Stier attackiert 67-Jährigen: Enkel rettet ihm das Leben – „Jonas wusste, was er tun musste“
Beim Eintreiben wird ein Stier plötzlich wild – und geht auf den Landwirt los. Doch zum Glück handelt der Enkel des Mannes geistesgegenwärtig.
Peiting – 27. Oktober 2023, ein kühler und bewölkter Herbsttag: Jonas Mandl (22) aus Hohenpeißenberg besucht nach Unterrichtsende an der Weilheimer Landwirtschaftsschule seinen Opa Werner Hechenrieder (67) auf seinem Hof in Peiting. Wie so oft, denn der 22-Jährige verbringt viel Zeit mit seinem Opa – und möchte in seine Fußstapfen treten, da die Landwirtschaft seine große Leidenschaft ist. Gemeinsam wollen Hechenrieder und Mandl an jenem Oktobertag die Tiere von der Weide zurück zum Hof treiben. Eigentlich nichts besonderes, schon oft haben sie das gemacht.
Stier geht plötzlich auf Opa und Enkel los
Nachdem die beiden mit dem Traktor an der Weide angekommen sind, öffnen sie zunächst den Zaun – und Jonas Mandl betritt die Weide, um die Kühe und den Stier in Richtung Ausgang zu leiten. So recht möchten die Tiere das Feld aber nicht verlassen. „Achtung!“, ruft Hechenrieder seinem Enkel plötzlich zu – denn der Stier läuft schnurstracks auf den 22-Jährigen zu. Mandl rennt so schnell er kann zu einem Wasserfass, auf das er sich vor dem wütenden Tier retten kann. Daraufhin macht der Stier kehrt und stürmt nun in Richtung Hechenrieder. Der will noch weglaufen, schafft es aber nicht mehr. Ehe er sich versieht, steht das rund eine Tonne schwere Tier schon vor ihm und stößt den 67-Jährigen zu Boden.
Als Jonas sieht, was passiert, hüpft er vom Wasserfass runter und schließt zuerst wieder den Zaun. Dann schaut er, ob er etwas findet, um den Stier abzulenken und er dadurch von seinem Opa ablässt – und wird in zwei Pfosten fündig. Den einen wirft er aus der Entfernung auf den Stier und trifft ihn am Oberschenkel. Dann läuft er hin und zieht dem Stier mit dem anderen Pfosten eines über. Dadurch ist das wildgewordene Tier erst einmal abgelenkt – diese Zeit nutzt Mandl, um seinen Opa hinter den Elektrozaun zu bringen. Das gelingt. Und sowohl Enkel als auch Opa sind aus der Gefahrenzone.
Rettungshubschrauber kann nicht landen – Enkel fährt verletzten Opa auf Traktor 800 Meter weiter
Anschließend setzt Jonas Mandl einen Notruf ab, damit der schwer verletzte Opa schnellstmöglich medizinisch versorgt werden kann. Doch es gibt ein Problem: Denn auf der Wiese und drumherum kann der Rettungshubschrauber nicht landen – zum einen aufgrund des hügeligen Geländes, zum anderen, weil Telefonleitungen verlaufen. Also hievt Mandl seinen Opa auf den Traktor und transportiert ihn etwa 800 Meter weiter. Mit dem Helikopter wird Werner Hechenrieder schließlich in die Murnauer Unfallklinik gebracht.
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Nach Stierangriff: Fast alle Rippen gebrochen
Fast alle Rippen gebrochen, Lungenriss, angerissener Herzbeutel, gebrochener Kiefer, gebrochenes Jochbein, angebrochener Halswirbel und ein Riss im Ohrläppchen: Hechenrieders Verletzungsliste war lang. Dreieinhalb Wochen hat er in der Klinik auf Station verbracht, anschließend ging es auf die Reha. Doch mittlerweile geht es dem 67-Jährigen wieder vergleichsweise gut – wer ihn heute sieht und erlebt, würde nicht glauben, dass er vor einem dreiviertel Jahr einen so schweren Unfall hatte. „Man muss nur einen Willen haben“, erklärt Hechenrieder den Grund für seine schnelle Genesung.
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Rechnen konnte niemand mit dem Stierangriff, wie der 67-Jährige betont. „Sowas ist vorher noch nie passiert, es gab keine Anzeichen.“ Hechenrieder fügt hinzu, dass der Stier auch keinesfalls aus böser Absicht gegenüber ihm oder seinem Enkel gehandelt habe. „Weil die Kühe nicht rein wollten, wurde beim Stier der Beschützerinstinkt geweckt.“
Vorsichtiger im Umgang mit Tieren geworden
Im Umgang mit den Tieren hat sich seit dem Unfall sowohl bei Werner Hechenrieder als auch bei Jonas Mandl durchaus etwas verändert. „Angst haben wir nicht, aber wir sind seitdem vorsichtiger.“
Angst – die spielte übrigens auch bei Mandls Rettungseinsatz keine Rolle. Im Prinzip war dafür auch gar keine Zeit, denn in jenem Moment zählte jede Sekunde. „Überlegt hab ich eigentlich nicht viel, ich hab einfach aus Instinkt gehandelt“, erklärt der 22-Jährige. Eine beeindruckende Leistung. „Viele haben mir gesagt, sie hätten nicht gewusst, was sie machen sollten“, sagt Hechenrieder: „Der Jonas war immer ruhig und wusste, was er tun muss.“
Der Jonas war immer ruhig und wusste, was er tun muss.
Enkel Jonas Mandl wurde für seinen Einsatz mit einer Medaille ausgezeichnet
Für seinen mutigen Einsatz wurde Jonas Mandl kürzlich von Ministerpräsident Markus Söder mit der Christophorus-Medaille ausgezeichnet – diese Ehrung erhielten auch noch fünf andere Menschen aus dem Landkreis Weilheim-Schongau, die alle eines gemeinsam haben: Unter Einsatz ihres eigenen Lebens haben sie das Leben anderer Menschen gerettet.
Werner Hechenrieder ist heute einfach dankbar – dafür, dass sein Enkel ihm das Leben gerettet hat, dass es ihm mittlerweile wieder einigermaßen gut geht und dass er so viel Hilfe nach seinem Unfall erfahren hat: „Ein großes Dankeschön geht auch an meine Ärzte, die Außendienstmitarbeiter der Berufsgenossenschaft und das Veterinäramt.“
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