz versuchte währenddessen weiter sein Comeback.

Als das 2022 im dritten Anlauf gelang, fanden die beiden schließlich zusammen: Schrot wurde Büroleiter von Fraktionschef Merz. Fortan arbeiteten sie eng zusammen. Als Merz im vergangenen Jahr schließlich Kanzler wurde, nahm er Schrot mit ins Kanzleramt.

Hohe Belastung für Schrot – zu hoch?

Schon damals wurde der Schritt von manchen kritisch hinterfragt. Bräuchte der regierungsunerfahrene Merz nicht einen alten Haudegen statt eines jungen Polit-Aufsteigers an seiner Seite? Der Kanzler ließ sich davon nicht beirren und beauftragte seinen Büroleiter gleich noch mit einem zweiten wichtigen Job. Schrot sollte den neu eingerichteten Nationalen Sicherheitsrat koordinieren.

An dieser Stelle werden die ersten Gründe klar, warum die Sterne für Schrot nicht gut standen. Zum einen hatte er gleich zwei wichtige Aufgabe inne. Dabei bedeutet schon eine davon eine hohe Arbeitsbelastung. 

Béla Anda, Regierungssprecher von Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD), erklärte dazu in einem Linkedin-Post: "Ich habe mich von Anfang an gefragt, wie diese beiden Rollen miteinander zu vereinbaren sind. Merz und Schrot haben jetzt die Antwort gegeben: gar nicht." Schrot sei, so heißt es in Berlin, zum Flaschenhals im Kanzleramt geworden. Womöglich hat das manchen Prozess verschleppt.

Ex-Regierungssprecher Anda: Büroleiter ist "erste wie letzte Instanz" 

Zum anderen weckte die steile Karriere in der Partei und im Kanzleramt Missgunst. Das hat nicht zwangsläufig mit Schrots Auftreten zu tun, er wurde von vielen als korrekt im persönlichen Umgang beschrieben. Im politischen Umgang hingegen gibt es nicht wenig Kritik an Schrot, vor allem aus der Unionsfraktion.

Schrot habe den Kanzler zu sehr abgeschirmt, die Abgeordneten hätte nur noch wenig direkten Zugriff auf Merz gehabt. Seinen Chef bisweilen auch mal abzuschirmen, ist Aufgabe eines Büroleiters. Doch Schrot hat dabei womöglich übertrieben.

Ex-Regierungssprecher Anda erklärt, als Büroleiter sei man die "erste wie letzte Instanz, wenn es um die Frage geht, wer Zugang zum 'Chef' bekommt". Das Amt des Büroleiters verlange bedingungslose Uneitelkeit und "den Willen zu dienen – im Wissen um die exekutive und vor allem auch um die unausgesprochene Macht, die man hat. Mit der Fähigkeit, sie zu gebrauchen, aber nicht zu missbrauchen."

Ärger um Foto mit Trump

Hinzu kommt, dass er keine Zweifel an seiner Nähe zur Macht ließ. Als Beispiel wird immer wieder ein eindrückliches Foto angeführt. Bei Merz‘ erstem Treffen mit Donald Trump im vergangenen Juni hatte der US-Präsident seinen Vize JD Vance direkt neben sich sitzen – und der Kanzler seinen Büroleiter. Dass Schrot so nah dran an der Macht ist, führt im politischen Betrieb zwangsläufig zu Argwohn. 

Merz bei Trump
Das Bild von Merz-Büroleiter Jacob Schrot im Weißen Haus hat manchen in der Union missfallen. Michael Kappeler/dpa Pool/dpa

Man könnte sagen: Schrot hat das unterschätzt, das kann einem jungen Mann passieren. Und Merz hat sich mit der Personalie verkalkuliert, das darf einem Kanzler nicht passieren. Er hätte wissen müssen, was er Schrot zutrauen und zumuten kann.

Merkel Büroleiterin gilt als Vorbild

Gleichzeitig hat es mit dem Büroleiter zu tun, dass Merz sich häufiger verschätzt hat. Als Beispiel wird die Debatte um die "Stadtbild"-Aussagen des Kanzlers angeführt. Hätte da nicht ein enger Vertrauter – also in erster Linie Schrot – die Stimmung in der Bevölkerung erkennen und Merz von seinem Kurs früher abbringen müssen?

Als Vorbild dafür dient vor allem Beate Baumann. Sie war als Merkels Büroleiterin stets ein internes Korrektiv. Zusammen mit der politischen Planerin Eva Christiansen – diesen Job gibt es unter Merz erst gar nicht – konnte sie der Kanzlerin auch mal ehrlich die Meinung sagen.

Merz hat nun offenbar erkannt, dass mit der Personalie Schrot zu viele Nachteile für ihn verbunden sind. Im zweiten Jahr seiner Kanzlerschaft wird es wichtiger denn je, Stimmungen zu lesen und Mehrheiten zu beschaffen. Ein Büroleiter, der in Partei und Fraktion aber kritisch beäugt wird, kann das kaum leisten.

Neuer Büroleiter Birkenmaier ist alter Haudegen

Es ist sicher kein Zufall, dass sich Merz als Schrot-Nachfolger einen bestens vernetzten Mann ausgesucht hat: Philipp Birkenmaier. Der 50-Jährige bringt langjährige Erfahrung in Kanzleramt mit, war Geschäftsführer des Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion und verantwortete zusammen mit Generalsekretär Carsten Linnemann das neue CDU-Grundsatzprogramm. Zuletzt war Birkenmaier Bundesgeschäftsführer der CDU. Das könnte die Kommunikation zwischen Kanzleramt und Partei verbessern.

In Berlin gibt es das Gerücht, Merz wolle mit Birkenmaier einen Mann mit mehr Wirtschaftskompetenz als Büroleiter, um bei einem 2026 entscheidenden Thema voranzukommen. Womöglich mag das eine Rolle gespielt haben, Birkenmaier ist auf diesem Gebiet sicher bewanderter als Politikwissenschaftler und Außenpolitik-Experte Schrot. Das allein erklärt den Personalwechsel aber nicht.

Merz hat Mut zur Erneuerung

Merz hat jetzt darüberhinausgehend die Chance, die Kommunikation und Mehrheitsfindung der Regierung zu verbessern. Dass er dafür bereit ist, einen engen Vertrauten zu schassen, kann man positiv werten. 

Es ist nicht das erste Mal, dass er diesen Mut zur Erneuerung beweist: 2022 trennte er sich nach wenigen Wochen von der Leiterin seines Büros in der Parteizentrale, 2023 nach nur eineinhalb Jahren von seinem Generalsekretär Mario Czaja.