Dorfen - Notwehr mit Kugelschreiber, Stock und Regenschirm. Alles ist laut Peter Felber, Hauptkommissar a.D. erlaubt.
„Au, das tut weh“, beschwert sich Doris Minet und weicht zurück. Peter Felber hat ihr gerade ein „Hirnbatzl“ in die Drosselgrube, die kleine Vertiefung unterhalb des Halses, gegeben. Die ehemalige Seniorenreferentin nimmt an dem Vortrag „Selbstverteidigung mit Kugelschreiber und Regenschirm“ teil, den Hauptkommissar Felber a.D. auf Einladung der Stadt Dorfen im Jakobmayersaal hält.
Rund zehn Frauen und ein Mann interessierten sich für das Thema. Eine Teilnehmerin erzählt, sie fühle sich oft unsicher, wenn sie nachts alleine unterwegs ist, und wolle dagegen ankämpfen. Eine andere berichtet von einem Überfall. Nur durch das beherzte Eingreifen eines Passanten sei sie mit zerfetzter Kleidung und einem Schrecken davongekommen, der ihr aber immer noch in den Gliedern sitze.
Felbers Ziel will mit Vorträgen, Übungen und Trainings die Abwehrbereitschaft der Teilnehmer stärken. Denn er ist der Meinung: „Nichts tun, ist die schlechteste Wahl.“
Lieber ein Vierteljahr im Gefängnis, als ein ganzes Leben tot.
Eine Teilnehmerin äußert die Angst, sie könne den Angreifer noch wütender machen, wenn sie sich zu stark wehre. Dem entgegnete der ehemalige Hauptkommissar und Goshin-Jitsu-Trainer beim TSV Erding: „Dummerweise hört der Angreifer nicht auf, wenn man sich nicht wehrt. Selbst wenn es nichts nützt, so ist zumindest der eigene Wille nicht gebrochen.“ Er kenne Fälle, die einen Überfall ein Leben lang nicht verarbeitet hätten. Deshalb mahnt er eindringlich: „Keinesfalls abwarten, möglichst bald einschreiten.“
Das gehe bei der Konfliktvermeidung los. „Stopp!“, „Nicht mit mir!“ solle man dem Gegenüber laut und deutlich klarmachen, wenn es zu einer unangenehmen Situation kommt. Dabei soll jedoch die offene Hand, nicht die Faust gezeigt werden. Denn diese könne tatsächlich provozieren.
Die Körpersprache müsse sparsam, aber prägnant sein. Sich aufrichten sei wichtig, ebenso ein offener Blick. „Sie dürfen sich ganz bewusst nicht zum Opfer machen“, ermahnt der ehemalige Hauptkommissar.
Den schüchternen Charakteren rät er: „Wir dürfen auch schauspielern, das kann sogar die Fitness toppen.“ Der Wille zur Selbstbehauptung sei essenziell: „Dem kleinen Giftzwerg passiert nicht so schnell was. Denn er strahlt ein Hindernis aus, das es zu überwinden gilt“, ermutigt Felber schmächtige Personen.
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Habe man den Zeitpunkt der Ansage übersehen oder lässt sich der Angreifer nicht abhalten, müsse man sich wehren, am besten mit Hilfsmitteln. Eine Teilnehmerin fragt nach, was denn da alles erlaubt sei, um nicht wegen Körperverletzung gerichtlich belangt zu werden. „In solchen Fällen befinden Sie sich eindeutig in der Notwehr“, weiß Felber. Selbst eine Notwehrüberschreitung sei in solch einem Ausnahmezustand als Zivilist erlaubt.
Auf zweifelnde Blicke reagiert der Selbstverteidigungsexperte mit einem Denkanstoß: „Lieber ein Vierteljahr im Gefängnis, als ein ganzes Leben tot.“
In Rollenspielen zeigt Felber markante Griffe, beispielsweise den Hand-Ballen-Stoß zur Nase und erläutert effektive Angriffsziele wie Augen, Hals, Kniescheibe oder Genitalien.
Wehren könne sich der Angegriffene mit allem, was er habe – sei es ein Regenschirm, ein Stock, ein Schlüsselanhänger, ein Handy, ein Kugelschreiber oder eine Scheckkarte. Lediglich vor Pfefferspray warnt er, das müsse vorher geübt werden.
„Wenn Sie mit der Hand zuhauen, ist das mit einem Kugelschreiber oder einem Handy viel wirksamer“, rät er und verdeutlicht dies in abgeschwächter, aber wirkungsvoller Vorführung an einer Probandin. Doris Minet jedenfalls ist überzeugt, denkt aber auch: „Da muss ich vorher mental gestärkt sein.“
Tipps für den Notfall
Ruhe bewahren, nicht in eine einsame Ecke flüchten, wo keine Hilfe zu erwarten ist. Handeln, nicht warten, bis die Situation immer auswegloser wird. Bei einem unguten Gefühl einen anderen Weg wählen oder ein Taxi rufen. Möglichkeiten und Fluchtwege bewusst machen. Unterschreitet jemand die persönliche Distanz, kräftig die Hand ausstrecken, Körper aufgerichtet, laut und deutlich „Stopp“ sagen.· Nicht beleidigen, nicht provozieren, beim „Sie“ bleiben. Das sorgt für distanzierten Abstand ohne Aggressivität und zeigt dem Umfeld, dass man den Aggressor nicht kennt. Öffentlichkeit erzeugen, laut werden. Helfer direkt ansprechen. Aggressor besser ignorieren als mit ihm sinnlos diskutieren. Augen auf, um den Täter beschreiben zu können. Mögliche Ausnahme- bzw. Gefahrensituationen für sich im Kopf durchspielen, besser noch mit Partnern, sich mental vorbereiten und so die eigene innere Abwehrbereitschaft erhöhen.