Sie ist genau da, wo sie hin wollte nach vier Jahren Warten: Auf den letzten Drücker hat sich Alina Kornelli für die Olympischen Spiele qualifiziert. Und jetzt möchte die 24-Jährige aus Reichersbeuern, dass es losgeht. Kornelli will aber nicht nur dabei sein, wenn ihr Kite sie und ihr Foil-Board auf Tempo bringt. Sondern beim Formula Kite – erstmals olympisch – vorne mitmischen. Denn sie weiß, dass sie das Zeug dazu hat.
Paris/Marseille/Reichersbeuern – An sich kein Wunder, dass Alina Kornelli es geschafft hat. Das Sportler-Gen, es scheint ihr in die Wiege gelegt. Der Vater Dietmar Kornelli: einst Windsurf-Weltmeister. Der Bruder, Ex-Löwe Julian Kornelli: erfolgreicher Eishockey-Spieler. Und Alina Kornelli wurde mit dem Surfbrett groß, wechselte in jungen Jahren zum Kite-Surfen. Doch es war ein langer, steiniger Weg bis nach Paris. Dahin, wo sie seit vier Jahren unbedingt hinwollte. Einem Ziel, dem sie Vieles untergeordnet, für das sie Disziplin und Segelverband gewechselt hat: Olympia, der Traum jedes Sportlers. Kornelli ist dabei und kann es jetzt kaum erwarten, dass es losgeht. Sie möchte liefern, „ich habe keine Geduld mehr“. Egal, ob es für eine Medaille reicht oder nicht. „Ich will Leistung abliefern, mache mir nicht allzu viel Druck, will aber schon vorne mitmischen.“
Alina Kornelli aus Reichersbeuern qualifiziert sich für Olympia: Jetzt kämpft sie um Medaillen
Das erste Zwischenziel wird der Abschluss der ersten vier Tage des Kite-Wettkampfs sein. Nur die besten zehn Frauen qualifizieren sich für die abschließenden Medaillen-Rennen. „Wenn es nichts wird mit einer Medaille, dann war es eben diesmal noch nicht so weit. Da geht die Welt nicht unter.“ In die Top-Zehn-Runde möchte sie es allerdings schon schaffen. „Das wäre sonst enttäuschend.“ Was danach kommt, kann Kornelli nur bedingt beeinflussen: „Da spielt Vieles mit rein. Aber von der Leistung her habe ich ganz vorne im Kreuz – das weiß ich.“
Die 24-Jährige lebt mittlerweile in München und ist ein Großteil des Jahres in der Weltgeschichte zum Kiten unterwegs. Doch am Donnerstag machte sie sich auf den Weg nach Paris und ist froh, dass ihre Eltern dabei sind. Die kleine Schwester wäre auch gerne mitgekommen. „Die fragt schon immer, wann ich mal wieder nach Hause komme, wäre gern mit ins Auto eingestiegen.“ Doch eine chaotische Stadt wie Marseilles, wo die olympischen Wassersportwettkämpfe stattfinden, sei vielleicht nicht unbedingt das Richtige für eine Zehnjährige. Die Sommerspiele 2024 starten mit der Eröffnungsfeier auf der Seine an diesem Freitag. Doch gleich danach geht‘s für Kornelli wieder ins Auto, sieben Stunden an die Mittelmeerküste.
Sportlich ist sie gut vorbereitet
Ihr Material ist schon vor Ort. „Das musste alles bis 17. Juli dort sein und wurde für jede Nation in Container eingelagert. Danach kam keiner mehr auf das Gelände, da wurde erstmal alles nach Bomben und dergleichen durchsucht.“ Kornelli war zeitlich limitiert, dabei nahm die Suche nach dem perfekten Material einige Zeit in Anspruch. „Wir haben vier verschiedene Größen beim Kite, in jeder Größe gibt es Wettkampf- und Trainings-Schirme, auch die Boards müssen passen. Ein ganz schöner Aufwand.“ Für den Rest ist sie selbst verantwortlich: Sie braucht Tempo auf dem Board, das auf einer Carbon Finne über das Wasser gleitet, muss es aber auch kontrollieren, braucht die richtige Taktik in jedem Durchgang.
Sportlich ist sie gut vorbereitet. Möglicherweise komme ihr das als schwierig verschriene Revier vor Marseilles zu Gute. Kaum jemand ihrer Konkurrentinnen dürfte es in diesem Jahr so gut kennengelernt haben wie sie. Kornelli lebte von Juni bis Juli quasi in Marseilles, ging viel Radfahren, ins Gym, war fast jeden Tag auf dem Wasser trainieren. „Böiger, wechselnder Wind, viele Inseln, viele Strömungen, das ist echt eine Herausforderung, knifflig.“ Doch die Reichersbeurerin hat ihr Board gut im Griff. Fehlen ihr vielleicht bei leichteren Bedingungen ein paar Stundenkilometer bei der Endgeschwindigkeit, kommt es darauf in Marseilles vielleicht gar nicht so an. „Technisch bin ich gut, vielleicht hilft mir das.“ Was sie sich noch wünscht, sind konstante Ergebnisse. Kornelli hatte bei wichtigen Wettkämpfen oft einen Top-Start, aber auch oft Pech oder ihr kamen verrückte Dinge dazwischen. „Es wäre schön, wenn ich diesmal einfach einen geraden Wettkampf habe“, sagt sie und grinst.
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Es zählt, was am Ende raus kommt, und am Ende kann ich ganz vorne reinfahren.“
Schon um die Qualifikation für Olympia musste die 24-Jährige ein wenig zittern. Ein Innenbandriss setzte sie in der Vorbereitung außer Gefecht. Sie verpasste Training und Quali-Wettkämpfe. Erst in letzter Sekunde, bei der passend benannten Last-Chance-Regatta im Frühjahr in Toulon nicht weit von Marseilles, löste sie das letzte verbliebene Ticket. Damals bewies Kornelli Nervenstärke. Das muss sie auch diesmal. Für Nervosität hatte sie zwar bisher keine Zeit. Die Wochen und Monate vor Olympia waren dicht getaktet mit Material-Tests, Training und Organisation. „Aber ich denke, spätestens bei der Eröffnungsfeier werde ich realisieren, wo ich da bin“, sagt Kornelli. „Ich bin jemand, der schon leicht nervös wird.“ Um damit fertig zu werden und sich nicht zu bremsen, möchte sie sich selbst sozusagen ein bisschen den Wind aus den Segeln nehmen. „Ich gehe zwar selbstbewusst in den Wettkampf, mache mir aber keinen Druck. Ich bin solche Situationen von vielen Rennen gewöhnt, ich muss auch mal ein schlechteres Ergebnis akzeptieren, cool bleiben. Es zählt, was am Ende raus kommt, und am Ende kann ich ganz vorne reinfahren.“
Alina Kornelli tritt für den österreichischen Verband an
Eventuelle Medaillen gehen dann aber nicht an Deutschland, sondern an Österreich. Kornelli wechselte vor ein paar Jahren über die Landesgrenze zum ÖSV, weil sie dort noch bessere Bedingungen fand. Und sie bereut ihre Entscheidung nicht: Der österreichische Verband hat seinen Wassersportlern ein Haus in Marseilles angemietet. Mit Pool und Küche. „Schlecht wird‘s uns nicht gehen“, sagt Kornelli, die mit den Österreichern ein gutes Team gefunden hat. Ihre Wettkämpfe beginnen erst in der zweiten Woche, von Sonntag bis Donnerstag, 4. bis 8. August. Der 9. August ist zur Reserve. Bis es ernst wird, hat Kornelli also noch ein bisschen Zeit. Nicht, um sich Gedanken zu machen, sondern um sich endgültig vorzubereiten. Auf das, für das sie nun vier Jahre lang Anlauf genommen hat.
Ein weiterer Sportler aus der Region hat es zu den olympischen Spielen geschafft: Skateboarder Tyler Edtmayer. Doch der Lenggrieser, der bereits 2021 in Tokio dabei war und mit Gipsarm 15. in seiner Disziplin Park wurde, stand trotz etlicher Versuche telefonisch nicht zur Verfügung. (nic)