Frida Kahlo – sie ist längst mehr als eine Malerin. Sie ist Ikone, Projektionsfläche, Mythos. Bravo! Stage Arts e. V. hat das Leben dieser großen Frau in Kempten künstlerisch reflektiert.
Kempten – „Frida. Ein Blick in die Vergangenheit“ heißt das erste Projekt des neugegründeten Vereins – ein Tanztheaterabend, der sich nicht mit biografischen Eckdaten aufhält, sondern das Gefühl hinter der Figur sucht. Und findet.
Tanztheater „Frida. Ein Blick in die Vergangenheit“ lässt in Fridas Seele blicken
Schon der Auftakt ist stark. Eine Tänzerin in weißem Schleier tritt ins Licht – es ist Fridas Seele, der das Publikum hier begegnet. Der Moment steht still, bevor sich ihr Körper zu bewegen beginnt. Fließend und sinnlich tanzt Jeanine Bravo – sie lässt dabei Zitate Kahlos einfließen, die wie Erinnerungsfetzen im Raum schweben. Die Choreografien von Jairo Bravo, Jeanine Bravo und Nia Dekova erzählen von inneren Zuständen: Schmerz, Rebellion, Liebe – ineinander verschränkt wie in einem Gemälde.
Zwei Fridas
Zwei Tänzerinnen geben Frida Gestalt. Ida Clormann zeigt überzeugend die junge, eigensinnige Außenseiterin, die früh mit Ausgrenzung und Schmerz konfrontiert ist – körperlich wie gesellschaftlich. Nia Dekova verkörpert die reife Frida, voller Sinnlichkeit und Stolz, aber auch von Brüchen durchzogen. Ihre starke Präsenz trägt viele der Szenen – ganz besonders in der eindringlichen Begegnung mit einer dunklen Gestalt, begleitet vom mexikanischen Volkslied „La Llorona“. Eine Stimme (Gesang: Jeanine Bravo), die aus der Tiefe dringt, singt von Abschied, Schuld und Tod. Ein Gänsehaut-Moment.
Starkes Zusammenspiel
Der Abend lebt auch von der kollektiven Energie: Sieben Kinder und zwölf Erwachsene bilden zwei Ensemblekonstellationen – sie tanzen mal als Gruppe, mal in fokussierten Formationen, immer mit hoher Präzision und spürbarem Zusammenspiel. Besonders eindrucksvoll: die choreografische Geschlossenheit, mit der die Gruppenszenen gestaltet sind. Keine Bewegung wirkt beliebig, jede Geste scheint getragen von einem inneren Rhythmus.
Porträts in Bewegung
Das Stück wagt immer wieder poetische Verdichtungen. In einer Szene erwachen vier ihrer gemalten Porträts zum Leben, sie begegnen sich tanzend und spiegeln einander. Die Kostüme (Gabriele Gabler und Sophie Lutz) leisten hier Großes: hohe Wiedererkennbarkeit und Kunst, die sich von der Leinwand löst.
Die Künstlerin und die Gesellschaft
Zu Beginn verortet das Stück Fridas Leben im gesellschaftlichen Kontext Mexikos – Revolution, Aufbruch, Kunst als Ausdruck politischer Haltung. Lieder und Videoeinspielungen unterstützen diese Einbindung eindrucksvoll. Im weiteren Verlauf jedoch rückt das Persönliche in den Vordergrund.
Das ist berührend inszeniert – doch das Stück hätte an Spannung gewonnen, wäre es näher an Frida Kahlos Biografie geblieben. Gerade ihr politisches Engagement – ihr Kampf für soziale Gerechtigkeit, ihre Verbundenheit mit revolutionären Ideen – ist ein zentraler Teil ihrer Persönlichkeit.
Ein Debüt mit Herz
Und doch: Der Abend trägt. Auch durch die Musik: die Rancheras, die mexikanischen Volkslieder (Gesang: Jeanine, Jairo und Lian Bravo), oft auf Spanisch gesungen – und durch die spürbare Nähe der des Künstlerteams zu Land, Kultur und Künstlerin. Das Publikum dankt es mit stürmischem Applaus, auch einige mexikanische Gäste im Raum feiern das Stück sichtlich bewegt.
Feste, Konzerte, Ausstellungen: Was man in Kempten und Umgebung unternehmen kann, lesen Sie im Veranstaltungskalender.
Mit dem Kreisbote-Newsletter täglich zum Feierabend oder mit der neuen „Kreisbote“-App immer aktuell über die wichtigsten Geschichten informiert.