Das Kornhaus, „die gute Stube Kemptens“ wurde im Rahmen einer fulminanten Feier wiedereröffnet. Oberbürgermeister Thomas Kiechle und Architekt Adrian Hochstraßer blickten in ihren Festreden auf drei Jahrhunderte Geschichte und auf die Herausforderungen bei der Renovierung zurück.
Kempten – „Ein Häuschen für das Korn, sehr groß und imposant. Und Ihr seid als Erbauer überall bekannt“, mit diesen gesungenen Worten versucht Magdalena (Antonia Welke) Fürstabt Rupert von Bodman (Sebastian Strehler) 1688 zum Bau des Kornhauses zu bewegen. Sie hat Erfolg, obwohl der Fürstabt kurz davor seinen Architekten, Johann Jakob Herkomer (Christian Kaiser), mit dessen Bauplänen zum Teufel schickte: „Größenwahn! Das ist Hochmut und Unverschämtheit! Die schwarze Null ist in Gefahr!“ Magdalena ist voller Dankbarkeit, weil Bodmann ihr, einer verurteilten „Hexe“, in Hohenems das Leben gerettet hat. Sie nutzt ihre Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken und begibt sich mit den beiden Männern auf eine Zeitreise ins Jahr 2025. Als der Fürstabt die Festgesellschaft im frisch renovierten Großen Saal sieht und hört, wie sie dem Erbauer danken „für die neue Schranne, einen Ort für die Sinne, für Kunst und Kultur, für die gute Stube, in der viel gelacht wird und man Feste feiert“, steht seine Entscheidung fest: „Das Gotteshaus für die Schönheit“ wird gebaut.
Diese von Christian Kaiser konzipierte und von den drei Künstlern des Theaters in Kempten aufgeführte Geschichte bildete den Rahmen für die feierliche Wiedereröffnung. Welke und Strehler haben die Texte bekannter Lieder aus der Dreigroschenoper und aus ihrem Lieblingsrepertoire umgedichtet. Annette Naumann begleitete sie am Flügel. Für die musikalische Gestaltung des Abends sorgte das Blechbläserensemble der Stadtkapelle Kempten unter der Leitung von Matthias Haslach.
Die Festansprache des Oberbürgermeisters
Die Festansprachen von Oberbürgermeister Thomas Kiechle und dem jetzigen Architekten Adrian Hochstrasser waren in die Rahmengeschichte eingebettet. „Das Ergebnis ist überwältigend. Das Kornhaus erstrahlt in neuem Glanz und lädt uns alle ein, seine Geschichte zu entdecken und seine Zukunft zu gestalten“, sagte Kiechle. Er ging auf die historische Entwicklung des von seinem „Vorredner“ im 17. Jahrhundert gebauten Hauses ein. Nach der anfänglichen Nutzung als Kornschranne erwarb die Stadt Kempten das Gebäude und ließ 1875 den Großen Saal einbauen und in einen Ort der Begegnung umfunktionieren. „Seit 150 Jahren wird hier also schon gefeiert!“, betonte Kiechle. Viele Allgäuerinnen und Allgäuer verbänden mit dem Kornhaus persönliche Erinnerungen. Bei ihm sei es der „legendäre Brauhaus-Ball am Rosenmontag“, wo er mit seiner Freundin, die jetzt seine Frau Ulli ist, getanzt habe.
Nach dem Beschluss des Stadtrats, das Allgäu-Museum hier zu schließen, stand fest: „Das Kornhaus soll ein modernes Veranstaltungshaus werden.“ Der 2019 gestartete Umbau sei „intensiv und herausfordernd“ gewesen. „Die alten Mauern und Balken hielten so manche Überraschungen bereit, mit denen vorher niemand gerechnet hat.“ Kiechle nannte die Konsequenz: „Viele Schäden erwiesen sich als so schwerwiegend, dass wir bis ins Mark sanieren mussten.“ Auf einmal sei man vor der Entscheidung gestanden: „ganz oder gar nicht“. „Damit wurde aus der ursprünglichen Brandschutzsanierung ein viel größeres und teureres Projekt.“
Die Festansprache des Architekten
Architekt Adrian Hochstrasser hielt eine bewegende Ansprache, in der er die Herausforderungen und Erfolge der umfangreichen Sanierungsmaßnahmen schilderte. Er erinnerte an den Beginn des Projekts im Oktober 2018, als die baurechtliche Betriebserlaubnis des Kornhaussaals aufgrund von Brandschutzmängeln erloschen war. Das Gebäude, das einst das Stadtmuseum beherbergte, konnte nicht mehr bestimmungsgemäß genutzt werden. Erst nach dem Auszug des Museums konnte die Bausubstanz des Kornhauses genauer untersucht werden, und die Ergebnisse waren erschreckend: Das historische und denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1701 war in einem viel schlechteren Zustand als erwartet. Die Renovierungsarbeiten offenbarten zahlreiche Schwachstellen, „in Teilen bestand sogar Einsturzgefahr“. Die Prüfungen mussten erweitert werden, und das ursprünglich angenommene Bauvolumen von 10.000 m³ wuchs auf 25.000 m³ umbauten Raum. Diese Erkenntnis habe alle Beteiligten, insbesondere die Stadtgesellschaft, vor größte Herausforderungen gestellt, doch in intensiven und partnerschaftlichen Gesprächen wurde beschlossen, das „notwendigerweise vergrößerte Projekt umzusetzen und das Kornhaus in eine gesicherte Nutzung zu überführen“.
Hochstrasser betonte den Wert des Kornhauses als „identitätsprägendes und vielfältig nutzbares Juwel“ der Stadt Kempten. Trotz der Corona-Pandemie und der Ukraine-Krise, die direkte Auswirkungen auf Lieferkapazitäten und Kosten hatten, gelang es, das Projekt erfolgreich umzusetzen. Der Architekt dankte allen Beteiligten, insbesondere den Firmen, die das Mammutprojekt ohne spekulative Preise in Angriff nahmen, sowie dem Kempten Messe- und Veranstaltungsbetrieb und dem Denkmalamt. Die Wiedereröffnung des Kornhauses markiert einen bedeutenden Moment für die Stadtgesellschaft Kempten. Das Gebäude kann nun vielfältig genutzt werden, von Veranstaltungen und Hochzeiten bis hin zu Seminaren und Restaurantbesuchen.
Früher diente das Kornhaus zur sicheren Lagerung des Korns, heute sei es dagegen als Haus für die Menschen und ihre kulturellen und gesellschaftlichen Bedarfe anzusehen. Hochstrasser ermutigte daher die Bürgerinnen und Bürger, das Haus in Beschlag zu nehmen und seine Geschichte weiterzuschreiben.
Vielseitige Nutzungsmöglichkeiten
Auf einmal stürmten Kinder aus der Fürstenschule den Saal und nahmen die Bühne in ihren Besitz. Jeanine und Jairo Bravo und die Mitglieder ihrer Tanzschule eroberten das Tanzparkett und zeigten die vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten auf, von Bällen bis zu Schulabschlussfeiern.
Domkapitular Thomas Rauch und Dekanin Dorothee Löser segneten gemeinsam das Haus und brachten die Kinder und die Erwachsenen in Bewegung und zum Lachen. Löser sprach von „Räumen, in denen das Leben gefeiert wird“.
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