Nach monatelangen Gefechten drängt Putin offenbar auf den entscheidenden Durchbruch an der Pokrowsk-Front. Laut Analysten laufen die „letzten Schlachten“ bereits.
Kiew/Moskau – Der Plan von Russlands Präsident Wladimir Putin im Februar 2022 war klar: Innerhalb von wenigen Tagen sollten russische Streitkräfte die ukrainische Hauptstadt Kiew einnehmen und Präsident Wolodymyr Selenskyj absetzen. Doch es sollte anders kommen. Auch fast vier Jahre nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs liegt eine militärische Lösung des Konflikts in weiter Ferne. Wie groß die Probleme von Russlands Armee auf dem Schlachtfeld sind, zeigt sich unter anderem an dem monatelangen Kampf um die Stadt Pokrowsk. Doch genau dort dringt Putin jetzt auf einen Durchbruch. Laut Analysten haben die „letzten Schlachten“ begonnen.
Die russischen Streitkräfte haben ihre Offensive um den strategisch wichtigen Eisenbahnknotenpunkt in der Ostukraine verstärkt und konzentrieren dabei ihre Truppen für einen finalen Vorstoß auf die Stadt. Nach Angaben der ukrainischen Militäranalystengruppe „DeepState“ ziehen die russischen Einheiten Infanterie in den nördlichen Teil von Pokrowsk . Gleichzeitig versuchen sie, weiter nach Norden in Richtung Rodynske vorzurücken. Den ukrainischen Verteidigern droht eine endgültige Einkesselung und damit wohl das Ende der seit Monaten andauernden Gefechte um die Pokrowsk.
Nach monatelangen Kämpfen im Ukraine-Krieg – „Letzte Schlachten“ um Pokrowsk laufen
Das ukrainische Militär bestätigte am Montag (9. Februar), dass die eigenen Kräfte noch immer den nördlichen Teil von Pokrowsk kontrollieren, einer Stadt mit einer Vorkriegsbevölkerung von 60.000 Einwohnern. Gleichzeitig verteidigen ukrainische Truppen die nahe gelegene kleinere Stadt Myrnohrad, wo Russlands Armee in den letzten Wochen ebenfalls vorrückte. Pokrowsk ist seit dem vergangenen Jahr Schauplatz erbitterter Kämpfe.
Ende des letzten Jahres erklärte der Kreml, Pokrowsk befinde sich vollständig in russischer Hand. Doch Kiew widersprach der Darstellung und bekräftigte, dass sich ukrainische Truppen nach wie vor in den Randbezirken der Stadt befänden. Der Fall der Stadt würde Russlands größten Schlachtfeldsieg seit der Eroberung der östlichen Stadt Awdijiwka Anfang 2024 markieren. Ein Erfolg, der auch für die russische Propaganda von großer Bedeutung sein dürfte.
Kampf um Pokrowsk verschärft sich – Russlands Soldaten verminen Gebiete
Die Situation in der Region verschärft sich in den letzten Tagen zusehends. „DeepState“ berichtet, dass russische Truppen, getarnt in Zivilkleidung, dabei gefilmt wurden, wie sie die Leichen ihrer Gefallenen bergen. „Der Zugang zur Stadt ist stark eingeschränkt. Der Feind führt aktiv Fernverminung durch. Gebiete, die erfolgreich geräumt werden, werden sofort wieder vermint“, heißt es in dem Bericht.
Besonders kritisch ist die Lage in Myrnohrad, wo russische Kräfte sich an Bauernhöfen im Norden konzentrieren. „Chaotische Kämpfe setzen sich im nördlichen Teil der Stadt fort, an denen die verbliebenen Einheiten der Verteidigungskräfte beteiligt sind, die noch in Myrnohrad stationiert sind. Es gibt keine Pläne für ihren Abzug, obwohl Pokrowsk bald in russische Hände fallen könnte“, so die Analyse weiter.
Kampf um Pokrowsk: Russlands Soldaten machen Jagd auf Drohnenpiloten
Das ukrainische 7. Schnellreaktionskorps, das die Verteidigung in der Region überwacht, erklärte laut Reuters, Russland dringe „im Gebiet Pokrowsk und Myrnohrad vor“, indem es „unzureichende“ ukrainische Luftverteidigung ausnutze, gelenkte Bomben einsetze und mit seiner zahlenmäßigen Überlegenheit Höhen und Flanken kontrolliere.
Gleichzeitig erhöhen die russischen Truppen den Druck auf die nördlich von Myrnohrad gelegene Stadt Rodynske. „Das größte Problem ist jedoch, dass der Feind mit kleinen Infanteriegruppen westlich von Rodynske Überfälle tief in unseren Verteidigungslinien durchführt und nach Drohnen-Operatoren sucht“, führen die Analysten von „DeepState“ aus. Russlands Sturmtruppen versuchen dabei wohl gezielt, die oft hinter der Frontlinie stationierten Drohnenpiloten auszuschalten und somit deren Aufklärungs- und Angriffsoperationen zu unterbinden.
Die strategische Bedeutung von Rodynske liegt allerdings auch darin, dass es die letzte Siedlung ist, die noch eine Möglichkeit zum Rückzug aus Myrnohrad bietet – „etwas, was der Feind vollständig versteht“, so die Militärexperten.
Ende des Ukraine-Kriegs: Eroberung von Donezk bleibt „eine Frage von Jahren“
Russland dürfte sich neben einem moralischen Erfolg durch die Einnahme von Pokrowsk auch neue strategische Möglichkeiten für weitere Eroberungen in der Oblast Donezk erhoffen. Die Region wurde von Präsident Putin völkerrechtswidrig per Dekret annektiert und spielt auch in Verhandlungen über ein mögliches Ende des Ukraine-Kriegs eine große Rolle. So sah ein russischer Vorschlag vor, dass Kiew die noch kontrollierten Gebiete in Donezk und Luhansk kampflos an Russland übergeben solle. Die Ukraine kontrolliert noch etwa 20 Prozent der Region und hat das zurückgewiesen.
Die Eroberung der verbleibenden Gebiete in der Oblast auf dem Schlachtfeld dürfte für Putins Streitkräfte jedoch eine große Herausforderung sein. Trotz der intensiven Kämpfe prognostiziert das 7. Schnellreaktionskorps, dass die Eroberung der gesamten Region Donezk für Russland „eine Frage von Jahren“ bleibe. „Die Kämpfe um die Agglomeration Slowjansk-Kramatorsk könnten bis zu drei Jahre dauern und massive Verluste für die eindringenden Kräfte zur Folge haben.“ (Quellen: Ukrainska Pravda, Reuters, dpa) (fdu)