Auch bei sommerlichen Außentemperaturen ist der Lech oftmals noch knackig kalt. Dass man mit diesem Wasser ganzen Gemeinden wortwörtlich einheizen will, scheint daher widersprüchlich zu sein. Trotzdem ist es möglich: mittels einer Flusswärmepumpe, die bald in Kinsau und in Landsberg anlaufen soll.
Kinsau/Landsberg – „Oberhalb unseres Kraftwerks wird Lechwasser entnommen, dem wird klassisch über eine große Wärmepumpe vier Grad Wärme entzogen und unterhalb vom Kraftwerk kommt‘s wieder rein“, beschreibt Kinsaus Bürgermeister Marco Dollinger das Projekt kurz und knapp. Für eine Flusswärmepumpe sei Kinsau geeignet. „Es müssen ein paar Voraussetzungen gegeben sein, damit das gut funktioniert und das tut es bei uns anscheinend.“ Katharina Braun, Projektingenieurin bei der LENA Service, dem kommerziellen Ableger der Landsberger Energieagentur (LENA), erklärt es so: „Grundsätzlich ist die Wärmepumpe immer eine gute technische Lösung, um eine Wärmeversorgung zu dekarbonisieren.“ Das gelte im einzelnen Haus wie in einem Wärmenetz. „Es gilt, an einem Standort die bestmögliche Energiequelle in Nutzung zu bringen, die bereitsteht. Das kann Abwärme aus einer Industrieprozess sein, erdgebundene Umweltwärme, Luft, Grundwasser oder eben Oberflächenwasser aus Seen und Flüssen. Letzteres bietet sich in Kinsau an und kann über ein Wärmenetz erschlossen werden.“ Da die Lechstaustufe direkt in Ortsnähe liegt, könne hier eine Entnahme ohne großen weiteren Eingriff in die Flusslandschaft realisiert werden.
Funktion einer Flusswärmepumpe
Die Flusswärmepumpe entzieht dem Lech Wärme und gibt sie als Heizenergie ab. Selbst Wasser mit einer Temperatur von zehn Grad kann noch rund zwei Grad abgeben. Das Flusswasser erwärmt ein Kältemittel, das dabei verdampft. Dieser Dampf wird verdichtet – wofür Strom notwendig ist – und Druck und Temperatur steigen. Die erzeugte Wärme des Kältemitteldampfs wird durch Kondensation in einem Wärmetauscher auf das Fernheizwasser übertragen. Währenddessen verflüssigt sich das Kältemittel wieder, im Wärmetauscher des Flusswassers wird es wieder entspannt. Dabei kühlt es sich ab und nimmt bei niedriger Temperatur wieder Wärmeenergie des Flusswassers auf – der Kreislauf beginnt von Neuem. Und sollte der Lech im Winter zu kalt sein, um ihm Wärme zu entziehen, wird mit Hackschnitzeln geheizt, erklärt Dollinger.
Dass der Bürgermeister und der Gemeinderat das Projekt auf die Beine stellen wollen, sei keine Aufgabe, die die Gemeinde zu erfüllen habe. „Es bedeutet für mich und die Gemeinde viel Arbeit und Geld. Wir sehen im Gemeinderat dadurch aber den großen Benefit, den der Bürger dadurch bekommen könnte“, so Dollinger. So sei es zum einen relativ simpel, sich die Wärme aus dem Lech via eines Wärmenetzes ins Haus zu holen: „Wenn man eine Wärmepumpe im Privathaushalt installiert, muss das Gebäude auch entsprechend gebaut sein.“ Dollinger meint hier beispielsweise eine spezielle Dämmung des Hauses. Mit dem neuen System könne man aber, „salopp gesagt, die alte Heizung abschneiden, die neue Heizung anklemmen und dann geht das los.“
Zum anderen ergebe sich auch ein ökologischer Vorteil, betont Braun. „Neben dem minimalen Eingriff in die Flussauen ist es für das Ökosystem Lech von Vorteil, wenn mit der Wärmepumpe die Temperatur im Lech lokal etwas gesenkt werden kann.“ Denn im Zuge des Klimawandels werden die Oberflächengewässer immer wärmer. „Wenn wir im Fluss eine Kälteinsel mit nur wenigen Grad kühler schaffen, hilft das insbesondere den heimischen Fischen im Sommer. Dabei ist die Entnahme minimal gegenüber der enormen Wärmeenergie, die der Lech jede Sekunde transportiert.“
Ein Pro also auch für die Umwelt, wobei die Bürger vorrangig vor allem die Kosten interessieren dürften, meint Dollinger. „In erster Linie denkt der gemeine Hausbauer an den eigenen Geldbeutel und nicht sofort an die Umwelt“, wobei er nicht alle Hausbesitzer über einen Kamm schweren wolle. „Das mag ein positiver Nebeneffekt sein“, aber vorrangig gehe es ums Geld „und das ist auch verständlich.“ Heizen sei mittlerweile sehr teuer geworden. „Wenn der Liter Öl momentan einen Euro kostet, kann es sein, dass er in wenigen Jahren schon zwei Euro kostet und dann wird so eine Geschichte schon sehr interessant.“
Reges Interesse
Schon viele Bürger hätten Interesse an einem Anschluss bekundet. „In Kinsau war die Resonanz von Anfang an relativ gut.“ Aber es gelte: Je mehr Anschlussnehmer, umso besser. Und es käme auch immer darauf an, wie die Anschlussverteilungen in der Gemeinde sind, gibt Dollinger zu bedenken. Ein Bespiel: „Wenn in einer Straße mit 20 Haushalten nur einer anschließen möchte, dann fällt der hinten runter.“ Immerhin könne man ja nicht für einen Häuslebauer eine komplette Straße aufreißen, um eine Leitung zu verlegen. Es braucht also mehr Interessierte, die nah beieinander wohnen, um das Projekt realisieren zu können.
Sind die Bürger interessiert, gibt es zwei Möglichkeiten, die Lechwärme mittels Wärmenetz zu beziehen: mit dem sofortigen oder dem reservierten Anschluss. Bei Letzterem bestehe nach spätestens zehn Jahren Anschlusspflicht – ein Angebot für vorausschauende Häuslebauer oder -Eigentümer.
Für Interessierte soll Ende Oktober oder Anfang und November nochmals eine Informationsveranstaltung stattfinden und danach gebe es eine Deadline, bei der jeder Interessierte den Vorvertrag unterschrieben haben muss.
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„Die Gemeinde Kinsau unterstützt mit Bürgermeister Dollinger das Projekt tatkräftig“, scheint Braun zufrieden. „Aktuell befinden wir uns in der Prüfung für mögliche Umsetzungskonzepte. Hier müssen zunächst alle notwendigen Genehmigungen und Abstimmungen eingeholt werden. Im Anschluss kann das Projekt mit Gemeinde und Bürgern ausgeplant und realisiert werden.“
Wärme im Inselbad
In Landsbergs Altstadt wird indes schon länger am Ausbau der grünen Fernwärme gefeilt. Bis 2037 soll jeder Bewohner der Altstadt die Möglichkeit haben, auf diese Weise zu heizen. Zumindest in der Lechstraße könnte das schon vorher zutreffen. Denn im Rahmen der Sanierung des Inselbads (der KREISBOTE berichtete) wird auch ein Technikkeller für eine Flusswasserwärmepumpe gebaut. „Diese Wärmepumpe wird in der ersten Ausbaustufe das bestehende Fernwärmenetz in der Lechstraße versorgen“, so Pressesprecherin Kathrin Weber von den Stadtwerken. Die Anlage soll allerdings erst in der zweiten Baustufe, ab Ende der Badesaison 2025, installiert werden.
Flusswärmepumpen – wo geht‘s?
Kinsaus Bürgermeister Marco Dollinger spricht von „günstigen Gegebenheiten“, die es in seiner Gemeinde für die Installation einer Flusswärmepumpe gebe. Aber auch in anderen Gemeinden des Landkreises Landsberg sei der Anschluss einer solchen Pumpe theoretisch möglich, betont Katharina Braun von LENA Service. „Wenn eine Gemeinde in direkter Nähe zum Lech, dem Ammersee oder einem anderen Gewässer liegt und es keine naturschutzrechtlichen Gründe gibt, die dagegensprechen, kann mit einer Fluss- oder Seewasserwärmepumpe eine zukunftsfähige und sichere Wärmeversorgung aufgebaut werden. Die Flusswärmepumpe kann somit einen maßgeblichen Beitrag zum Erreichen der ambitionierten bayrischen Klimaziele beitragen. Darüber hinaus bleibt Geld und Wertschöpfung in der Region.“