„Linkshänder sein ist keine Schwäche“: Beraterin klärt zum Schulstart auf

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Praktisch: Ein Lineal für Linkshänder macht das Messen und Zeichnen einfacher und übersichtlicher. © Soeren Stache

Mit dem Schulstart beginnt für viele Kinder ein neuer Abschnitt. Linkshänder stehen oft vor besonderen Herausforderungen. Eine Expertin gibt Tipps.

Mit dem Schuljahresstart beginnt heute für viele Kinder ein neuer Lebensabschnitt – für jedes zehnte mit einer besonderen Herausforderung: als Linkshänder. Früher wurden diese umerzogen und mussten mit rechts schreiben, oft mit gravierenden Folgen für Konzentration oder Selbstwertgefühl. Noch immer passen sich viele Kinder unbewusst der Mehrheit an. Wir haben mit der Ebersberger Linkshänderberaterin Andrea Arnoldussen (64) gesprochen. Sie erklärt, wie sich die Händigkeit zeigt – und wie Eltern und Lehrkräfte Kinder bestmöglich unterstützen können.

Frau Arnoldussen, Sie sind Linkshänderin. Was machen Sie mit rechts?

Ganz wenig. Mit Messer und Gabel esse ich wie ein Rechtshänder, das habe ich mir so angewöhnt. Und bei manchen Dingen muss ich mich anpassen, auch wenn es sich immer fremd anfühlt. Wir haben zum Beispiel eine Videokamera, die lässt sich vernünftig nur mit der rechten Hand bedienen.

Andrea Arnoldussen Musiklehrerin und Linkshänderberaterin
Andrea Arnoldussen ist Linkshänderberaterin. © Uta Künkler

Sie sind promovierte Musikwissenschaftlerin und Instrumentallehrerin. Wie kamen Sie zur Linkshänderberatung?

Ich wurde früher zum Schreiben auf die rechte Hand umgeschult, bin aber Linkshänderin. Das hatte ich zwar immer irgendwie im Gefühl. Aber so richtig herausgekommen ist es erst, als unsere Tochter im Vorschulalter war und eindeutig zeigte, dass sie Linkshänderin ist. Dann habe ich mich mit dem Thema beschäftigt und festgestellt, wie tief diese Prägung ins Leben greifen kann. Vor fünf Jahren habe ich beide Berufe zusammengeführt und ein Buch über Linkshändigkeit und Musik geschrieben. (Schott-Verlag: „Händigkeit und Instrument – Wie machen Linkshänder Musik“, d. Red.).

Was macht eigentlich eine Linkshänderberaterin?

Ich teste Kinder und manchmal auch Erwachsene auf ihre Händigkeit. Und ich berate Eltern, zum Beispiel, wie sie ihre Kinder mit geeignetem Material unterstützen können. Mit den Kindern übe ich im Idealfall vor der Einschulung eine ergonomisch günstige Schreibhaltung ein – damit sie nicht von oben her verkrampft in einer Hakenhaltung schreiben lernen, um die Tinte nicht zu verwischen. Mit der richtigen Technik können auch Linkshänder entspannt schreiben.

In welchem Alter zeigt sich die Händigkeit?

Bei sehr vielen Kindern schon vor dem zweiten Geburtstag, etwa beim Essen oder wenn sie feinmotorisch arbeiten, etwa einen Schlüssel in ein Schloss stecken oder Perlen auffädeln. Später dann beim Malen und Basteln. Am aussagekräftigsten ist aber immer der intuitive Handgebrauch. Wenn ein Kind mit vier Jahren noch häufig die Hand wechselt, sollte man genauer hinschauen und das abklären lassen.

Wie können Eltern und Lehrkräfte linkshändige Kinder unterstützen?

Eltern sollten unbedingt das Gespräch mit der Lehrkraft suchen und darüber informieren, was ihr Kind braucht, etwa einen Sitzplatz links vom Nachbarn, eine spezielle Schreibunterlage oder andere Arbeitsmaterialien. Und das natürlich auch zuhause bieten. Die Lehrkraft kann zum Beispiel ihre Arbeitsblätter so gestalten, dass Linkshänder nicht automatisch mit der Schreibhand die Aufgabe abdecken und dadurch deutliche Nachteile haben. Leider ist das Erkennen der Händigkeit noch immer weder Teil der Lehrer- noch in der Erzieherausbildung. Da müsste sich deutlich mehr tun.

Bis in die 1980er Jahre wurden Linkshänder umgeschult – mit welchen Folgen?

Durch ständige Fehlbelastungen können massive Störungen im Gehirn auftreten. Das beginnt bei Gedächtnisstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten, führt über Lese-Rechtschreibschwäche und feinmotorische Störungen und zieht sich bis hin zu Minderwertigkeitskomplexen und Verhaltensproblemen. Im Prinzip ist das Gehirn von umgeschulten Linkshändern schon alleine dadurch stark gefordert, dass permanent die andere Gehirnhälfte übernehmen muss, es also einen ständigen Austausch zwischen den einzelnen Arealen geben muss. Da bleibt entsprechend weniger Kapazität, etwa für die Merkfähigkeit, frei. Außerdem kommt es logischerweise viel schneller zu Ermüdungserscheinungen.

Bleibt eine Linkshändigkeit heute noch oft unerkannt?

Leider ja. Oft wird ein Kind mit Auffälligkeiten zum Beispiel auf ADHS oder Legasthenie getestet, obwohl die Ursache in einer unentdeckten Linkshändigkeit zu finden wäre. Viele Kinder passen sich von vornherein stark an und imitieren zum Beispiel ihre rechtshändigen Eltern. So kommen diese gar nicht auf die Idee, ihr Kind könnte Linkshänder sein und seine Schulprobleme daher rühren, dass es mit rechts schreibt. Auch später folgen manchmal Probleme, die oft nicht richtig eingeordnet werden. Etwa im Beruf, wenn bestimmte Maschinen oder Arbeitsabläufe ganz klar auf Rechtshänder eingestellt sind und Linkshänder folglich permanent unter einer starken Belastung stehen.

Empfinden Sie die „Rechtshänder-Norm“ als eine subtile Form der Diskriminierung?

Vielleicht nicht direkt als aktive Diskriminierung, auch wenn sie gerade sprachlich in vielen Begriffen immer noch stark mitschwingt, etwa in den Worten „linker Typ“, „linkisch“ oder „auf dem rechten Pfad“. Aber mindestens wird Linkshändigkeit noch nicht als normal angesehen, denn die Norm ist ja rechtshändig. Auch wenn sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan hat: Wir sind noch weit davon entfernt, dass beide Händigkeiten einfach gleichberechtigt nebeneinander bestehen.

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