Ein Dichterstreit mit ernsten Worten im Landsberger Stadttheater

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Doppelspitze: Rainer Holl und Lotta Emilia (1. und 2. von links) gewinnen den Poetry Slam des Kreisjugendrings Landsberg im Stadttheater. Auch mitreißend: Matti Linke (2.v.r.) und Susanne Schneider. © Greiner

Maximal fünf Minuten, keine Requisiten, selbst geschrieben: Poetry-Slams befolgen strikte Regeln – und weiten mit Sprachkunst die Grenzen ins Unendliche. Auch der Poetry Slam des Landsberger Kreisjugendrings hat der Macht der Poesie gehuldigt – in überwiegend dringlichen Worten.

Landsberg – Es ist ernst. Das hört das trotz bestem Frühlingswetter große Publikum im Landsberger Stadttheater schon beim ersten Poeten des Landsberger Dichterwettstreits – mit weitem Anreiseweg: Matti Linke aus Hannover ist „verloren auf dem offenen Meer“. Bildlich im alten, kleinen Kahn segelt er durchs Leben – mit Angst davor, zu kentern, das Handtuch zu werfen ob dieser See ohne Ankerpunkt. Dass da letztendlich doch noch Hoffnung schimmert, liegt am Nordstern. Und an der Devise, lieber in See zustechen, als sehnend am Hafen all dem Verpassten hinterherzutrauern. Linkes Vortrag, mit ruhiger Stimme frei gehalten, strotzt vor gnadenlos schönen Bildern, die Hirn, Herz und Magen treffen. Dass er dennoch nicht als einer der beiden Finalisten in die letzte Runde zieht, liegt an der ungemein starken ersten Runde.

Slammen in Landsberg: große Wut und angewandte Fantasie

Linkes Orts-Kollegin Antonia Josefa, von Moderator Ko Bylanski eingeladen, zieht ihr Publikum mit dem ausdrucksstarken, wütend vorgetragenen „Die schwerste aller Ketten“ in ihre Umlaufbahn – über das Patriarchat, das Frauen in Muster presst und ihnen massive Grenzen setzt: „Also versteck dich Mädchen, verdeck dich, Mädchen.“ Susanne Schneider aus Augsburg berührt mit ihrem Text über einen, der „weg ist“ – gestorben, aber die für ihn empfundene Liebe ist immer noch am Leben. Auch die Augsburgerin Alina Hallanzi, zum ersten Mal auf der Slam-Bühne, zeigt ihr Selbst mit einem Text über das Erwachsenwerden. Über die Verantwortung, wenn man die Vollmacht für die Mutter bekommt, obwohl man doch unbedingt noch Zeit bräuchte: zum Innehalten vor all dem Ernst.

Den Abschluss der ersten Runde macht Lokal-Slammerin Lotta Emilia: mit einem vehementen Statement für Kunst als „angewandte Fantasie“, auf der Basis der eigenen Erfahrungen – statt auf Grundlage von Berechnungen einer KI. „Für mich ist Kunst alles“ und eben viel mehr als ein Gedicht, dass sich schön anhört, aber keine Tiefe hat. Ihr Eintreten für Kunst als etwas zutiefst Menschliches schiebt sie mit lautem Applaus des Publikumsbarometers in die Finalrunde.

In der zweiten Runde bekommen zwei noch fast neue Slammer Platz: Hannah Kuhn, DZG-Absolventin, dichtet über eine schwierige Tochter-Mutter-Beziehung, der Landsberger Leander Ackermann, Absolvent des Slam-Workshops bei Lotta Emilia, lässt einen kleinen Jungen als personifiziertes schlechtes Gewissen für das Ausblenden des Klimawandels erscheinen.

Poetry-Slam im Landsberger Stadttheater: ein Wort-Staccato zur Informationsflut

Mit dabei ist auch der Münchener Poetry-Slam-Veteran Bert Uschner, der in rasendem Staccato das Einprasseln von Informationen auf sein malträtiertes Hirn begeisternd hörbar macht – ein Wortschwall, der Zuhörende begeistert, aber erschöpft in den Sitz presst. Rainer Holl aus Leipzig ist der einzige an diesem Abend, der satt auf Humor setzt: mit Poesie über Männer am Anfang der Midlife-Crisis, die sich statt eines Therapeuten lieber einen Porsche zulegen oder Flugzeuge tracken. So trocken und ungemein unterhaltsam – der Applaus bombardiert ihn nahezu ins Finale.

Holl punktet beim zweiten Auftritt mit großem Ausdruck und Witz, Stimmvariabilität und einem bitterböse zynischen Text über die Flucht ins Kleine gegenüber einer Welt im Chaos: mit Konzentration auf lacken Cappuccino-Schaum und fettige Chipstüten. Lotta Emilia poetisiert über die Herausforderung, um Hilfe zu bitten, wo man doch immer alles alleine schafft. Schließlich ist es der Nutzen für die Welt, der den Eigenwert bestimmt, oder? Holl setzt auf lauten, Lotta Emilia auf leisen Humor, beide slammen frei, beide reißen mit – und folgerichtig kürt das Publikum mit frenetischen Applaus beide zu Gewinnern dieses großartigen Abends voller Poesie, Tiefe und einem dicken Funken Humor.

Am 17. Mai ist wieder ein Slam-Workshop mit Lotta Emilia, am 28. Mai kommt der U20-Slam. Info: www.kjr-landsberg.de.

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