Fällt beim Theater ein Schauspieler aus, gibt es die Zweitbesetzung – eine Lösung, die beim Poetry Slam nicht funktioniert: Die Texte, die die Dichterinnen und Dichter präsentieren, sind mit ihren Urhebern eins. Weshalb der erste Slam in diesem Jahr im Stadttheater etwas kürzer daherkam: Vier der zehn gemeldeten Dichtkünstler mussten wegen Krankheit absagen. Trotz Personalnot: Der Abend hat begeistert.
Landsberg - Weniger Vortragende bedeuten auch einen anderen Ablauf im Poetenstreit: „Wir präsentieren heute einen K.O.-Slam“, kündigt Moderator Ko Bylanzky an. Jeweils zwei der sechs Poeten treten gegeneinander an, die Duellsieger kommen ins Finale. Wobei die Jury das Publikum ist. Und wie an jedem Poetry-Slam-Abend wird das Bewerten geübt: mit einem wertschätzenden Applaus, einem begeisterten Applaus und mit der ultimativen Gefallensbekundung: „Wenn man weggeblasen, tief berührt wird und überhaupt erst weiß, warum man auf der Welt ist“, beschreibt Bylanzky diese Version. Das Publikum im fast ausverkauften Stadttheater kann‘s – auch wenn immer noch mancher zum ersten Mal einem Slam lauscht.
Der überschäumenden Begeisterung zum Trotz trägt Starter Darryl Kiermeier aus München sein „Kind von Traurigkeit“ vor. Kein Schenkelklopfer, aber ein poetischer Text. Der die Schönheit in der Traurigkeit benennt: weil man nur über etwas Verlorenes traurig ist, wenn es schön war. Sein Konkurrent setzt mehr auf Stimme, Mimik, Schauspiel: Rainer Holl aus Leipzig spricht im superschnellen Staccato, laut, leise, schreit fast, singt sogar. Sein Text: ein Brief an F., der bis zur Frage nach dem Sinn des Lebens strebt – um sich als Brief ans Finanzamt zu entpuppen, dem der Absender angesichts der Sorgen der Welt eine Fristverlängerung entlocken mag. Großer Applaus für die Darbietung und die Kunst, aus dem Alltag durch Poesie Tiefe zu schöpfen.
Emilia Lotta im Multitasking-Stress
Magdalena Nägelsbach als noch nicht ganz so eingegroovte Slammerin hat es mit ihrem Text über Düfte und den damit verbundenen Erinnerungen schwer gegen Lotta Emilia aus Weilheim: Die irritiert zu Beginn mit einem vermeintlich verlorenen Faden – so überzeugend, dass das Publikum schon ermunternd applaudieren will – aber halt! Alles richtig, alles geplant. Denn Lotta Emilia geht es um Konzentration, die ihr zwischen Handy, Tik-Tok-Insta und Likes-Bestätigungssucht komplett abhanden geht. Auch für sie johlt und trampelt das Publikum vor Begeisterung.
In Duell Nummer drei streiten sich der Kaufbeurer Emil Böttcher und Rap-Poet Federico Motta aus München. Ersterer mit einem ruhigeren Text zum „Flussherz“ und dem Unverständnis des Menschen gegenüber der Natur, Zweiterer mit einem Beitrag, der durch Performance wirkt: Motta rappt, gestaltet, „Hip Hop ist mein Paradies“, begeistert mit seiner „Kunst ohne Malen“ – und darf ins Finale.
Hörbare Wünsche
Mottas Finalbeitrag ist ‚wortreicher‘, ernster: Es geht um seine ersten Male. Zum Beispiel das „erste Mal meiner Mutter sagen können, dass ich sie liebe“ – ein persönlicher, mutiger Text. Auch Lotta Emilia setzt auf Ernsteres: aufs Wünschen und die Notwendigkeit, zu sagen, was man sich wünscht – auch wenn man das laut Wunschkatechismus auf keine Fall tun soll. Aber wie sonst sollen sich Wünsche erfüllen? Hat ja bei dem grünen Fahrrad auch nicht geklappt, dass sich Lotta Emilia zu ihrem siebten Geburtstag mit dem Ausblasen der Kerzen gewünscht hat. Holl erzählt – weniger schnell, dennoch mit Dramatik – von seiner Erstkommunion. Und wie er sich weigert, das Tischgebet zu sprechen. Weil er nicht will, weil er sich allein fühlt. „Ich habe größten Respekt für den kleinen Reiner“, sagt er. Und widmet den Text allen, die sich verkehrt fühlen. Und die wissen sollen, „wie schön es ist, wenn man nein sagt.“
Auch wenn die Applausstärke bei Lotta Emilia und Holl nahezu gleich ist: Die Weilheimerin sahnt ab. Der Gewinnerin winkt gar mehr als die übliche Flasche Sekt: ein Büchergutschein vom Osiander. Und honig-knackige Kürbiskerne vom Unverpackt-Laden –für Texte, die brillant den Ernst der Welt einfangen, denen aber nie der perfekt dosierte Humor fehlt.
Übrigens, wer selbst mal slammen will und zwischen 14 und 20 Jahren ist, kann das bei einem Workshop am 27. April üben – den niemand anderes leitet als Lotta Emilia. Infos und Anmeldung unter www.kjr-landsberg.de unter dem Reiter „Aktionen“.
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