Ein Koffer, der Barrieren abbaut: Landratsamt stellt Angebot vor, um Bewusstsein für Behinderungen zu schaffen

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Freuen sich über viele Nutzer des Bewusstseinskoffers: (v.li.) Björn Hoppe (Abteilungsleiter Soziale Angelegenheiten), Sozialamtsleiter Thomas Bigl (mit Lormhandschuh), Ralph Seifert, Behindertenbeauftragter des Landkreises, und Maria Kistler, am Landratsamts zuständig für Inklusionsplanung. © Arndt Pröhl

Im Landratsamt kann man sich der sogenannten Bewusstseinskoffer ausleihen. Das Angebot soll mehr Verständnis für Menschen mit Behinderung schaffen.

Bad Tölz-Wolfratshausen – „Ich kann verstehen, wie du dich fühlst.“ Diesen Satz hört Behindertenbeauftragter Ralph Seifert immer wieder. Aber welcher Mensch ohne Behinderung kann wirklich so einfach verstehen, was es heißt, in einer Welt mit viel zu vielen Barrieren im Rollstuhl zu sitzen, blind zu sein oder auch schwerhörig? Welcher junge Mensch kann nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn man im Alter manche Dinge einfach nicht mehr ganz so leicht schafft? Viele, glaubt Seifert, der selbst im Rollstuhl sitzt, wollten sich damit auch gar nicht befassen, bis sie eben selbst betroffen sind. „94 Prozent der Menschen mit Behinderung bei uns im Landkreis haben ihre Behinderung durch Krankheit erworben und sind nicht damit geboren“, sagt Maria Kistler, im Landratsamt zuständig für Inklusionsplanung. Dabei helfen, besser verstehen zu lernen, soll der Bewusstseinskoffer. Kistler hat die Idee im Nachbarlandkreis Weilheim-Schongau kennengelernt und sie mit ihren Kollegen und Seifert weiterentwickelt. Seit Juli kann der Koffer kostenlos über das Medienzentrum entliehen werden.

Die Welt wird unscharf: Vier Brillen, die verschiedene Seheinschränkungen simulieren

Im Koffer finden sich beispielsweise vier Brillen, die verschiedene Seheinschränkungen simulieren. Bei einem Restsehvermögen von zehn Prozent wird die Welt mehr als unscharf. Helle und dunkle Flecken lassen sich noch ausmachen – das war's. Also vorsichtig mit dem Blindenstock vortasten, auf der Suche nach der gelb-schwarzen Stoffbiene, die Kistler irgendwo vor dem kleinen Sitzungssaal im Landratsamt abgestellt hat. Eine fast unmöglich zu lösende Aufgabe.

Kaum etwas hören, wenig sehen - und dann passend Kleingeld aus einem Geldbeutel suchen: auch das ist eine Aufgabe aus dem Koffer.
Kaum etwas hören, wenig sehen – und dann passend Kleingeld aus einem Geldbeutel suchen: Auch das ist eine Aufgabe aus dem Koffer. © Landratsamt

Mit dem Lormhandschuh lernt der Nutzer die Kommunikationsmöglichkeit taubblinder Menschen kennen. Auf der Handfläche des Handschuhs sind an verschiedenen Stellen die Buchstaben aufgezeichnet und die Bewegungen, die für sie stehen. Ein kurzer Druck auf die Daumenspitze ist ein A, ein kurzer Abstrich am kleinen Finger ein H, ein leichtes Umfassen der vier Finger ein Sch.

Man kann Behinderung nicht üben oder spielen.

Erklärt werden die Materialien in einem Heft, das ebenfalls zum Bewusstseinskoffer gehört. Und es gibt Anleitungen, wie die Materialien eingesetzt werden können. Es sind „Nutzungsideen“, keine Übungen. „Man kann Behinderung nicht üben oder spielen“, erklärt Kistler. „Dazu gibt es Hinweise, ab welchem Alter sie geeignet sind und wie viel Zeit man dafür braucht.“ Der Koffer sei flexibel einsetzbar – „auch für bunt gemischte Altersgruppen, wenn sich beispielsweise ein Verein den Koffer ausleiht“.

Interessant ist auch die Alterssimulation. Gewichtsweste und -manschetten an Armen und Beinen machen Bewegungen anstrengender. Dazu gibt es Kopfhörer, die fast jedes Geräusch ausblenden und eine Brille, die einen kaum noch etwas sehen lässt. Auf sechs Karteikarten stehen Aufgaben wie „Kleingeld aus einem Geldbeutel nehmen“, „Kommunikation mit dem Verkäufer“ oder auch „Tragen einer Einkaufstasche in den zweiten Stock“. Das könne helfen zu verstehen, „wie sich Oma und Opa fühlen“, sagt Kistler.

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Dabei unterstützen kann auch die Demenzkiste. Sie ist nicht Teil des Koffers, aber ebenso entleihbar. 20 Aufgaben gilt es hier zu erfüllen. Ein Beispiel: Auf einer Karte stehen Namen und Geburtstage. Kurz bleibt Zeit, sie sich zu merken. Dann soll man auf eine Karte alle Namen und zugehörigen Daten schreiben, die man sich gemerkt hat. Allerdings darf man dabei nicht auf das Blatt Papier blicken, sondern nur in den Spiegel der Kiste. Dabei setzt einen der Anleiter zusätzlich unter Druck, fragt, warum das nicht schneller geht und man doch eigentlich wissen müsste, wie man eine Geburtstagskarte schreibt.

Zusatzangebot: Demenzkiste

Im Koffer findet sich auch noch einiges an Informationsmaterial, darunter ein „Kleiner Ratgeber für den Umgang mit blinden Menschen“ oder auch ein Ratgeber zum Thema „Leichte Sprache“, die Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung hilft, Texte zu verstehen. Wie es sich anfühlt, bei einem Text nichts zu verstehen – auch dazu gibt es eine Nutzungsidee im Koffer.

Entleihen können den Koffer alle (vor-)schulischen, aber auch außerschulische Gruppen – und zwar kostenlos. „Die Berufsschule hat das schon genutzt und auch der Seniorenbeirat“, sagt Kistler. Entliehen werden kann er im Medienzentrum, medienzentrum@lra-toelz.de, Telefon 0 80 41/50 55 02.

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