Seit der Hochwasserkatastrophe vor acht Wochen funktioniert das Festnetz in einem Haus in Indersdorf nicht mehr. Kein Problem in der heutigen modernen Welt, möchte man meinen, es gibt ja Handys. Ein großes Problem ist es tatsächlich für eine blinde sowie eine gehbehinderte Bewohnerin, beide 86. Sie haben keine Mobiltelefone. Und seit Wochen keinen Kontakt mehr zur Außenwelt.
Indersdorf – Helga Poltinger ruft: „Na? Komm her Oskar!“ und greift ins Leere. Die 86-jährige Dame ist nach einer Krankheit nahezu blind, sie hat nurmehr drei Prozent Sehfähigkeit. Sie möchte so gerne den Hund ihrer Freundin Heidi Gerl, ebenfalls 86, streicheln. Kontakt haben mit einem Lebewesen. Abwechslung von ihrem eintönigen Alltag. „Ich stehe in der Früh auf – und das war’s dann“, sagt sie.
Bis vor kurzem telefonierte die alleinstehende Dame regelmäßig mit Bekannten und Freunden. Doch das geht seit der Hochwasserkatastrophe von Anfang Juni nicht mehr. Der Festnetzanschluss in dem Mehrfamilienhaus in der Erhard-Prunner-Straße in Indersdorf, in dem die Rentnerin im Erdgeschoss wohnt, ist seit acht Wochen tot. Der Sohn ihrer Vermieterin hat längst die Telekom verständigt. „Wir wissen nicht, wann repariert wird“, sagt Helga Poltinger. „Zuerst hieß es, in acht Tagen, dann bis 12. Juli, und dann haben sie gesagt, es kann September werden.“
Helga Poltinger sitzt im Wohnzimmer ihrer Bekannten Erna Isemann (86), die im ersten Stock lebt. Auch Heidi Gerl (87) und Hündchen Oskar, ein Bolonka Zwetna, sind aus Dachau hergekommen. Die drei Frauen kennen sich seit Jahrzehnten. Alle drei arbeiteten einst im Indersdorfer Krankenhaus im Pflegebereich. Hin und wieder treffen sie sich. Sehr oft telefonieren sie miteinander. „Wir werden schon langsam gemütskrank“, meint Erna Isemann, die auf einen Rollator angewiesen ist. Die Beine wollen nicht mehr so recht. „Ich komme nicht mehr die Stiegen runter.“
Tagsüber völlig allein, auch der Hausnotruf funktioniert nicht
Erna Isemann und Helga Poltinger, die geistig noch fit sind, haben beide sicherheitshalber einen Hausnotruf, der an das Festnetz gekoppelt ist und daher momentan ebenfalls nicht funktioniert. „Meine Tochter wohnt zwar auch im Haus, doch sie arbeitet in München und geht sehr früh. Wenn mir tagsüber was passiert, bin ich auf mich allein gestellt“, sagt Erna Isemann.
Mittlerweile hat sich Helga Poltinger über den Hausflur zurück in ihre Wohnung getastet. In ihrem Wohnzimmer steht auf einem Tischchen ein flaches, für sie sehr wichtiges Gerät. Behutsam setzt sie sich davor und versucht die Bedienungsknöpfe und den Scanner zu fühlen. „Das ist mein neues Lesegerät. Da kann ich Kontoauszüge, Briefe oder Kassenzettel reinlegen, und dann wird mir vorgelesen, was draufsteht“, so die blinde Dame. „Nur: Ich bräuchte dringend noch einmal eine genaue Einweisung.“ Leider kann sie den Mann, der ihr das Lesegerät brachte, nicht erreichen.
Und da ist noch eine Sache, die Helga Poltinger und Erna Isemann sehr beunruhigt. Helga Poltinger nennt ein Beispiel: „Ich habe einen guten Bekannten, der in München wohnt. Der wundert sich sicher schon, warum ich nicht mehr anrufe. Und warum er mich nicht erreichen kann. Der denkt wohl, ich bin gestorben!“
Telekom ist „in Phase der Entstörung“
Auf Nachfrage der Dachauer Nachrichten teilte die Deutsche Telekom mit, dass der Fall Erhard-Prunner-Straße in Indersdorf „im Stadium der Entstörung“ sei, so Pressesprecher Julien Adler. „Betroffen sind sechs Kabel, wobei drei bereits instandgesetzt wurden. Das Hochwasser hat einen immensen Schaden an unserer technischen Infrastruktur vor Ort verursacht, sodass wir derzeit unsere Bemühungen auf eine schnelle eine Lösung durch Umschaltungen, Provisorien fokussieren. Damit die Störungsbehebung schneller erfolgt, haben wir eine weiteres Subunternehmen hinzugezogen“, teilt Adler mit. Bis Ende dieser Woche, verspricht die Telekom, „prognostizieren wir eine Störungsbehebung“.
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Bis dahin werden Erna Isemann und Helga Poltinger noch von der Außenwelt abgeschnitten sein. Vor dem Wohnzimmerschrank von Helga Poltinger steht ein Schüsselchen mit Hühnerfleisch. Für Oskar. Das wuschelige Tier verschlingt alles ruckzuck. Dann hopst er zu Helga Poltinger und lässt sich streicheln.