Unsere Karte zeigt, wo der Kreml die Luftraumgrenzen seit 2024 ausreizt – aber auch, wo genau Drohnen und wo Kampfjets zum Einsatz kamen.
Berlin – Immer öfter und in dreisterer Form verletzten russische Flugobjekte – Drohnen, Kampfjets und Aufklärungsflieger – den NATO-Luftraum. So scheint es zumindest. Das wiederholte Überschreiten der Grenze, zuletzt in Polen und Estland,
sei kein Versehen Russlands, so Experten. Der Kreml teste die NATO-Fähigkeiten an der Ostflanke des Bündnisses aus. Dabei kamen Russlands Provokationen auch Deutschland schon recht nahe. Auf einer Karte (siehe unten) hat unsere Redaktion zehn vielbeachtete Vorfälle aus den vergangenen zwei Jahren eingezeichnet.
Schon die kleine Auswahl zeigt, wie weitflächig der Kreml agiert – und wie er Drohnen und bemannte Flugobjekte aufteilt. Dank der größeren Aufmerksamkeit sind in den betrachteten Fällen auch Drohnen-Art, Kampfjet-Modell, Dauer des Aufenthalts und Ablauf der Grenzüberschreitung bekannt.
Im Juni 2024 etwa drang ein russischer Kampfjet in den schwedischen Luftraum ein. Nur wenige Monate zuvor war Schweden NATO-Mitgliedsstaat geworden. Auch Finnland trat nach dem Ukraine-Krieg der NATO bei. Seitdem zählt die Ostsee einigen Beobachtern als „NATO-See“.
Und genau über der Ostsee scheint Russland den Einsatz seiner bemannten Luftflotte zu konzentrieren: Im März 2025 etwa wurde östlich von Rügen ein russischer Aufklärungsflieger gemeldet, eine „Iljuschin Il-20M“. Das Flugzeug verfügt über Sensoren, Kamerasysteme und Antennen. Nicht der erste und nicht der letzte Fall dieser Art. Genaue Zahlen sind nicht publik. Bekannt ist aber: Die russischen Maschinen waren immer ohne Flugplan und Transpondersignal unterwegs.
Russische Kampfjets und Aufklärungsflugzeuge vor allem bei Ostsee-Einsätzen
Jüngstes Beispiel der Provokation von russischer Seite: Rund zwölf Minuten flogen drei russische MiG-31 im estnischen Luftraum. Eine lange Zeit, bedenkt man, wie schnell die Flieger sind. Die Kampfjets können bei idealer Höhe eine Geschwindigkeit von 3000 km/h erreichen. Etwaige Zusatzbetankungen außenvorgelassen, bräuchte eine MiG-31 von Moskau bis nach Berlin (Luftlinie etwa 1600 Kilometer) theoretisch etwas mehr als eine halbe Stunde.
Drohnen im Festland-Einsatz: Russland testet Grenzen aus
Auf beziehungsweise über dem Festland, scheint Russland Provokationen mittels Drohnen vorzuziehen. Solche Flugobjekte sind in Rumänien, Polen, Litauen, Lettland eingedrungen. Oft sind die Drohnen unbewaffnet, in Litauen entdeckte man 2024 aber auch eine mit Sprengstoff beladene Drohne war. Meist ging es um einzelne Flugobjekte. In Polen registrierte die Flugabwehr in der zweiten Septemberwoche aber 19 Drohnen. Nur einen Teil konnten niederländische Kampfjets abschießen. Die NATO muss vermutlich ihre Strategie anpassen, da traditionelle Abfangsysteme gegen kleine, tieffliegende Drohnenschwärme weniger effektiv sind. Zudem ist die Abwehr mit ihnen teurer, als die Attacke für den Angreifer.
Derartige Luftraumverletzungen können ein politisches Instrument sein. Russland zielt mutmaßlich darauf ab, die Entschlossenheit der NATO-Mitgliedstaaten zu testen beziehungsweise das Länderbündnis zu provozieren. Der estnische Außenminister Margus Tsahkna spricht von „beispielloser Dreistigkeit“ Russlands.
Steckt Russland hinter Drohnensichtung in Dänemark?
Die jüngste Provokation könnte aber Gegenmaßnahmen provozieren. Das sagt auch Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann zuletzt in einem Gespräch mit dem Münchner Merkur von Ippen.Media: „Denn dadurch wurde der NATO blitzschnell vor Augen geführt, dieses Defizit sofort auszuräumen.“ Strack-Zimmermann, die dem Sicherheits- und Verteidigungsausschuss im EU-Parlament vorsitzt, hatte im September einer NATO-Militärs-Übung auf Grönland begleitet.
Noch ungeklärt: Am Montagabend (22. September) wurden in Dänemark, am Flughafen der Hauptstadt Kopenhagen, Drohnen gesichtet. Das Militär war im Einsatz. Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen sprach vom „bislang schwersten Anschlag auf die dänische kritische Infrastruktur“. Die Vermutung, dass Russland hinter dem Drohnenflug steckt, sprach unter anderem der ukrainischen Präsident Wolodymyr Selenskyj aus. Die EU-Kommission möchte das Ergebnis der Ermittlungen abwarten. (Quelle: Eigene Recherche/Agentur Ritzau/Münchner Merkur/X)