Zweimal täglich steigt der Ebersberger Stadtpfarrer Josef Riedl die 129 Stufen seines Kirchturms hinauf, um die weithin sichtbare Kirchenuhr in Gang zu halten. Seit einem Defekt zieht er die schweren Gewichte der jahrhundertealten Uhr händisch auf.
Ebersberg – Morgens und abends steigt der Ebersberger Stadtpfarrer Josef Riedl 129 Treppen hinauf, denn er kümmert sich um eine Kranke, … nein, nicht um eine „kranke Seele seiner Pfarrgemeinde“, sondern um das „kranke Herz der Stadt“: die Kirchturmuhr. Als Riedl 2002 nach Ebersberg kam, entdeckte er seine Leidenschaft für das imposante Uhrwerk. Der damalige Kreisheimatpfleger Markus Krammer ließ Riedl an der Pflege teilhaben. So erlernte der Seelsorger nach und nach den Mechanismus kennen.
Pfarrer sorgt für Ruhe am Stammtisch
Um die Uhr und zwei Schlagwerke im Betrieb zu halten, ziehen drei 70 Kilogramm schwere Gewichte an Zahnrädern, die Jahrhunderte lang zweimal pro Tag per Hand aufgezogen werden mussten. In den 1960er Jahre baute man drei Motoren ein, die diese Aufgabe ab sofort automatisiert erledigten. Nach 60 Jahren gaben nun die beiden Motorenaufzüge des Viertel- und Stundenschlagwerks ihren Geist auf. Die hochgezogenen Gewichte wurden nicht abgebremst, das Hanfseil riss, und die beiden knapp 70 Kilogramm schweren Gewichte rauschten nach unten auf das Gewölbe über dem Chorprobenraum. Glücklicherweise sei nicht mehr passiert, erzählt Pfarrer Riedl. Er konnte mit Hilfe seines Meßners die herabgestürzten Gewichte bergen, hochtragen, erneut aufhängen.
Was frühere Messner jahrelang machen mussten, erledigt nun auch Pfarrer Riedl. Er zieht die schweren Gewichte per Kurbel auf – bis die neuen Motoren geliefert werden. An dieser Stelle kann man die Frage stellen, wer in Zeiten von digitaler Zeitrechnung und funkgesteuerten Quarz-Uhrwerken denn überhaupt noch eine Kirchturmuhr braucht. Und man erfährt: Falle einmal die Ebersberger Kirchturmuhr aus, sei das bereits am nächsten Tag das Thema am Stammtisch. Dank des Einsatzes von Pfarrer Riedl aber schlägt die Uhr nun wieder regelmäßig zu jeder Viertelstunde, und am Stammtisch kann wieder Ruhe einkehren.
Mächtiges Uhrwerk von 1784
Riedl geht durch die Sakristei der barocken Stadtpfarrkirche, steigt eine betonierte Wendeltreppe hinauf. Dann wird es abenteuerlich. Er überschreitet im Dachgeschoss das Gewölbe des Hauptschiffs der Kirche und die mächtigen Holzbalken des Dachstuhls, die nach einem Großbrand Ende des 18. Jahrhunderts vom Malteserorden hier eingezogen wurden. An einem kleinen Durchgang heißt es „Kopf einziehen“, bevor es über eine waghalsige Holztreppe in die Höhe geht. Hier sieht man die drei Gewichte, die sich im Lauf von 12 Stunden mehr als zehn Meter in einem Schacht nach unten ziehen und das ausgefeilte Uhrwerk am Laufen halten: Behälter aus Eichenholz, durch handgeschmiedete Eisenbänder gefasst und mit Steinen gefüllt.
Eine Etage darüber gibt eine Aussparung am Bretterverschlag den Blick auf das gemächlich schwingende Pendel frei. Dann betritt man über eine Trittleiter einen hüttenartigen Bau und steht vor dem mächtigen Uhrwerk, das 1784 hier eingebaut worden ist. Ein Stockwerk darüber könnte man die Rückseite der vier Ziffernblätter begutachten. Das Interesse heute aber gilt dem mechanischen Uhrwerk, das mit den Zeigern lediglich durch unscheinbare Seile und ein Gestänge verbunden ist.
„Wie Pendeluhr im Wohnzimmer“: Pfarrer zieht jeden Tag die Kirchturmuhr auf
„Im Prinzip ist das hier nichts anderes wie eine Pendeluhr, die man im Wohnzimmer hängen hat“, erklärt Pfarrer Riedl. Der Vergleich ist eine Verniedlichung dessen, was man hier sieht: In einem Geviert von etwa zwei Kubikmetern greifen viele unterschiedliche Zahnräder ineinander, die durch Ankerhemmungen abgebremst werden, dazu komplexe Winkelzüge, Getriebe, Gestänge, Bolzen und Spinde. Das Eigenleben der Uhr wird durch ein gleichmäßiges Räderdrehen und Klacken angezeigt. Auf den planen Flächen der Metallhalterungen liest man handgeschriebene Notizen, wann und mit wessen Hilfe in der Vergangenheit Reparaturmaßnahmen durchgeführt worden sind. Über dem Koloss thronen geschmiedete barocke Verzierungen.
Josef Riedl greift nach einer ellbogengroßen Kurbel, setzt sie am Zahnrad des Viertelstundenschlags an und beginnt zu drehen. Es setzt das ohrenbetäubende, metallische Schnattern des Windflügelreglers ein. „Der muss den Schwung abbremsen“, Riedls Erklärung ist bei diesem Lärm kaum zu verstehen. Das Seil wickelt sich sauber um eine konische Walze, langsam kommt das Gewicht hoch. Und nun taucht auch die Stelle auf, wo der Pfarrer eines der beiden gerissenen Seile „mit Seilklemmen gestückelt hat“. Das Ganze wird dreimal wiederholt, denn auch dem Motor für das Uhrwerk-Gewicht könnte ein baldiges Ende beschert sein. Beim Gewichtaufziehen für das Uhrwerk kommt es sehr gelegen, dass die Ebersberger Kirchturmuhr täglich um drei Minuten vorgeht, denn bis das Seil hochgekurbelt ist, wird ihre Zeit angehalten. Übrigens, auch bei der Geschwindigkeitsregulierung kann sich Pfarrer Riedl helfen. „Das Metall der fünf Meter langen Pendelstange dehnt sich bei Wärme aus, dann geht das Pendel langsamer, die Uhr geht nach.“ Bei Wärme dreht Riedl also mit einer Flügelschraube das 50 Kilogramm schwere Pendel ein bisserl rauf, bei Kälte wieder runter.
Wir nähern uns der Viertelstunde. Riedl kündigt an: „Gleich gibt’s den Viertelschlag.“ Im metallenen Gefüge bewegt sich plötzlich wie von Zauberhand ein Bolzen. Er hebt eine Stange, die kurz drauf wieder mit einem Klacken runterfällt und den Schlag freigibt. Ein Rad dreht sich, bewegt einen Hebel, der wiederum an einem Seil zieht, an dessen Ende zwei Stockwerke höher der Hammer auf die Glocke schlagen wird. Das Gewicht ruckelt ein Stück nach unten.
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Seelsorger hört im April auf
Am 30. April 2026 endet der Dienst des Seelsorgers in Ebersberg. Eine seiner letzten Aktionen wird sein, zu Beginn der Sommerzeit die Kirchturmuhr um eine Stunde vorzustellen. Was wird dann? Josef Riedl zieht nach Königsdorf, „dort gibt es nur eine elektronisch gesteuerte Kirchenuhr, die auf die Sekunde genau schlägt.“ Für die Zukunft der Ebersberger Kirchenuhr aber sei gesorgt, sagt er. „Hermann Löckert wird nach der Uhr schauen. Und Lukas Riddermann, Enkel von Kreisheimatpfleger Markus Krammer, ist schon jahrelang in die Geheimnisse der Uhr eingeweiht. Er kommt regelmäßig zum Kontrollieren.“ Die Ebersberger Uhr werde ihm fehlen, sagt Pfarrer Josef Riedl.