Trotz eines Wohnberechtigungsscheins mit Dringlichkeitsstufe 1 findet das Paar keine bezahlbare Wohnung. Private Vermieter lehnten sie auch wegen Vorurteilen ab.
Bad Tölz – „Bezahlbaren Wohnraum schaffen“: Dieses Ziel haben sich viele Parteien und Gruppierungen, die zur Kommunalwahl antreten, ins Programm geschrieben. Damit sprechen sie eines der akutesten Probleme in der Region an. Jede einzelne verzweifelte Wohnungssuche ist für die Betroffenen eine existenzielle Frage, hinter jedem Fall steht ein Schicksal – wie bei einem Ehepaar aus Bad Tölz, das wegen schwerer Erkrankungen dringend umziehen müsste – aber seit vielen Jahren nicht kann.
Von vielen schweren Krankheiten heimgesucht
Wenn Leo K. und Markus J. (Namen geändert) über ihre Lebenssituation sprachen, dann klingt das fast wie ein medizinisches Kompendium: So viele verschiedene teils lebensbedrohliche Erkrankungen haben die beiden Männer schon heimgesucht. Ihre genauen Diagnosen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Aber es gab lange Klinikaufenthalte, aufwendige Behandlungen, und es bleiben große Einschränkungen im Alltag.
Gerade der 67-jährige Leo K. hat große Schwierigkeiten, die Treppe zu seiner Wohnung im 1. Stock hinaufzukommen. „Bis ich ganz heroben bin, kostet mich das sehr viel Kraft“, sagt er. „Für die letzte Stufe muss ich mich krampfhaft am Treppengeländer festhalten.“ Einen Treppenlift einzubauen, ist in dem alten Gebäude fast unmöglich. Auch die Wohnung selbst ist alles andere als barrierefrei. In die Dusche zu steigen, ist in K.s Zustand ein kompliziertes Unterfangen, und ist er dann in der Duschkabine, wird es für ihn mit seinem Sitz, den er braucht, viel zu eng. „Es geht hier nicht um ,schöner Wohnen‘“, stellt sein Partner Markus J. zur Wohnungssuche des Ehepaars klar.
Seit 13 Jahren auf der Warteliste
Auf dem privaten Wohnungsmarkt versuchen es die beiden allerdings seit Jahren vergeblich. Ihre finanziellen Mittel sind sehr eingeschränkt. Leo K. war nach eigenen Angaben schon seit seinem 31. Lebensjahr in Frührente, jetzt hat er die Altersrente erreicht, doch die fällt spärlich aus. Auch Markus J. (56) kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten. Als Selbstständiger hatte er lange nicht genug Geld, um in die Rentenkasse einzuzahlen. Und als ihn seine schlimme Diagnose ereilte, da fehlten ihm ganze neun Einzahlungsmonate, um Anspruch auf eine Rente zu haben. Nun bekommt er Sozialhilfe. Wenn das Ehepaar sich auf Wohnungen bewarb, wurde es schon mal gefragt, wie denn einer von ihnen die Miete weiterbezahlen wolle, wenn der andere stirbt. Andere Vermieter machten unmissverständlich klar, dass sie nicht an zwei Männer vermieten wollten.
Ihre letzten Hoffnungen richteten sie daher auf die öffentliche Hand als möglichen Vermieter. Die Voraussetzungen für eine Sozialwohnung erfüllen sie, wie ihnen ein amtlicher Wohnberechtigungsschein mit „Dringlichkeitsstufe 1“ bestätigt. Eine Drei-Zimmer-Wohnung mit bis zu 80 Quadratmetern stünde ihnen demnach zu. „So viel müsste es gar nicht sein, 65 oder 70 Quadratmeter wären schon gut“, sagen sie. Hauptsache, die Wohnung wäre im Erdgeschoss oder mit einem Lift zu erreichen.
Stichwort: Wohnberechtigungsschein
Was hilft ein Wohnberechtigungsschein bei der Suche nach einem Dach überm Kopf? Auf dem freien Wohnungsmarkt jedenfalls nichts, sondern nur bei der Vergabe von offiziellen Sozialwohnungen, stellt Landratsamts-Sprecherin Marlis Peischer auf Anfrage klar. Um den Schein zu erhalten, müsse man einen Antrag stellen. Die Kosten dafür werden vom Jobcenter und vom Sozialamt nicht übernommen. Voraussetzung sei die Einhaltung einer gesetzlichen Einkommensgrenze. Bei zwei Personen liege diese derzeit bei 27 500 Euro bereinigtem Einkommen pro Jahr. Laut Peischer gibt es beim Wohnberechtigungsschein drei Stufen. Die Einstufung richte sich nach der Lebenssituation der Antragsteller. Kriterien seien etwa der Gesundheitszustand, eine erhebliche Überbelegung, zu hohe Miete oder eine Räumung der Wohnung. Ende 2025 waren laut Peischer im Landkreis rund 560 Wohnberechtigungsscheine ausgegeben. Davon lagen ihr zufolge geschätzt etwas mehr als die Hälfte in der Stufe 1. Dem stünden im Landkreis etwa 1100 sozial gebundene Wohnungen gegenüber – „in belegtem Zustand“.
Im Tölzer Rathaus hat sich das Ehepaar nach eigenen Angaben schon vor 13 Jahren auf die Warteliste für städtische Mietwohnungen setzen lassen. Wann immer die Stadt baute, wie an der Osterleite oder der Königsdorfer Straße, meldete sich das Paar, kam aber nie zum Zug. Jetzt schielen die beiden in Richtung Kohlstatt, wo die Baugenossenschaft Lenggries wie berichtet ein Mehrfamilienhaus mit neun Wohnungen errichtet. Doch wie sie eine davon ergattern könnten, wissen sie noch nicht.