Wenn der Tod allgegenwärtig ist: Medizinische Präparatorin und Notfallseelsorgerin gibt Einblicke

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Einblicke in ihre Arbeit, aber auch in private Trauerfälle gab Judith Brauneis alias „Frollein Tod“ bei einer Lesung in der Vhs Moosburg. © rl

Als medizinische Präparatorin und Notfallseelsorgerin blickt Judith Brauneis dem Tod buchstäblich täglich ins Gesicht. Sie las in der Vhs Moosburg aus ihrem Buch.

Moosburg – Totengeister, eine ungewöhnliche Vorliebe für Friedhöfe und eine Kiste voller tiefgefrorener menschlicher Köpfe: Bei der Lesung der medizinischen Präparatorin und Notfallseelsorgerin Judith Brauneis in Moosburg ging es einerseits äußerst düster zu, andererseits sorgte sie durch ihren berührenden Blick auf die Verstorbenen und deren letzte Würde auch für viele berührende Momente. Brauneis, die auch unter ihrem Pseudonym „Frollein Tod“ bekannt ist, nahm rund 100 Gäste mit auf eine Erzählreise, die einem morbiden Ludwig Hirsch, bekannt durch seine Friedhofslieder und Walzer rund um das Sterben, ebenfalls durchaus gefallen hätte.

Der Tod der Uroma beschäftigt Brauneis noch heute

Die Uroma ist eigentlich daran schuld, dass sich Judith Brauneis für den Tod schon ein Leben lang interessiert, ihn verstehen und begreifen will. Aufgewachsen mit Erzählungen über Totengeister und Träumen, die das Sterben ankündigen, setzte sich Brauneis schon früh mit dem Tod und den dazugehörigen Ritualen auseinander. Zwischen Friedhofsbesuchen und Geschichten von geheimnisvollen Leichenfrauen hat Brauneis ihre Bestimmung gefunden, von der sie kürzlich in der Aula der Vhs Moosburg erzählte.

Einige der alten Überlieferungen würden immer noch in ihr nachhallen, etwa dass sich die Totenstarre auflöse, sobald dreimal der Name des Verstorbenen genannt werde. „Ich vergesse das immer, aber morgen möchte ich es ausprobieren“, so Brauneis schmunzelnd. Aber auch was ganz anderes klingt in ihr nach bis heute: Als die Uroma starb, damals war Brauneis noch ein kleines Mädchen, fürchtete sie sich davor, weshalb das Abschiednehmen holprig war. „Damit hab‘ ich ihr Herz zerbrochen, das beschäftigt mich seit 40 Jahren“, erzählte sie.

Es haben also viele Faktoren dazu beigetragen, dass sie medizinische Präparatorin werden wollte – und es schließlich auch wurde und seit 1998 den Sezierbereich in der Pathologie des Münchner Klinikums Rechts der Isar leitet. In ihrem Büro steht ein Schrank mit zahlreichen Schädeln, die nach einer Wohnungsauflösung zu ihr gekommen sind. „Das ist gut, dann bin ich nicht so allein“, erzählt Brauneis und kommt dann gleich einmal auf die Geschichte mit den eingefrorenen Köpfen.

Gut gelaunt trotz tristem Thema: Die anwesenden Gäste, darunter viele vom Hospizverein Freising, quittierten Brauneis‘ Ausführungen mit viel Applaus.
Gut gelaunt trotz tristem Thema: Die anwesenden Gäste, darunter viele vom Hospizverein Freising, quittierten Brauneis‘ Ausführungen mit viel Applaus. © rl

Weil nämlich Ärzte an den unterschiedlichsten Körperteilen von Verstorbenen, die ihren Körper für die Wissenschaft gespendet haben, Operationen üben, komme es manchmal zu etwas bizarren Momenten. Wie etwa jenem, als eine Kiste mit 20 eingefrorenen Köpfen angeliefert wurde, die sie dann auftauen musste. Den Verstorbenen will sie dabei immer mit Würde begegnen. Auch die Trauerbegleitung war früh Teil des Berufsalltags, weil Angehörige häufig zu ihr geschickt werden, um den Hinterbliebenen noch einmal sehen zu dürfen. Nach 25 Jahren merkte sie allerdings, dass sie immer unglücklicher wurde – und das, obwohl sie diesen Job ja ein Leben lang machen wollte.

Ein weiterer Schicksalsschlag schälte dann aber eine weitere Berufung heraus. Als nämlich ihre Großmutter starb, half ihr all das Wissen plötzlich nichts mehr. „Sie ist gestorben und ich war nicht da“, erzählte die Autorin. Danach sei sie in eine sogenannte erschwerte und komplizierte Trauer gerutscht, bei der es eigentlich nur noch ums eigene Überleben geht. „Das hat sehr viel mit mir gemacht und meinen Weg bestimmt“, erinnerte sich Brauneis, für die dann klar war, dass sie Trauernden vermehrt helfen will, um diese vor solchen Abgründen zu schützen. Die Ausbildung zur Notfallseelsorgerin war also die logische Konsequenz. Sie will auf das Mitgefühl setzen, empathisch sein und ja nicht abstumpfen.

Die eigene Trauer hilft ihr bei der täglichen Arbeit

„Ich blicke jeden Tag dem Tod ins Gesicht, da könnte man schon ängstlich werden“, musste „Frollein Tod“ zugeben. Dennoch bereut sie ihren Weg nicht und ist froh darüber, dass sie eine Rest-Traurigkeit wegen der eigenen verstorbenen Angehörigen in sich trägt. „Damit kann ich mich gut mit den Trauernden verbinden, die zu mir kommen“, so ihre Einschätzung.

Was sie sich von den Anwesenden, viele davon vom Hospizverein Freising, zugunsten dessen die Lesung übrigens stattfand, dringend wünschte: „Bleiben Sie bei den Sterbenden, gehen Sie nicht weg!“ Neben Interessierten und Menschen, die sich mit viel Herzblut in diesem Bereich engagieren, war auch Fachpersonal anwesend – darunter die Bestatterin Isabelle Forster und Mesner Korbinian Schwind aus Freising, der immer wieder Särge bemalt und sich für Sternenkinder starkmacht. Beide kennen das „Frollein Tod“ aus ihrem beruflichen Alltag.

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