Kritik an „unsäglicher Bezahlkarte“

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Keine leichte Kost: In der Jahreshauptversammlung der Dorfener Flüchtlingshilfe wurde klar, wie schwierig die Lage für Geflüchtete im Landkreis ist. © Michaele Heske

Die Flüchtlingshilfe Dorfen informierte auf der Jahreshauptversammlung über aktuelle Herausforderungen der Geflüchteten im Landkreis.

Dorfen – Die Zahl der Mitglieder liegt stabil bei 150 und mehr, ein Viertel von ihnen war zur Jahreshauptversammlung der Flüchtlingshilfe Dorfen gekommen. „Der Wind in Politik und Gesellschaft hat sich gedreht“, stimmte Franz Leutner, einer der drei Sprecher des Vereins, sogleich auf die angespannte Situation der Asylsuchenden im Landkreis ein. 

Vorstand im Amt bestätigt

Es gebe in der Tat etliche Änderungen, informierte Michaela Meister sogleich. „Die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine werden künftig ebenfalls über die Erstaufnahmestellen verteilt, sie dürfen sich also nicht mehr in privaten Unterkünften einmieten.“ Nach wie vor kommt alle 14 Tage in Erding ein Bus mit Asylsuchenden an, insgesamt leben 3300 davon im Landkreis. In Erding gibt es 900 Plätze, in Taufkirchen 470 und in Dorfen 327. Die meisten von ihnen sind die Menschen aus der Ukraine, gefolgt von Syrern, Afghanen und Nigerianern. 

Turnusgemäß wurde bei dem Treffen im evangelischen Gemeindezentrum der Vorstand gewählt: Michaela Meister und Ingo ter Meulen bleiben für die kommenden zwei Jahre im Amt. Auch Leutner wird weitermachen, gerade jetzt will er die Schutzsuchenden nicht im Stich lassen: „Alle Parteien springen auf den Zug der Populisten auf“, monierte der 73-jährige Dorfener.

Seiner Meinung nach werden die Asylsuchenden zunehmend diskriminiert: „Mit Leistungen unter dem Existenzminimum, mit der Bezahlkarte und einer immer noch trostloseren Unterbringung zeigt man den Menschen, dass sie bei uns unerwünscht sind.“ 

Im Klartext: In den größeren Unterkünften sollen die Kapazitäten „maximal ausgeschöpft“ und die Auslastung der Betten gesteigert werden, so die Forderung im Freistaat. „Das hatten wir schon im Landkreis: Vier Personen auf 15 Quadratmetern, sechs Leute in einem Zimmer.“

Durch die Nachverdichtung könnte auch das Konfliktpotential wieder steigen, befürchtete ter Meulen. In Lindum, dem Asylheim unter Trägerschaft der Regierung von Oberbayern, gibt es Platz für 110 Personen, doch lediglich die Hälfte ist derzeit belegt. Und das sei gut so. „Es gibt keine Probleme mehr in Lindum, zumal die meisten Bewohner mittlerweile eine Arbeitsstelle haben“ wusste ter Meulen Positives zu berichten.  

Das Dorfener Zentrum für Integration und Familie (DZIF) hat sein Angebot an Deutschkursen ausgeweitet. Es gebe jetzt zusätzlich zu den jeweils vier Abend- und Vormittagskursen auch ein Angebot am Nachmittag. Die Zahl der Teilnehmer habe sich auf 150 eingependelt. „Eine Warteliste gibt es freilich immer noch“, so DZIF-Vorstand Dorette Sprengel.

Herausfordernd sei insbesondere der Wohnungsmarkt in Dorfen. Die Geflüchteten finden nur schwer ein eigenes Heim. Gut tausend Geflüchtete im Landkreis haben ein dauerhaftes oder zumindest längeres Aufenthaltsrecht und zählen somit zu den Fehlbelegern in den entsprechenden Unterkünften.

Und nicht zuletzt hadern die Flüchtlingshelfer nach wie vor mit der „unsäglichen Bezahlkarte“, die für Asylsuchende seit dem 1. Juni im Landkreis gilt: Sozialleistungen werden nicht mehr auf ein Girokonto überwiesen, sondern auf einer Geldkarte gutgeschrieben. Nur noch 50 Euro Bargeld können damit abgehoben werden, so die Dorfener SPD-Stadträtin. Nach wie vor kann man nicht überall mit Plastikgeld einkaufen. In Bus und Bahn muss bar bezahlt werden, auch beim Bauern in Lindum oder in Secondhand-Läden. 

Online bestellen geht nicht

Auch Bestellungen im Internet sind mit der Bezahlkarte nicht erlaubt, weder bei Ebay noch bei anderen Online-Händlern: „Wie kommt eine Mutter in Lindum an günstige Babykleidung oder an ein gebrauchtes Fahrrad?“, fragte Leutner.

Viele Asylbewerber hätten den Führerschein gemacht, sich dafür Geld geliehen. Zudem gebe es Ratenverträge bei Rechtsanwälten oder mit Banken. „Kredite können nicht mit Lebensmitteln getilgt werden“, meinte der ehemalige Sozialarbeiter ironisch.   

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