Im Krankenhaus Agatharied haben Pflegeauszubildende, Ärzte und Medizinstudenten erstmals gemeinsam eine Notfallsituation geübt. Mit einer lebensechten Puppe trainierten sie Kommunikation, klare Rollenverteilung und das richtige Handeln im Team – für mehr Sicherheit im Ernstfall.
Agatharied – Der Puls schlägt, die Brust hebt und senkt sich, eine Stimme reagiert auf Fragen. Was wie ein echter Patient wirkt, ist eine lebensechte Übungspuppe, die in den Schulungsräumen der Pflegeschule des Krankenhauses Agatharied zum Einsatz kommt. Acht Pflegeauszubildende, drei Ärztinnen sowie zwei Medizinstudenten stellen sich hier einem simulierten Herzinfarkt – beobachtet von Mitschülern im Nebenraum. Ziel der Übung ist es, im Team klare Entscheidungen zu treffen und in einer Stresssituation sicher zu kommunizieren.
Ein Pilotprojekt mit besonderem Hintergrund
Das Projekt ist ein Pilotversuch, getragen von der Berufsfachschule für Pflege und den Ärzten des Hauses. Es soll helfen, Fehlerquellen zu verringern und die Zusammenarbeit zu stärken. Den Anstoß hatte ein tragischer Vorfall in den USA gegeben: Die Frau eines Piloten starb bei einer Routineoperation, weil das Team den Ernst der Lage nicht rechtzeitig erkannt hatte. Der Ehemann, selbst erfahren in der Luftfahrt, war regelmäßige Teamtrainings gewohnt – und fragte sich, warum es im Gesundheitswesen keine vergleichbaren Übungen gibt.
Genau an diesem Punkt setzt das Konzept in Agatharied an. Bevor die Teilnehmer ans Krankenbett der Übungspuppe treten, werden sie theoretisch vorbereitet. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Crisis Resource Management (CRM), das beschreibt, wie medizinisches Wissen auch in unübersichtlichen Situationen im Team sicher umgesetzt werden kann. „Wir alle machen Fehler. Entscheidend ist, dass man daraus lernt“, sagt Milica Ristic, Pflegepädagogin an der Schule. Studien zufolge entstehen drei Viertel aller Zwischenfälle nicht durch mangelndes Fachwissen, sondern durch menschliche Faktoren wie Zeitdruck, Fixierungen oder unklare Kommunikation.
Strukturierte Kommunikation im Fokus
Ein Schwerpunkt des Trainings liegt deshalb auf der Kommunikation. Mit dem Modell ISBAR lernen die Auszubildenden, Beobachtungen strukturiert weiterzugeben: Rolle nennen, Situation beschreiben, Hintergrund und Einschätzung erläutern, schließlich eine Empfehlung aussprechen. „Es geht darum, nicht nur zu handeln, sondern das Handeln auch transparent zu machen“, betont Ristic. Ärzte und Pflegekräfte sollen dabei ihre Aufgaben klar voneinander abgrenzen. „Miteinander, nicht gegeneinander – im Team Leben retten“, fasst leitende Oberärztin Anne-Christine Otto den Anspruch zusammen.
Simulation unter Stressbedingungen
Nach der Theorie folgt die Praxis. Ein Herzinfarkt wird ausgelöst, die Puppe verliert an Stabilität, die Alarmwerte steigen. Sieben Personen treten gleichzeitig ans Bett. Die Anspannung ist deutlich spürbar, doch Schritt für Schritt sortieren die Beteiligten ihre Rollen. Sauerstoff wird angeschlossen, ein Zugang gelegt, Anweisungen werden gegeben und umgesetzt. Wer draußen zuschaut, sieht, wie das Team in Echtzeit agiert.
Lerneffekt durch Nachbesprechung
Nach rund 20 Minuten ist die Übung beendet – und die Nachbesprechung beginnt. „Diese Möglichkeit ist sehr hilfreich. Sie gibt Sicherheit und stärkt das Selbstbewusstsein, damit man im Ernstfall gewappnet ist“, sagt Ärztin Annika Danker. Für die stellvertretende Schulleiterin Claudia Böker zeigt sich der Nutzen auf mehreren Ebenen: „Es ist eine tolle Möglichkeit für Auszubildende und zugleich sehr effektiv für Ärzte.“
Auch Ärztlicher Direktor Markus Rehm hebt den besonderen Lerneffekt hervor. Für den Professor gehört die Freiheit, Fehler zu machen, fest dazu: „Hier kann man sich entfalten.“ Was im realen Einsatz schwerwiegende Folgen hätte, wird in der Simulation zum wertvollen Erfahrungsmoment. „Das Entscheidende ist, dass man solche Ernstfälle trainiert, weil in echten Situationen häufig die Kommunikation fehlt oder die Prioritäten falsch gesetzt werden.“
Ziel: fester Bestandteil der Ausbildung
Dass die Premiere gelang, lag nicht zuletzt an der sorgfältigen Vorbereitung. Otto und Ristic hatten das Konzept gemeinsam erarbeitet und begleiteten die Durchläufe an beiden Trainingstagen. Ihr Ziel ist es, die Übungen dauerhaft in der Ausbildung zu verankern – als Brücke zwischen Pflege und Medizin.
Am Ende bleibt bei allen Beteiligten das Gefühl, ein Stück sicherer geworden zu sein. Die Simulation in Agatharied hat gezeigt: Technik kann vieles leisten, doch entscheidend bleibt das Miteinander – bevor der Ernstfall eintritt.