Auftakt zur Erinnerungskultur

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Aufmarsch in der Bahnhofstraße: Die Reichsschüler und die Lehrer (mit nacktem Oberkörper) waren in Feldafing präsent. Das Propagandafoto der Jungmannen in Marschformation entstand vor dem damaligen „Weißen Rössl“. © Gemeindearchiv Feldafing

„Traum und Albtraum“: Diesen treffenden Titel gaben die Historiker Prof. Marita Krauss und Erich Kasberger ihrem Buch über Feldafings Geschichte in der Nazi- und Nachkriegszeit. Das Dorf wurde wegen seiner besonderen Lage immer wieder zum Schauplatz unter anderem von gelebter NS-Ideologie und Nachkriegsdramen. Die Autoren hoffen, dass das Buch der Auftakt für Diskussion und Erinnerungskultur ist.

Feldafing - Schloss-Fantasien von Max II. um 1850, Villenbau um 1900, Reichsschule ab 1934, DP-Camp ab 1945: Schlagworte aus der Feldafinger Geschichte. Doch nie wurde genau geforscht und recherchiert. Das war einer der Gründe, die den Feldafinger Gemeinderat dazu bewogen, diesen Teil der Ortshistorie genauer anschauen zu lassen. Die Historiker Prof. Marita Krauss und Erich Kasberger haben vier Jahre lang in Archiven geforscht und Quellen und Interviews ausgewertet. Das Buch „Traum und Albtraum. Feldafing im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit“ wirft auf mehr als 500 Seiten nicht nur den Blick auf viele Details, es räumt auch mit Vorurteilen auf. Es ist die erste wissenschaftliche Aufarbeitung zur Geschichte der Reichsschule, einer einzigartigen Institution im Deutschen Reich, und es wirft den Blick auf viele Schicksale.

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Buchpräsentation (v.l.): Bernhard Sontheim, Prof. Marita Krauss und Erich Kasberger. © Andrea Jaksch

Die wechselvolle Geschichte ihres Heimatortes bewegt viele Feldafinger. Der Rathaussaal war mit rund 150 Personen am Dienstagabend bei der Buchpräsentation knallvoll. Manch einer war mit einem mulmigen Gefühl gekommen – wie würden die Feldafinger wegkommen? Für vieles konnten die Einheimischen nichts, das machten Krauss und Kasberger deutlich. „Feldafing wurde immer wieder ausgewählt“, sagte Krauss. „Bauernland wurde erst Kunstlandschaft“, sagte sie mit Blick auf den Lenné-Park. „Und dann wurde Bauernland zum Spekulationsobjekt am Höhenberg“, sagte sie über die Entstehung der Villenkolonie.

„Feldafing war kein katholisches Bauerndorf mehr“, erklärte Krauss. In Feldafing gab es viele Gewerbetreibende, Handwerker und Kaufleute, aber keine bäuerliche Elite mehr, ein Drittel der Bevölkerung war evangelisch. 44 Prozent stimmten im März 1933 für die NSDAP. Mit der NS-Herrschaft veränderte sich die soziale Struktur. „Es gab kein Oben und kein Unten mehr“, zitierte Kasberger aus den Erinnerungen von Elizabeth Pschorr. Der gefürchtete Ortsgruppenführer Dr. Heinrich Brubacher bedrängte und bedrohte die Feldafinger. Aber es gebe keinen Hinweis, dass er jemanden denunziert habe, betonte Krauss.

Ab 1934 dominierte die Reichsschule das Dorf, „das regelrecht übernommen wurde“, berichtete Krauss. Die Lehrer versahen auch Ämter im Dorf, Schulleiter Julius Goerlitz wurde Bürgermeister. SA-Chef Ernst Röhm, der die Idee für die Schule und den Platz ausgewählt hatte, wurde zwar zehn Wochen nach der Eröffnung der Schule ermordet. Doch neue Parteieliten, darunter Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß und später Martin Bormann, rückten an Röhms Stelle und gaben Goerlitz freie Hand bei der Auswahl von Lehrern und Schülern.

Diese mussten vor allem körperlich dem NS-Ideal entsprechen, sagte Kasberger. Im Zeugnis wurde als Erstes die körperliche Eignung des Schülers bewertet, dann erst der Charakter und die Leistung im Unterricht. Durchfallen konnte man nicht, man wurde heimgeschickt. Betont wurden Kameradschaft und Sport, die musische Bildung, es gab moderne Projektarbeit und Unterricht im Wald. „Sie verstanden, die Schüler zu begeistern“, sagte Kasberger. „Aber subtil stand eine unglaubliche Lenkung dahinter.“

Hitler Feldafing Reichsschüler
Besuch in Feldafing: Adolf Hitler 1935 vor dem Hotel Kaiserin Elisabeth mit strammstehenden Reichsschülern bei einem privaten Besuch. © Gemeindearchiv Feldafing

Die Reichsschule war eine Schule der Partei, unterstrich Kasberger. „Es gab keine Lehrpläne, keine Beschwerdemöglichkeit für Eltern, die Schule unterstand nicht dem Kultusministerium.“ Die Partei kaufte Grundstücke, konfiszierte Häuser und finanzierte die Schule. Unter den 20 Villen waren drei Villen jüdischer Bürger, keineswegs alle. Auch die „arischen“ Besitzer seien zum Verkauf gezwungen worden, so Krauss. Von der Schule stehen heute noch die Sturmblockhäuser auf dem Kasernengelände, bei denen KZ-Häftlinge aus Dachau mitgebaut haben. Die Nazis hatten weitere Pläne für eine „Riesenanlage“, wie Krauss sagte, die Feldafing massiv verändert hätten.

Mit Kriegsende verschwanden die Schüler, und die Amerikaner nutzten Schulgebäude und Villen für die am Starnberger See gestrandeten KZ-Häftlinge. Die wähnten sich nach der Hölle in den KZ zum Teil „wie im Himmel“, so ein Bericht. In Feldafing entstand das größte rein jüdische Camp für Displaced Persons (DP). Für die Camp-Bewohner, aber auch für die Feldafinger war das nicht einfach. „Es kam zu Plünderungen auf beiden Seiten“, so Krauss.

„Ein amerikanischer Berichterstatter resümierte 1946, das ursprüngliche Dorf Feldafing sei praktisch ausradiert, weil alle Feldafinger ausquartiert waren“, erzählte Kasberger. „Was für die einen ein Traum war, wurde für die anderen Albtraum und umgekehrt.“

Bürgermeister Bernhard Sontheim dankte den beiden Autoren, dass die Geschichte Feldafings nun aufgearbeitet ist. „Es gab immer wieder Gerüchte und Behauptungen“, sagte er. Jetzt gebe es eine Diskussionsgrundlage. Kasberger und Krauss freuen sich auf Gespräche. Der nächste Vortrag über „Feldafinger Identitäten“ findet am 11. Dezember um 18 Uhr im Rathaussaal statt. Das Buch ist im Volk-Verlag in München erschienen und kostet 39,90 Euro.

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