Wohnungsdefizit spitzt sich zu: Experten schlagen Alarm – „Es kann jeden treffen“

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Im Landkreis herrscht Wohnungsnot: Jährlich müssten rund 1100 Unterkünfte gebaut werden, um die Situation zu verbessern. © IMAGO/Wolfilser

Steigende Mieten, fehlende Neubauten und zunehmende Eigenbedarfskündigungen belasten Familien, Senioren und Berufseinsteiger. Experten fordern endlich entschlossenes Handeln der Politik.

Rund 2900 Wohnungen fehlen derzeit im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Das zeigt eine aktuelle Wohnungsmarktanalyse des Pestel-Instituts, auf die sich der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) in einer Pressemitteilung beruft. Das Defizit trifft viele Menschen hart: Eine geeignete und bezahlbare Wohnung zu finden, ist für viele nahezu aussichtslos. Gleichzeitig stehen 970 Wohnungen seit mindestens einem Jahr leer. Hoffnung macht das nicht: Unterkünfte, die so lange ungenutzt bleiben, kehren kaum mehr auf den Mietmarkt zurück.

Es trifft mittlerweile auch Menschen aus der Mittelschicht

„Es fehlt vor allem an bezahlbaren Wohnungen“, betont Barbara Stärz von der Asyl- und Wohnungslosenhilfe der Caritas in Bad Tölz. Besonders der Raum um München habe hier große Schwierigkeiten. „Wenn inzwischen sogar Menschen aus der Mittelschicht – etwa Polizisten, Pflegekräfte oder Medienangestellte – erleben, wie hart der Wohnungsmarkt geworden ist und selbst in Not geraten können: Was sagt das aus?“ Nach und nach, warnt Stärz, drohe unter diesen Bedingungen „alles zusammenzubrechen“.

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Auch dem BDB ist die Problematik längst bewusst: Bauen sei zu kompliziert und zu teuer geworden. „Deutschland muss dringend wieder einfacher bauen“, betont Matthias Günther, Chef-Ökonom des Pestel-Instituts. Würde man die zahlreichen Vorschriften der vergangenen zehn Jahre zurücknehmen, könnten im Landkreis „relativ schnell wieder deutlich mehr – und deutlich günstigere – Wohnungen entstehen“, sagt er. „Es wären Wohnungen mit gutem Standard. Manchmal ist weniger eben mehr.“

Die Folgen des Wohnungsmangels zeigen sich längst im Alltag vieler Menschen. „Oft trifft es vor allem Alleinerziehende oder Familien mit Kindern“, berichtet Ines Lobenstein von der Wohnungslosenhilfe in Wolfratshausen. Diese Familien suchen dringend mehr Platz – doch größere Wohnungen seien für viele schlicht nicht bezahlbar. Junge Menschen sind ähnlich betroffen. Viele Auszubildende ziehen wegen ihres Betriebs in den Landkreis, finden aber keine Bleibe. Früher stellten Firmen Werkswohnungen bereit, heute müssen Lehrlinge auf dem hart umkämpften Markt konkurrieren. „Die Betriebe sollten wieder mehr Verantwortung übernehmen“, fordert Lobenstein.

Mehr und mehr Senioren suchen Beratung

Auch Senioren wenden sich immer häufiger an die Beratungsstelle. „Wohnungsangebote laufen heutzutage über Online-Portale oder per E-Mail“, erklärt Stärz. Um dort den Überblick zu behalten, brauche es zumindest grundlegende technische Kenntnisse – damit hätten die älteren Bürger Schwierigkeiten. „Wir können ihnen zwar helfen, indem wir die digitalen Wege erklären“, sagt Lobenstein, „doch das reicht oft nicht aus. Viele landen am Ende leider im Obdachlosenheim.“

Wie angespannt die Lage auf dem Markt ist, zeigt auch die steigende Zahl an Eigenbedarfskündigungen. Immer häufiger setzen Eigentümer ihre langjährigen Mieter – Menschen, die oft seit Jahrzehnten in derselben Wohnung leben –vor die Tür, weil sie selbst oder Angehörige dringend Wohnraum benötigen. „Es kann wirklich jeden treffen“, sagt Stärz. Für die Betroffenen bedeutet das nicht selten den völligen Verlust ihres Zuhauses. „Wir brauchen dringend wieder mehr Bewegung im Wohnungsmarkt“, betont Stärz.

Dafür ist laut Pressemitteilung günstiges Baugeld notwendig. „Dann wären mehr private Bauherren, aber auch Investoren endlich wieder in der Lage, neue Wohnungen zu bauen“, sagt Günther. Damit würde der Bund einen Turbo für den Neubau starten. „In Sachen Wohnungsbau passiert bei der Bundesregierung zu wenig“, kritisiert BDB-Präsidentin Katharina Metzger. Dabei sei der Wohnungsbau ein wichtiger Motor für die Binnenkonjunktur. „Es ist höchste Zeit, dass Bundeskanzler Merz den Wohnungsbau jetzt zur Chefsache macht“, fordert sie.

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Entweder Mieten runter oder die Gehälter rauf

Dem kann die Wohnungslosenhilfe nur zustimmen. Die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen haben ebenfalls klare Erwartungen an die Bundespolitik. „Entweder müssen die Mieten runter oder die Gehälter rauf“, sagt Stärz. Zudem brauche es einen einfacheren Zugang zu Sozialleistungen. „Viele Bürger wissen gar nicht, worauf sie Anspruch haben und welche Schritte nötig sind.“ Eine zentrale Anlaufstelle, die Menschen unkompliziert durch die Antragstellung führt, wäre aus ihrer Sicht ein wichtiger erster Schritt.

Ines Lobenstein erinnert an rund zehn Prozent der Bevölkerung, die bei der Digitalisierung nicht mithalten können. „Sie brauchen mehr Unterstützung und Verständnis.“ Zudem reiche ihrer Meinung nach die bestehenden einkommensorientierten Förderungen (EOF) bei Weitem nicht aus. „Wenn neu gebaut wird, sollte ein verbindlicher Anteil für EOF-Wohnungen reserviert sein“, fordert sie. Nur so bleibe der Markt auch für Menschen ohne hohes Einkommen erschwinglich. „Wohnen ist ein Menschenrecht“, betont Lobenstein. Das unterstreicht ihre Kollegin Barbara Stärz mit Nachdruck: „Das ist für einen Menschen wie essen und trinken.“