„Ich versuche, so würdevoll wie möglich mit meinen Verstorbenen umzugehen“: Münchner Präparatorin liest aus Biografie

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Am Seziertisch steht Judith Brauneis inzwischen eher selten. Heute liegt ihr besonders die Arbeit als Trauerbegleiterin am Herzen. © privat

Die Münchner Präparatorin Judith Brauneis liest am Dienstag, 30. September, im Bestattungsinstitut Rose in Peißenberg aus ihrer Biografie. Die Protagonisten sind hauptsächlich Verstorbene.

Auch wenn Judith Brauneis‘ Pseudonym „Frollein Tod“ ein wenig frivol klingen mag, so nimmt die 49-Jährige ihren Job in der Prosektur der TU München tatsächlich sehr ernst. Sie sieht sich als Behüterin der Toten, die in ihren Kühlkammern darauf warten, von hier aus ihren letzten Weg anzutreten. Einblicke in ihre Arbeit, die den meisten Lebenden, wenn nicht unheimlich, so doch häufig recht unbekannt ist, gibt die Präparatorin am Dienstag, 30. September, ab 18.30 Uhr. Dann liest sie aus ihrem Erstlingswerk mit dem hoffnungsvollen Titel „Im Himmel gibt‘s Lachs“.

Präparatorin aus Bayern liest aus Biografie

Veranstalter Holger Booch vom Bestattungsinstitut Rose erklärt: „Wir hier im Oberland haben für Menschen, die einen Sterbefall zu beklagen haben, ein wirklich privilegiertes Angebot, das weit über das vieler anderer Landkreise oder Bundesländer hinausgeht. Die Arbeit dieser Menschen, die sich bei Palliahome, beim Kriseninterventionsdienst, beim BRK Weilheim-Schongau oder im Hospiz in Polling ehrenamtlich engagieren, einmal in den Vordergrund zu stellen, das war die Motivation dafür, Frau Brauneis auf unsere Fachtagung einzuladen und die Lesung einem breiten Publikum zu öffnen.“ Der Eintritt sowie Getränke und Speisen sind kostenlos. Um Spenden wird aber gebeten. Denn der Erlös des Abends geht an den Hospizverein Pfaffenwinkel, der das Erwachsenenhospiz in Polling in Kürze um ein Kinderhospiz erweitern möchte.

Beruf wurde zur Berufung

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Leichname zu öffnen, Autopsien an ihnen durchzuführen, um die genaue Todesursache zu eruieren, sie danach wieder zu verschließen und zurechtzumachen. Ist das nicht eklig? Ist es in so einem Sektionssaal nicht furchtbar kalt und stinkt es da nicht? „Doch, alles richtig“, bestätigt Brauneis die Vorurteile, die ihr oft begegnen, „dennoch ist aus meinem Beruf eine Berufung geworden und ich versuche, so würdevoll wie möglich, mit meinen Verstorbenen umzugehen und sie zu beschützen. Auch, weil es sonst keiner macht.“ Damit spielt die Leitende Präparatorin am Institut für Pathologie der TUM darauf an, dass sich nur noch wenige Menschen für eine Ausbildung in Bochum oder Berlin entscheiden (nur hier werden diese Bildungsgänge überhaupt angeboten) und später die harte Arbeit in der Anatomie, der Pathologie oder der Rechtsmedizin auch durchhalten.

Eintritt ist kostenlos

Brauneis selbst wusste bereits mit zehn Jahren, dass sie einmal mit Verstorbenen arbeiten und den Fragen auf den Grund gehen würde, was nach dem Tod mit unserem Körper geschieht und wohin die Seele geht. Die vielen Friedhofsbesuche mit der Oma und Uroma im brandenburgischen Elsterwerda, ihrem Heimatort, hatten das Kind neugierig gemacht. Heute weiß sie: „Oft wird unterschätzt, wie körperlich fordernd die Arbeit mit Verstorbenen, das stundenlange Stehen ist, aber auch, wie sehr einen die ständige Konfrontation mit Tod und Trauer psychisch belastet.“ Sie selbst hat das Schreiben inzwischen als therapeutischen Akt für sich entdeckt und sitzt bereits an Buch zwei.

Übrigens ordneten die Ärzte ihres Krankenhauses, dem Klinikum Rechts der Isar, inzwischen deutlich seltener als zu Beginn ihrer 27-jährigen Berufstätigkeit klinische Sektionen an. Über die Gründe kann sie nur spekulieren. Gewiss ist: Auch die Toten-Fürsorge für 1200 Verstorbene im Jahr, das Herrichten für die Aufbahrungen, die Zusammenarbeit mit Bestattern und vor allem die Arbeit mit den Angehörigen sind tagesfüllend. „Mit Trauernden zu arbeiten, bedeutet mir heute die ganze Welt“, sagt Brauneis, die sich zur Trauerbegleiterin fortgebildet hat – auch, nachdem sie selbst eine schwere Trauerphase durchlitten hatte.

Toten-Fürsorge für 1200 Verstorbene pro Jahr

Und? Hat sie Antworten auf die existentiellen Fragen ihrer Kindheit erhalten? Was biologisch mit unseren Körpern nach Eintreten des Todes geschehe, das wisse sie nun ganz genau. Wohin aber die Seele gehe, da hege sie nur eine gewisse Hoffnung, sagt das „Frollein Tod“: „Denn ein verstorbener Mensch sieht völlig anders aus als zu Lebzeiten. Der Körper ist nicht mehr bewohnt. Das heißt, die Seele muss sich jetzt an einem anderen Ort aufhalten.“ Womöglich an einem ganz himmlischen, einem, an dem es täglich Lachs gibt.

Wer Brauneis lesen hören, sich mit ihr austauschen oder ein Buchexemplar erstehen möchte, meldet sich vorab unter info@bestattungsinstitut-rose.de an.

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