Das Boot ist voll, sagen die einen, eine humane Asylpolitik fordern die anderen: Neue Perspektiven hat die Live-Sendung „Jetzt red I“ des Bayerischen Fernsehens im Waitzinger Keller nicht aufgezeigt.
Ein Mitarbeiter des TV-Teams fegt noch schnell den Boden der Sendungsarena, die das Bayerische Fernsehen im Waitzinger Keller aufgebaut hat. Soll ja alles schön aussehen, wenn die Moderatoren Tilmann Schöberl und Franziska Eder vor dem Hintergrund der im Bau befindlichen Sammelunterkunft in Warngau mit Bürgern über die Frage „Braucht es eine Wende in der Asylpolitik?“ diskutieren.
Warm-up
„Fernsehen ist von schönen Bildern abhängig“, erklärt Schöberl den rund 100 Zuschauern in der Arena beim sogenannten Warm-up vor Beginn der Live-Sendung. „Ihr schaut alle super aus, das wird also gut laufen.“ Während er die Spielregeln erklärt – Handy ausmachen und sich melden, wenn man etwas sagen will –, ist auf einem Bildschirm die Tagesschau zu sehen, an die sich „Jetzt red I“ unmittelbar anschließt. Jens Riewa berichtet da gerade über die zweite Serie von Explosionen im Libanon mit mehr als 300 Verletzten, und Schöberl fragt: „Sie sitzen alle bequem? Jeder fühlt sich wohl?“ Er weist darauf hin, dass es sich um ein Live-Format handelt, bei dem nichts herausgeschnitten werden könne: „Sie haben jetzt noch die Chance, sich umzusetzen, sollten sie mit Partner zwei da sein, während Partner eins zu Hause ist“, scherzt er, um die Studiogäste locker zu machen und ihnen die Nervosität zu nehmen, die vorhanden sein könnte, wenn man es nicht gewohnt ist, live im Fernsehen aufzutreten.
Doch das Warm-up scheint gar nicht notwendig zu sein an diesem Mittwochabend in Miesbach. Die Landkreisbürger im Publikum wirken gelassen und selbstbewusst – als ob sie alle Tage im Fernsehen zu sehen wären. Das weiche Licht schmeichelt den Teints, die ohnehin daheim in Holzkirchen, Warngau, Tegernsee und Hausham noch aufgehübscht wurden, bevor es in den Waitzinger Keller ging. Nur Landrat Olaf von Löwis scheint im smarten Business-Outfit nicht den Vorstellungen zu entsprechen, die man gemeinhin von einem oberbayerischen CSU-Landrat hat: Als Schöberl ihn in den ersten Sendeminuten zu Wort bittet, reicht der Tontechniker das Mikro irrtümlicherweise einem Mann in Trachtenjoppe: dem Miesbacher SPD-Stadt- und Kreisrat Paul Fertl. Schöberl dirigiert das Mikro zur richtigen Person, sodass Löwis die Herausforderung schildern kann, die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen für den Landkreis bedeuten.
Bekannte Positionen
Löwis erklärt – wie so oft in der Vergangenheit – dass der Landkreis die Pflicht zur Unterbringung habe, dass er dezentrale Unterkünfte auch befürworten würde, die Gemeinden oder Immobilienbesitzer aber nicht zur Unterbringung zwingen könne, weshalb nun in Warngau auf landkreiseigenem Grund eine Sammelunterkunft entstehe. Auch die anderen Meinungen, die die anwesenden Bürger und Kommunalpolitiker, Bundestags㈠abgeordnete Carmen Wegge (SPD) und der aus Hamburg zugeschaltete CSU-Generalsekretär Martin Huber äußern, sind nicht zum ersten Mal zu hören. Es geht um eine Obergrenze, Zurückweisungen, um die Frage, ob ein kleiner Ort wie Warngau 500 Menschen integrieren könne, darum, ob Container neben der Abfallentsorgung überhaupt eine menschenwürdige Unterbringung seien, um Sprachkurse und humanitäre Verpflichtungen.
Diskussion
Mit Blick auf die Bundestagswahl 2025 wird auch schon sachte Wahlkampf gemacht: „Wir haben viele Probleme in diesem Land“, sagt ein junger Mann namens Raffael Joos und erinnert an den Brücken-Einsturz in Dresden. „Ich glaube nicht, dass daran immer der Ausländer schuld ist“, sagt er weiter und stellt sich dann als neuer SPD-Direktkandidat für die Bundestagswahl 2025 vor.
Meine news
Die Diskussion läuft nicht aus dem Ruder, wie man nach der Bürgerversammlung in Warngau im Februar (wir berichteten) befürchten hätte können. Keine wütenden Bürger, die den Landrat beschimpfen, keine Traktoren vor dem Waitzinger Keller. Der zivile Sicherheitsdienst des Landratsamtes ist zwar da, aber er muss nicht eingreifen. Nach einer Stunde ist die Sendung vorbei, und alle verlassen den Waitzinger Keller – nicht unbedingt um neue Einsichten reicher.