Eine Streetart-Führung durch Landsberg – das klingt erstmal überschaubar. Wo gibt es denn in der Lechstadt nennenswerte Streetart, mal abgesehen von den Graffiti-Kunstwerken an ein paar Gewerbehallen und Unterführungen? Überraschend viel, wie sich herausstellen sollte.
Landsberg - Ein perfekter Sommerabend, mild und trocken. Gut 35 Interessierte haben sich am Fuße des Bayertors eingefunden, um gemeinsam mit den Streetart-Künstlern Vincent Göhlich, bekannt als Erwa.One, und seiner französischen Kollegin Lucce (gesprochen: Lüs) einen Streifzug durch die Stadt zu unternehmen – durch einen „Parcours der Epochen“, wie Moderatorin Stephanie Lyakine-Schönweitz verspricht.
Streetart-Führung durch Landsberg: Der Weg von der Illegalität zur geschätzten Kultur
Die Münchner Kunsthistorikerin liefert auch gleich ein wenig theoretischen Hintergrund. Der Begriff Streetart ist noch sehr jung, er stammt aus den 2000er Jahren und umfasst Kunst im öffentlichen, halb-öffentlichen, halb-privaten und privaten Raum. Streetart ist kostenlos zugänglich und in der Regel jenseits etablierter Ausstellungsräume zu sehen, hat sich aber als Subkultur längst aus den Zeiten illegalen Sprayens herausentwickelt. Und obwohl der Begriff erst gute 20 Jahre alt ist – die Kunstform selbst ist wesentlich älter, wie sich im Laufe der Führung zeigen wird. „Auch Kunst am Bau, Gebäude und Standbilder gehören dazu“, erklärt Lyakine-Schönweitz. Dann geht es los, über den Weilheimer Kreisel in eine Hofeinfahrt an der Weilheimer Straße.
Hier hat sich Emma Schindelmann zwei Wände eines ehemaligen Lagerhauses vorgenommen und sie in ein knallbuntes Kunstwerk verwandelt. Die 19-Jährige ist Stipendiatin des U27-Streetart-Stipendiums, das nach einem Konzept von Vincent Göhlich in Landsberg ausgeschrieben und heuer erstmals vergeben wurde. Die Stipendiaten – neben Emma Schindelmann wurde Bjarne Jaschhof ausgewählt – erhielten 36 Sprühdosen, eine professionelle Schutzausrüstung und Wandfarben aus einem Recyclingprojekt, um damit urbane Kunst zu gestalten.
Streetart in Landsberg: Die Sprachen-Harmonie der zwei Graffiti-Kunstschaffenden
Weiter geht es in einen Garagenhof am Krachenberg. Wäre das Wetter nicht so schön, wäre die Farbe dessen, was es hier zu sehen gibt, vermutlich noch feucht. Erst wenige Stunden zuvor haben Erwa.One und Lucce ihr gemeinsames Werk auf der Seitenwand einer Garage vollendet. Es zeigt Blumen – Clematis und Klatschmohn, gegenständlich von Lucce mit dem Pinsel gemalt, sowie ornamenthafte Blüten, die Erwa.One mit Schablone und Spraydosen kreiert hat.
Die unterschiedlichen Bildsprachen zusammenzubringen, sei die Herausforderung des Projekts gewesen, erzählt Lucce, die bürgerlich Géraldine Chiampo heißt und aus Toulouse kommt. Dass es gelungen ist, stellt eine inzwischen noch größer gewordene Teilnehmergruppe anerkennend fest. Vincent Göhlich alias Erwa.One berichtet, wie gut die Zusammenarbeit mit der französischen Künstlerin funktioniert hat. „Es war eine ganz tolle Erfahrung, sehr harmonisch.“
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Lucce hat es als Frau nicht leicht gehabt, sich in der immer noch männlich dominierten Streetart durchzusetzen. Als sie sich vor vielen Jahren um eine Lehrstelle als Dekorationsmalerin bewarb, sei sie zunächst von allen Firmen abgelehnt worden, erzählt die 46-Jährige. Seitdem habe sich viel getan. Immer noch müsse man aber als Frau mehr arbeiten, um in der Szene sichtbar zu sein. Auch deshalb sei es für sie nach wie vor ein feministischer Akt, auf eine Leiter zu steigen, um zu malen.
Landsbergs Streetart: Versteckte Kunst
Nächste Station der Tour ist die Altstadt. Auch hier gibt es moderne Streetart, wenn auch klein und versteckt. Stephanie Lyakine-Schönweitz führt die Gruppe zu einem leicht zu übersehenden Mosaik an einer Mauer neben dem Wirtshaus am Spitalplatz. Das Mosaik ist im Stil des französischen Künstlers Invader gestaltet. Schräg darüber in einer Mauernische thront eine Madonna mit Sternenhimmel – auch das eine Form von Streetart, ebenso wie die 85 Jahre alte Wandmalerei von Johann Mutter, die wenige Schritte weiter an der Fassade des Pfannenstiel-Hauses zu sehen ist.
Zeitgenössisch wird es wieder in der Zeder-Passage, die Erwa.One mit einem großflächigen, farbenfrohen Wandbild vom grauen Tunnel in einen einladenden Durchgang verwandelt hat. Spätestens hier wird deutlich, dass Streetart nicht nur Farbe in den öffentlichen Raum bringt, sondern auch konkrete Funktionen erfüllen kann. In diesem Fall, mehr Menschen in die Passage zu bringen und auf die Läden und Ausstellungsräume aufmerksam zu machen, die es hier gibt.
Mit einem weiteren Zwischenstopp an der Ecke Vorderanger/Hintere Mühlgasse führt die Landsberger Graffiti-Tour über den Lady-Herkomer-Steg zum Papierbach. Inzwischen ist es längst dunkel. Umso besser passt eines der letzten Kunstwerke, die an diesem Abend angeschaut werden. Es stammt von Emma Schindelmann und zeigt die Skyline der historischen Gebäude Landsbergs unter dem in den Landsberg-Farben nachempfundenen Sternenhimmel von van Gogh.
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